„Teilnehmen ohne vor Ort zu sein“

Hinter den Kulissen zur Live-Dokumentation der Tagung „Forum Lokaljournalismus

Jan Steeger. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Jan Steeger. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Das Forum Lokaljournalismus findet vom 26.-28.01.2011 statt. Auf Einladung der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb disktutieren Chefredakteur/innen und leitende Redakteur/innen von lokalen und regionalen Tageszeitungen über die Zukunft des Lokaljournalismus. Die Veranstaltung findet nicht nur in Waiblingen statt, sondern wird live im Netz dokumentiert. Über das Wie und Warum hat die pb21-Redaktion mit Jan Steeger gesprochen.

Jan Steeger ist Projektleiter der drehscheibe, einem Fachmagazin für Lokaljournalisten, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung.

Herr Steeger, eine live-dokumentierte Tagung – was kann man sich darunter vorstellen?

Eine Tagung, an der man auch teilnehmen kann, ohne vor Ort zu sein. Das heißt eine Tagung, bei der man nicht nur alle relevanten Informationen aus Referaten und Diskussionen bekommt, sondern sich auch mit seiner Meinung einklinken kann. „Live“ muss dabei nicht zwangsläufig „in Echtzeit“ bedeuten. So wie bei den meisten Kongressen die interessantesten Diskussionen zwischen den Vorträgen beim Pausenkaffee stattfinden, so kann auch bei der Live-Dokumentation die Zusammenfassung einer Veranstaltung erst online gestellt werden, wenn diese Veranstaltung schon vorbei ist. Auch dann kann sich noch eine Diskussion entwickeln. „Live“ bedeutet aber schon, dass die Berichterstattung zur Tagung stattfinden sollte, solange die Tagung noch läuft. Erfahrungsgemäß nimmt das Interesse sehr schnell ab, sobald die Veranstaltung vorbei ist.

Welche Werkzeuge und Dienste werden Sie einsetzen?

Das Web bietet eine ganze Palette von Werkzeugen. Wir nutzen Twitter, um während der Referate und Diskussionen auf prägnante Zitate und interessante Thesen hinzuweisen. Da es unter den Teilnehmern in der Regel ja auch noch weitere Leute gibt, die von der Veranstaltung twittern, bekommt man als Außenstehender schon so einiges mit, wenn man diesen Kanal verfolgt. Voraussetzung ist allerdings, dass die in jedem Tweet zur Veranstaltung auch der entsprechende Hashtag verwendet wird. Bei uns wird das #folo2011 sein. Für weiterführende Informationen bietet sich dann ein Blog an. Über das WordPress-CMS lassen sich ja sehr schnell Beiträge online stellen, so dass man kurz nach der jeweiligen Veranstaltung schon ein kleines Resümee bloggen kann. Oder ein Video-Interview veröffentlichen, dass man direkt nach dem Vortrag mit dem Referenten geführt hat. Als weiteren Kanal nutzen wir beim diesjährigen Forum Lokaljournalismus Live-Streaming, d.h. bestimmte Veranstaltungen werden mit einer Videokamera aufgenommen und dann direkt ins Web übertragen. Das ist dann wirklich live. Zusätzlich werden die wichtigsten Texte, Videos und Vorträge auf der Webseite zum Forum: www.forum-lokaljournalismus2011.de. Die wird dann als Langzeit-Dokumentation dienen.

Wie kann man sich das konkret vorstellen? Wie sieht das für mich aus, wenn ich während der Tagung zu Hause vor dem Rechner sitze?

Das Tolle ist ja, dass Sie selbst entscheiden können, was Sie von der Tagung erfahren wollen: kurze Infos und Statements über Twitter oder lieber die Zusammenfassungen, Videos und Diskussionen auf dem Blog und der Webseite. Wenn Sie eine Veranstaltung besonders interessiert, dann schauen Sie sich einfach den Livestream an. Ich persönlich habe im vergangenen Jahr auf diese Weise schon bei einigen Veranstaltungen als „virtueller“ Zuschauer teilgenommen und war erstaunt, wie viel letztlich davon bei mir haften geblieben ist.

Gibt es Rückkanäle? Können sich Menschen von „draußen“ in die Tagung einbringen?

Rückkanäle sind ebenso wichtig wie die erwähnten Pausengespräche zwischen den einzelnen Veranstaltungen. Zum einen können sich die Leute über Twitter einbringen. Alle Tweets mit dem Hashtag #folo2011 werden auf der Twitterwall im Veranstaltungssaal und auf der Webseite angezeigt. Die Referenten und Teilnehmer können also direkt Tweets aufgreifen und in die Diskussion einbringen. Zum anderen sind natürlich auch alle herzlich eingeladen, sich mit Kommentaren auf Webseite und Blog an den Diskussionen zu beteiligen.

Wie sieht die Arbeit hinter den Kulissen aus? Wer macht in Sachen Live-Dokumentation wann während der Tagung was?

Im Prinzip macht jeder alles. Wir sind ein kleines Team aus Redakteuren und Volontären der bpb, des Zeitungsverlags Waiblingen und der drehscheibe. Mindestens einer von uns ist auf jeder Veranstaltung präsent, twittert, bloggt und macht Fotos. Während dieser Zeit arbeiten die anderen an ihren Texten und Videos oder führen Interviews. Das Livestreaming betreut ein externer Mitarbeiter, der Erfahrung auf diesem Gebiet hat. Wichtig ist, dass vor der Tagung bereits festgelegt ist, wer welche Veranstaltungen besucht und darüber berichtet. Und nicht zu vergessen: Die technische Infrastruktur muss vorhanden sein und vorher ausgetestet werden. Gibt es einen DSL-Anschluss für das Livestreaming und einen separaten für das W-LAN? Wie ist die UMTS-Abdeckung? Gibt es ausreichend Steckdosen für Laptops, Ladegeräte etc.?

Das ist ja einiges an Mehrwaufwand. Warum machen Sie das?

Der Veranstalter der Tagung, das Lokaljournalistenprogramm der bpb, setzt sich seit vielen Jahren für die Förderung von Qualität im Lokaljournalismus ein. Dabei spielt der Austausch zwischen den Lokaljournalisten eine wichtige Rolle. Gerade in Zeiten des Medienwandels, in denen sich die Aufgaben und Arbeitsbedingungen vieler Printredakteure ändern, ist es wichtig, sich mit diesen Entwicklungen zu beschäftigen, um neue Konzepte und Ideen für eine lokale Berichterstattung zu finden. Insofern wollen wir mit der Live-Dokumentation einerseits viele Journalisten erreichen, die sich für die Trends und Veränderungen im Lokaljournalismus interessieren und sich an der Diskussion beteiligen möchten. Andererseits wollen wir auch zeigen, welche Möglichkeiten und Kanäle für Berichterstattung das Netz bietet und Lokalredakteure, die noch nicht so viel mit diesen Möglichkeiten gespielt haben, ermutigen, es doch mal auszuprobieren.

Im besten Fall findet eine Tagung also im Netz und vor Ort gleichzeitig statt und es gibt Schnittstellen dazwischen. Wird so etwas in ein paar Jahren Standard sein? Oder ist das eher ein Hype und ein großes Ausprobieren?

Es wird beides geben, den klassischen Tagungsband, der vertiefend noch einmal die Ergebnisse der Veranstaltung aufbereitet, und die Live-Dokumentation, die möglichst vielen Leute die Veranstaltung virtuell erleben lässt. Optimal ist die Verbindung aus beidem. Ob das zum Standard wird, hängt wohl davon, an wen sich die Tagung richtet. Ist die Veranstaltung vor allem für einen kleinen Expertenkreis von Interesse, braucht man nicht den Aufwand einer Live-Dokumentation zu betreiben. Außerdem gibt es eine Reihe von Tagungen, die bewusst „elitär“ gehalten werden über Einladungen oder hohe Teilnahmegebühren. Auch hier werden wohl die Inhalte nicht frei ins Netz gestreamt werden. Möchte man allerdings möglichst viele Menschen erreichen, kommt man nicht umhin, die Tagung auch im Netz zugänglich zu machen.


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Jöran ist Diplom-Pädagoge und freiberuflich in verschiedenen Bildungsbereichen aktiv. Am liebsten mag er Schnittmengen aus 1. Bildung / Lernen, 2. Medien / Kommunikation und 3. Management / Organisation.

Kategorien: Bloggen & Twittern, Dienste & Werkzeuge, Text-Interview, Web-Video & Livestreaming Schlagworte: , , , , , , , ,