Nur Facebook-Abstinenz überzeugt!

Grafik von MailChimp unter CC BY ND 2.0.

Grafik von MailChimp unter CC BY ND 2.0.

Facebook gilt inzwischen für viele gesellschaftliche Akteure als „unvermeidbar“ – egal was man von der Plattform und dem dahinter stehenden Unternehmen hält. Gilt das auch für die politische Bildung? Die #pb21-Redaktion hat zwei Experten um ihre Meinung gebeten. Im Folgenden plädiert Christiane Schulzki-Haddouti für eine Abstinenz gerade der politischen Bildung. Die Gegenposition wird von Thomas Pfeiffer vertreten: „Politische Bildung muss nach Facebook!

Wir laden zur Diskussion – nicht auf Facebook, sondern in unseren Kommentaren.

Keine Frage: Viele Menschen sind inzwischen bei Facebook als Mitglied registriert. Weltweit sind es über 600 Millionen. In Deutschland ist inzwischen fast jeder Fünfte bei Facebook. Was also liegt näher, als Menschen für Themen der politischen Bildung nicht auch direkt in dem sozialen Netzwerk anzusprechen? Dafür sprechen einige Argumente. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass ein entsprechendes Engagement bei Facebook eher kontraproduktiv sein könnte.

Erst analysieren, dann klicken

Klicken statt Diskutieren: Der Gefällt-mir-Button verführt die Nutzer dazu, nicht mehr zu kommentieren, die eigenen Gedanken explizit zu artikulieren, sondern über einen einfachen Klick etwas zu „mögen“. Die Option, etwas ähnlich einfach „nicht zu mögen“ gibt es nicht. Facebook fördert damit eine Akklamationskultur – also das Gegenteil einer Diskussionskultur, wie sie für eine funktionierende Demokratie wichtig wäre. Ein Angebot der politischen Bildung riskiert damit diese demokratiekritische Entwicklung weiter zu befördern.

Der Gefällt-mir-Button: Facebook setzt mit dem Gefällt-mir-Button Cookies auf die Rechner der Besucher und verfolgt sie damit quer durch das Netz. Wenn die Besucher gleichzeitig bei Facebook sind, kann Facebook erfahren, was sie im Netz sonst so tun. Informiert ein Anbieter, der auf seiner Website den Gefällt-mir-Button einbaut, seine Besucher nicht ausführlich über dieses Praxis, verstößt er gegen den Datenschutz. Außerdem zwingt er seinen Besuchern eine fragwürdige Technik auf, da sie, wenn sie die Cookies nicht wollen, diese selbst in ihrem Browser sperren müssen.

Geschlossene Veranstaltung: Facebook erstellt über den Button außerdem eine alternative Bewertungsstruktur im Netz. Da nicht alle Suchmaschinen diese Links auswerten können, wird sich nach und nach die Gewichtung der Relevanz von Artikeln verschieben. Facebook seinerseits bestimmt darüber, wer die Links auswerten darf und wer nicht. Bing zum Beispiel darf, Google nicht. Das verstößt gegen das Prinzip der Offenheit, das für die Architektur des Internets wesentlich ist. Die Frage ist daher, ob man als Organisation der politischen Bildung auf der Plattform eines Anbieters engagieren möchte, der die Offenheit des Netzes und damit ein Grundprinzip der Wissensgesellschaft korrumpiert.

Respektloser Umgang mit Nutzern: In der Vergangenheit hat Facebook wiederholt Features eingeführt, die gegen die informationelle Selbstbestimmung der Nutzer verstoßen. Auf Proteste hat Facebook zwar immer wieder, mit teils monatelanger Verzögerung reagiert, um bald darauf mit weiteren einschlägigen Vorstößen aufzufallen. Die jüngste Neuerung der automatischen Gesichtserkennung kann von Nutzern zwar „gesperrt“ werden, korrekt wäre jedoch kein Opt-out-, sondern ein Opt-in-Verfahren gewesen. Diese Methode, die Nutzer grundsätzlich ihrer Privatsphäre zu berauben, damit diese sie wieder in mühevollen Schritten zurückerobern können, widerspricht dem Weltbild des mündigen Bürgers, mit dem respektvoll verhandelt werden muss.

Erst überlegen, dann engagieren

Hinzu kommen einige grundsätzliche Überlegungen, die vor einem Engagement im Bereich Social Media angestellt werden sollten.

Relevante Inhalte: Es können nur dann viele Menschen erreicht werden, wenn die Inhalte auf großes Interesse stoßen. Netzwerkeffekte entstehen nämlich nur dann, wenn Menschen Informationen als wichtig, relevant oder irgendwie besonders einstufen. Eine Facebook-Seite ist daher kein Selbstläufer, sondern muss kontinuierlich mit interessanten Informationen bestückt werden. Diese müssen kontinuierlich recherchiert, aufbereitet und auf verschiedenen Kanälen verbreitet werden. Ansonsten tritt rasch Langeweile ein – und neue Nutzer können nicht gewonnen werden.

Glaubwürdiges Engagement: Das Engagement für die Seite muss glaubwürdig sein. Das ist es in einem Sozialen Netzwerk nur, wenn es auch „sozial“ ist, wenn also hinter der Seite Personen erkennbar sind, die sich engagieren. Diese müssen ständig ansprechbar sein, besser noch: Sie müssen selbständig und eigenverantwortlich in Foren und Kommentaren agieren können. Anderenfalls erscheint das Angebot rasch unglaubwürdig.

Kommunikationskonzept: Ein Facebook-Auftritt erfordert ein überzeugendes Kommunikationskonzept. Denn die jeweils Verantwortlichen treten nicht als Privatpersonen, sondern als Vertreter einer Institution auf. Deshalb muss auch überlegt werden, wer kommuniziert, wenn die jeweiligen Personen im Urlaub oder krank sind. Wird dies nicht geregelt, erscheint der Auftritt wenig professionell.

Effektive Organisation: Das Engagement in einem sozialen Netzwerk erfordert aufgrund der stark personenbezogenen Kommunikation eine effektive Organisation hinter den Kulissen. Hier müssen Präsentations- und Moderationskonzepte erarbeitet werden. Arbeitsabläufe innerhalb der Organisation müssen analysiert und in Einklang mit den Anforderungen der sozialen Netzwerke gebracht werden. Sie müssen außerdem so aufeinander abgestimmt werden, dass die Kommunikation in den sozialen Netzwerken nicht zur organisatorischen Belastung wird. Lange Reaktionszeiten können nämlich rasch an der Glaubwürdigkeit bzw. Authentizität kratzen.

Social Media Policy: Ein Engagement in sozialen Netzwerken bedeutet für Organisationen, dass auf Facebook nichts kommuniziert werden sollte, was der offiziellen Kommunikation des Hauses widerspricht. Eine interne Abstimmung ist daher wichtig. Außerdem sollte überlegt werden, wie lang die Leine sein darf, an der die Mitarbeiter agieren dürfen. Diese befinden sich ansonsten in einem permanenten Konflikt: Sprechen sie als Privatperson, die sie ja vielleicht ebenfalls auf Facebook sind, oder sprechen sie als Vertreter einer Institution? Bei Mitarbeitern könnte dies ansonsten zu einer permanenten Belastungssituation führen.

Recht: Auch auf Facebook gilt es rechtliche Regelungen wie etwa die Impressumspflicht oder das Recht auf Gegendarstellungen einzuhalten. Wer meint, auf Facebook ginge alles schneller und unkomplizierter, lässt sich von der spielerischen Fassade blenden.

Fazit

Abgesehen von grundsätzlichen konzeptionellen Erwägungen, die ein erfolgreiches Engagement in Facebook erfordert, stellt sich angesichts zahlreicher Eigenheiten der Plattform die Frage, ob überhaupt ein glaubwürdiger Auftritt im Rahmen eines Dienstes möglich ist, der grundlegende Rechte seiner Nutzer ignoriert. Eine bewusst gewählte Abstinenz wäre meiner Meinung für eine Organisation der politischen Bildung im Fall von Facebook angemessen.


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Christiane Schulzki-Haddouti für pb21.de.
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freie IT- und Medienjournalistin. Ihre Berichterstattung befasst sich mit dem Leben in der Informationsgesellschaft und all seinen Chancen und Schwierigkeiten. Sie bloggt in ihrem Gruppenblog KoopTech über das revolutionäre Potential kooperativer Technologien bzw. von Social Media sowie über Whistleblowing, Leaking, Presse- und Meinungsfreiheit und andere Themen der deliberative Demokratie auf ihrer privaten Website. (Foto: H. Lohmeyer / Jokers)

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