Politische Bildung muss nach Facebook!

Grafik von MailChimp unter CC BY ND 2.0.

Grafik von MailChimp unter CC BY ND 2.0.

Facebook gilt inzwischen für viele gesellschaftliche Akteure als „unvermeidbar“ – egal was man von der Plattform und dem dahinter stehenden Unternehmen hält. Gilt das auch für die politische Bildung? Die #pb21-Redaktion hat zwei Experten um ihre Meinung gebeten. Im Folgenden plädiert Thomas Pfeiffer pro Facebook. Die Gegenposition vertritt Christiane Schulzki-Haddouti: „Nur Facebook-Abstinenz überzeugt!

Wir laden zur Diskussion – nicht auf Facebook, sondern in unseren Kommentaren.

Nur 20 Kilometer liegt das schwäbische Beutelsbach vom Stuttgarter Hauptbahnhof entfernt. In dem kleinen Weinheimer Stadtteil von Weinstadt wurde 1976 der sogenannte Beutelsbacher Konsens zur Politischen Bildung vereinbart. Neben dem Überwältigungsverbot („Es ist nicht erlaubt, den Schüler – mit welchen Mitteln auch immer – im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln und damit an der »Gewinnung eines selbständigen Urteils« zu hindern“) und dem Gebot der Kontroversität („Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen“) verständigte man sich auch auf das Ziel politischer Bildung, die Schüler und Schülerinnen in die Lage zu versetzen, die politische Situation der Gesellschaft sowie ihre eigene Position zu analysieren und sich aktiv am politischen Prozess zu beteiligen, indem der Lernende »nach Mitteln und Wegen [zu] suchen, die vorgefundene politische Lage im Sinne seiner Interessen zu beeinflussen«“.

Ein ägyptischer Demonstrant feiert Facebook, Februar 2011, Tahrir-Platz, Kairo. Foto von Richard Gutjahr, nicht unter freier Lizenz.

Ein ägyptischer Demonstrant feiert Facebook, Februar 2011, Tahrir-Platz, Kairo. Foto von Richard Gutjahr, nicht unter freier Lizenz.

35 Jahre später und 20 Kilometer weiter entbrennt ein erbitterter Streit über den Tiefbahnhof Stuttgart 21, der nicht nur auf der Straße, sondern auch auf Facebook ausgetragen wird: Gut 100.000 Fans sind gegen das Projekt, 179.000 sind dafür. Facebook ist damit mehr als ein Fotoalbum peinlicher Partybilder und mehr als Gedanken-Kloake von Jugendlichen ohne realen Freundeskreis. Auf Facebook wird Politik gemacht. Daneben, wer Deutschlands Superstar werden soll und was die Tatort-Kommissare Batic und Leitmayr richtig und falsch gemacht haben, wird eben auch über gesellschaftliche und politische Themen diskutiert und gestritten. Es gibt Facebook-Gruppen, die Karl Theodor zu Guttenberg zurück haben wollen, andere wollen ihn nicht zurück. Es gibt Verlinkungen zu Medienberichten z.B. zu Spiegel Online oder der Süddeutschen Zeitung, die Menschen kommentieren die Berichte, regen sich darüber auf oder unterstützen deren inhaltliche Aussage. Kurzum: Facebook ist zu einem ernst zu nehmenden Raum politischer Diskussion geworden. Annähernd 20 Millionen Menschen nutzen allein in Deutschland dieses soziale Netzwerk, die Hälfte davon ist unter 21 Jahren. Wie auch immer man zu Facebook steht, hier findet politics (prozesshafte Dimension von Politik) statt. Politische Bildung, die den Beutelsbacher Konsens ernst nimmt, muss dort vertreten sein, wo politische Prozesse stattfinden. Sie ist zwar nicht teilnehmende Akteurin an diesen Prozessen (im Sinne des Überwältigunsver- und des Kontroversitätsgebots), aber sie muss Anlaufstellen schaffen und ansprechbar sein für fragende Schülerinnen und Schüler und zwar dort, wo sich die Menschen aufhalten.

Politische Bildung findet in Deutschland in der Schule statt, in Museen und Gedenkstätten, in Bildungshäusern, im Fernsehen und in Büchern und Zeitschriften. Man erreicht damit Menschen, die entweder nicht ausweichen können (Schule) und sog. bildungsnahe Schichten, die in Museen gehen oder die Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung kennen. Das soziale Netzwerk, das sich auf Facebook abbildet, bietet hervorragende Chancen, speziell mit denjenigen Menschen in Kontakt zu kommen, die kein Zeitungsabonnement haben und Arte nur vom Durchzappen her kennen. Politische Bildung muss sich nicht anbiedern oder aufzwingen, aber sie muss Angebote machen, die von der Zielgruppe auch als solche wahrgenommen werden (können). Sie muss, möchte sie nicht nur eine spezielle Schicht gebildeter Bürgerinnen und Bürger erreichen, auch niederschwellige Angebote unterbreiten und „dem Volk auf’s Maul schauen“, wie es weiland Martin Luther ausdrückte. Eine politische Bildung, die am Volk vorbei bildet, verdient ihren Namen nicht.

Facebook ist auch deshalb so schnell so erfolgreich geworden, weil sich Menschen darin schnell und einfach untereinander austauschen können und weil sie eine Fülle von Artikulationsmöglichkeiten auf Facebook vorfinden: Man kann Bilder hochladen, Kurzmitteilungen an alle seine Kontakte („Freunde“) versenden, sog. Statusupdates, man kann die Aktivitäten anderer mögen („liken“) und auch kommentieren. Diese Fülle an unmittelbaren Interaktionsmöglichkeiten gibt es sonst im Internet nur selten. An manchen Stellen im Internet kann man Beiträge von anderen kommentieren, manchmal kann man Sternchen vergeben („Fanden Sie diesen Kommentar hilfreich?“). Aber nur Facebook stellt im Internet die Werkzeuge bereit, auf vielfältige Art und Weise mit anderen zu kommunizieren. Von solch einem breiten, kontinuierlichen und hierarchiearmen Diskursansatz konnte die politische Bildung bisher nur träumen. Jede/r Facebook-Nutzer/in hat prinzipiell eine „gleich laute“ Stimme, jede/r kann die Meldungen anderer kommentieren, ihnen zustimmen, sich ablehnend äußern oder erweitern. Facebook ist damit ein ideales Werkzeug, um mit vielen Menschen in leichten Kontakt zu treten. Und dieser Kontakt kann, je nach Thema und damit verbundenen Emotionen, durchaus intensiv sein. Aus Individuen werden Gruppen, aus Kollektiven können soziale Bewegungen werden. Facebook ist eine Plattform, die Beteiligung und demokratische Mitbestimmung fördert, nicht nur in arabischen Ländern.

Facebook ist aus unserer heutigen Medienwelt nicht mehr wegzudenken. Man kann dazu stehen, wie man will, aber man darf davor nicht die Augen verschließen und sich nicht in seinem Elfenbeinturm verschanzen. Politische Bildung, die ihren Auftrag ernst nimmt, muss zu den Menschen gehen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Und immer mehr dieser Gespräche finden auf Facebook statt.


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Thomas Pfeiffer ist Diplom-Pädagoge und Programmierer. Er schrieb die Bücher „Social Media“ und „Mein Kind ist bei Facebook – Tipps für Eltern“. Zudem entwickelt er Facebook-Spiele und programmiert für Blogs und Twitter. Pädagoge erklärt er jungen und alten Menschen das Internet und engagiert sich im Bereich Netzpolitik und Digitaler Wandel. Er bloggt unter http://tomro.seund lebt und arbeitet in München.

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