Webschau August 2011

Grafik „Webschau“ von Ralf Appelt für pb21.de unter CC BY 3.0 DE

Grafik „Webschau“ von Ralf Appelt für pb21.de unter CC BY 3.0 DE

Themen dieser Webschau: Die Ereignisse in Norwegen haben eine neue Debatte über Anonymität im Netz ausgelöst und die britische Presse spekuliert über die Rolle des Echtzeit-Internets bei den Unruhen.
Und: Das Internet ist kein Teenie mehr.

Lesetipp: „Onlinesein“ von Peter Glaser

„Im Netz sind Medien nicht mehr nur Dinge, die wir benutzen – wir leben heute in unseren Medien, auf Facebook, Twitter, in Foren und Blogs. Es sind Pendants zu Straßencafés, Wohngemeinschaften, Clubs. Im Stream sozialer Netze wie Facebook oder Google+ fährt ein Allerlei aus kurzen Mitteilungen, Fragen, Ideen, Fotos, Filmen und Links auf alles mögliche an einem vorbei. Gelegentlich schwanke ich, ob es sich dabei um einen fantastischen fahrbaren Flohmarkt handelt oder um die virtuelle Version des Förderbands in einer Müllsortieranlage.“
#20jahreinternet


Kurzmeldungen

Unruhe im Echtzeit-Netz

Die Süddeutsche versucht die Rolle des Netzes bei den Unruhen in Großbritannien einzuschätzen:
Als 1985 die großen Krawalle im Londoner Stadtteil Tottenham ausbrachen, war die Bevölkerung auf die Fernsehaufnahmen und Zeitungsbilder angewiesen, die erst am nächsten Tag erschienen. 2011 gibt es das Echtzeit-Internet und alles ist anders – auch bei der Organisation der Plünderungen spielt das Netz eine Rolle. Aber wohl eine andere als Zeitungen, wie die Daily Mail vermuten.
#grossbritannien #riots

Google+ gewinnt rasant neue Nutzer/innen

Facebooks Erfolg als Soziales Netzwerk scheint mit 700 Millionen registrierten Nutzern uneinholbar. Googles Antwort Google+ kommt erst auf 25 Millionen – allerdings bereits einen Monat nach dem Start. Täglich kämen etwa eine Million hinzu. Zum Vergleich: Facebook brauchte ungefähr drei Jahre, um auf 25 Millionen Besucher zu kommen, bei Twitter habe es etwas über 30 Monate gedauert (gemeldet auf ftd.de).
Auch zum Thema: Die VZ-Netzwerke in Deutschland verlieren weiterhin Nutzer/innen.
#facebook #google+ #twitter #vz_netzwerke

Frag den Staat

Die neue Website „FragDenStaat“ des Vereins Open Knowledge Foundation Deutschland hilft bei Behördenanfragen, berichtet dradio.de: Die Website veröffentlicht Anfragen von Bürgern nach den Informationsgesetzen des Bundes. Die Deutschen bitten die staatlichen Behörden bislang noch selten um Informationen: Während in Großbritannien im vergangenen Jahr rund 44.000 Anfragen gestellt worden seien, seien es in Deutschland rund 1.600 gewesen.
Unterstützt wird das Projekt u. a. von Transparency International und der Digitalen Gesellschaft.
#fragdenstaat #transparenz #informationsfreiheit

Open Data: Forschungsministerium gibt Daten her

Das Bundesministerium für Forschung und Bildung bietet seit ein paar Tagen in einem neuen Daten-Portal umfangreiches Zahlenmaterial des Bundes und der Länder an, ergänzt um internationale Vergleiche. Die Daten sind als HTML-, Excel- und PDF-Dateien erhältlich. Mit Suchmechanismen sollen sich die Daten, die laufend aktualisiert werden, leichter erschließen lassen (Meldung auf heise.de).
#opendata #opengovernment

Facebooks Gesichtserkennung

Der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit Johannes Caspar legt sich mit Facebook an: Das Netzwerk soll die Funktion der Gesichtserkennung abschalten, weil sie nicht den europäischen und nationalen Datenschutzstandards entspräche und die bereits gespeicherten Daten löschen. Sollte die Funktion weiter aufrechterhalten werden, dürften nur Gesichtsprofile von Personen gespeichert werden, die dem ausdrücklich zugestimmt haben (u.a. berichtete heise.de).
#facebook #gesichtserkennung

Zeitbombe Internet

Unter diesem Titel wird Ende August ein Buch erscheinen, das sich mit der Verletzlichkeit der Welt in Zeiten der allumfassenden Vernetzung befasst: Das WWW sei nie für all die Aufgaben ausgelegt gewesen, die wir ins Netz verlagert haben, die Politik überfordert, unsere Daten nicht sicher. Die Autoren stellen die Frage wie das nächste, sicherere Internet aussehen könnte. Die Autoren Götz Hamann und Thomas Fischermann begleiten den Buchstart via Blog, Facebook und Twitter.
#zeitbombe

Rechtsextremismus: Neonazis breiten sich in Sozialen Netzwerken aus

Während die Zahl von Websites mit rechtsextremen Inhalten im vergangenen Jahr leicht zurückgegangen ist (2009: 1.872 Seiten, 2010: 1.708 Seiten), haben sich die Aktivitäten der Neonazis vor allem in Soziale Netzwerke verlagert. 2010 hat jugendschutz.net etwa 6.000 rechtsextreme Beiträge aus dem Web-2.0-Bereich dokumentiert. Im Vorjahr waren es nur ein Drittel so viele, berichtet zeit.de.
#rechtsextremismus #web20

Leaks, Downloads und Remixes: Wie The Pirate Bay und WikiLeaks die Diskurse durcheinander bringen

Zwei der radikalsten Medienprojekte der letzten zehn Jahre, The Pirate Bay und WikiLeaks, haben in kürzester Zeit entscheidend dazu beigetragen, bestehende „Kontrollprinzipien“ diskursiver Ordnungen außer Kraft zu setzen, zumindest an diesen Prinzipien zu rütteln. In der Folge entsteht der Raum für neue Visionen. Der Medientheoretiker und Berliner Gazette-Autor Felix Stalder erkennt darin das Potential für einen reflektierten öffentlichen Umgang mit Inhalten.
#wikileaks #piratebay #diskurs #oeffentlichkeit


Debatte: Anonymität im Netz

Die Ereignisse in Norwegen haben die Diskussion um Anonymität im Netz wieder angefacht. Jörg Lau kommentiert auf zeit.de unter dem Titel „Wo der Innenminister recht hat“ und zieht dabei ein Argument der Befürworter des Burka-Verbots heran: „Der freie Austausch in der Öffentlichkeit setzt voraus, dass ich mein Gegenüber erkennen kann, dass ich ihm (ihr) buchstäblich und auch im übertragenen Sinn ‘in die Augen schauen kann’.“

Ausgelöst hat die Debatte Innenminister Hans-Peter Friedrich in einem Interview mit dem Spiegel: Die Grundsätze der Rechtsordnung „müssen auch im Netz gelten“, Blogger sollten „mit offenem Visier“ argumentieren. Ein Sprecher des Ministeriums erklärte inzwischen, dass das Innenministerium keine Pläne hätte „gegen die Anonymität im Internet vorzugehen“.

Der Minister hatte Unterstützung aus den eigenen Reihen bekommen, war aber ansonsten hart kritisiert worden. Udo Vetter schreibt auf der Hyperland-Seite: „Ob etwa der Innenminister überlegt hat, was es für den Jugendschutz bedeutet, wenn 14-Jährige künftig bei jedem Chat identifizierbar sind?“ Konrad Lischka versucht im Spiegel die Auseinandersetzung zu differenzieren: Pseudonyme sind etwas anderes als Anonymität, erstere ließen sich im Zweifelsfall durch die Staatsanwaltschaft einem Namen zuordnen.

Beiden Autoren geht es um den Schutz von Minderheiten, Lischka zitiert die Ethnografin Danah Boyd: „Auffällig ist, wen der Klarnamenzwang alles trifft: Darunter sind Missbrauchsopfer, Aktivisten, Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle, Frauen und junge Menschen. […] Die Menschen, die sich am häufigsten im Internet auf Pseudonyme verlassen, sind diejenigen, die von der Gesellschaft am meisten ausgegrenzt werden. Klarnamen-Regeln machen Menschen nicht stärker, sie sind eine autoritäre Machtausübung gegenüber verletzlichen Menschen.“
#anonymität #internet #innenminister


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Ute Demuth für pb21.de.
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... interessiert sich dafür, wie sich die wandelnde Mediennutzung und Kultur, Gesellschaft und Politik gegenseitig beeinflussen. Seit Ende der 90er ist sie als Freiberuflerin in der politischen Erwachsenenbildung unterwegs und arbeitet zum Beispiel für das Forum Politische Bildung des DGB Bildungswerks. Außerdem schult und berät sie Betriebs- und Personalräte zum Thema Öffentlichkeitsarbeit und zum Einsatz elektronischer Medien. Sie veröffentlicht regelmäßig zu ihren Themen.

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