Das Recht am eigenen Bild Teil II: die Graustufen der Praxis

Mario Sixtus auf der re:publica 10 (Ausschnitt). Foto von Daniel Seiffert unter CC BY 2.0.

Mario Sixtus auf der re:publica 10 (Ausschnitt). Foto von Daniel Seiffert unter CC BY 2.0.

Wir sind auf Bilder geprägt, nicht zuletzt durch das Internet. Im Informationsüberfluss brauchen wir etwas, an dem wir uns festhalten können. Bildschirmgeübte LeserInnen, und das sind wir alle, brauchen visuelle Impulse und Ankerbilder, um abstrakte Informationen besser zu  überblicken und sich schnell anzueignen.

Das Netz ist darum voll von Bildern. Bilder zu kopieren, zu veröffentlichen und mit „Hotlinking“ einzubetten war noch nie so einfach. Paradoxer Weise sind Bilder im Internet zugleich sehr knapp: Nach strengen juristischen Maßstäben darf man nur die wenigsten verwenden. Ein Blick ins Netz zeigt aber, dass sich gerade bei Präsentationen (Powerpoint usw.) und Blog-Artikeln kaum jemand an diese strengen Vorgaben hält. Wie spielt sich das also ab in der alltäglichen Grauzone?

Selber machen

Seit dem Durchbruch der Blogs ist das Internet voll mit „User Generated Content“, also selbstgemachten Inhalten. Und es hat sich sogar gezeigt, dass das oft viel wirkungsvoller und lebendiger ist als professionelle Fotos, Grafiken und Videos. Es liegt also nahe, das Problem mit den Bildrechten dadurch zu umgehen, dass man gezielt selbstgemachte Medien einsetzt. Die inzwischen exzellenten Handy-Kameras machen das noch viel einfacher.

Screenshot aus einer Präsentation zu „Government 2.0″. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Screenshot aus einer Präsentation zu „Government 2.0″. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Das Recht am eigenen Bild Teil I: die Theorie

Immer mehr machen es dabei so wie der niederländische Consultant Ton Zijlstra, der sich auf „Government 2.0“ spezialisiert hat: als Amateurfotograf sammelt er laufend originelle Bilder, die er dann später in seinen Powerpoint-Präsentationen (wie oben) wie auch in seinem Blog kreativ einsetzt, um Aussagen wirkungsvoll zu pointieren. Aber natürlich bedeutet das viel Aufwand, und man muss hier erst nach und nach eine eigene „Bildsprache“ finden, damit im richtigen Moment das richtige Bild zur Hand hat.

Der Fall mspro

Streng genommen darf man außerhalb geschlossener Unterrichts-Kontexte fremde Bilder nur verwenden, wenn man die Nutzungsrechte ausdrücklich eingeräumt bekommt. Für Präsentationen und Blog-Artikel kommt das in der Regel schon deshalb kaum in Frage, weil es nicht nur zu teuer, sondern v.a. auch viel zu langwierig ist, Urheber ausfindig zu machen, Kontakt aufzunehmen und sich ein Nutzungsrecht einräumen zu lassen (gegen Geld oder nicht).

Der Blogger Michael Seemann (mspro). Foto von nextconf unter CC BY 2.0.

Der Blogger Michael Seemann (mspro). Foto von nextconf unter CC BY 2.0.

Die Alternative sind Bilder mit Creative-Commons-Lizenz (CC), bei denen man jedoch auch dann Urheber und Lizenz ausdrücklich angeben muss, wenn die nicht-kommerzielle oder kommerzielle Nutzung ausdrücklich erlaubt ist (siehe die PB21-Artikel zum Thema). Der bekannte deutsche Blogger „mspro“ musste etwa sein für die Online-FAZ geführtes Blog aufgeben, weil er mit diesen CC-Angaben schludrig umging (hier eine Zusammenfassung).

Die nicht korrekt deklarierten CC-Bilder waren hier eher assoziativ beigefügte Illustrationen, die in nur vagem Zusammenhang mit der Argumentation standen. Sie sollten den Blog-Artikel vor allem auflockern und farbiger machen. Um diesen Fall herum entstand eine sehr lebhafte Diskussion auch in der „Internetgemeinde“, in der zwei Positionen sich recht unversöhnlich gegenüberstanden:

Die Einen äußerten Genugtuung, dass die Urheberrechte hier so streng durchgesetzt wurden. Sie argumentierten, dass mspro in diesem Fall auf einer kommerziellen Plattform (faz.net) gebloggt habe. Die Anderen zeigten Verständnis für diese blog-typische „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“, mit der sich ja schon Bertolt Brecht 1927 entschuldigt hatte.

Die Gegenargumente: Es sei eigentlich kein geldwerter Vorteil bzw. Schaden entstanden, die Bilder seien nicht als ‘Schöpfungen’ ins Zentrum gerückt worden, es sei um anspruchsvolle, dem Wesen nach eher „unkommerzielle“ Inhalte gegangen. (Und die juristischen  Grenzen von „kommerziell“ im Sinne nicht-kommerzieller CC-Lizenzen sind selbst wieder recht kompliziert.)

Man sieht: In der Blogger-Szene gilt die Verwendung von Bildern aus dem Internet eigentlich als Kavaliersdelikt. Das Problem von mspro entstand erst, als er auf einer großen kommerziellen Plattform bloggte – auf seinem persönlichen Blog blieben die Praktiken ebenso unbeanstandet wie in über 99% aller anderen Fälle in der „Blogosphäre“.

Der Fall Sixtus/Keese

Ein zweiter aufschlussreicher Fall (Zusammenfassung) erregte im Juli 2011 Heiterkeit: Christoph Keese, der „Konzerngeschäftsführer Public Affairs der Axel Springer AG“, veröffentlichte auf seinem privaten Blog presseschauder einen Beitrag, in dem er einen „Kritiker des Leistungsschutzrechts“ kritisierte. Hintergrund: Der Springer-Verlag legt ja Wert auf die Honorierung auch kleinster im Internet verbreiteter Schnipsel.

Mario Sixtus auf der re:publica 10 (Ausschnitt). Foto von

Mario Sixtus auf der re:publica 10 (Ausschnitt). Foto von Daniel Seiffert unter CC BY 2.0.

Dabei benutzte Keese ein Foto des kritisierten Bloggers, das der Leistungsschutzverfechter ungefragt aus dem Internet kopiert hatte. Das Foto hatte aber der populäre Netzjournalist Mario Sixtus geschossen, ein Amateurfotograf, und der ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen. Er schickte (und bloggte) folgende Rechnung: „Online-Lizenz für das Portraitfoto ‘Markus Hündgen’ zur Verwendung unter der Domain presseschauder.de: Euro 500,00 – Frechheits-Zuschlag von 100%: Euro 500,00 – zzgl. 7% Mwst.: Euro 70,00“.

Keese antwortete auf seinem Blog: „Zu Ihrer Rechnung: 1.070 Euro für ein Foto, das einen Tag lang ohne Nennung des Urhebers auf einem Blog stand, sind ein bisschen viel. Ich mag Ihre Fotos, aber Sie sind Mario Sixtus, nicht Mario Testino. Das wissen Sie aber auch, sonst hätten Sie sich nicht den Frechheitszuschlag ausgedacht. 50 Euro sind ein fairer Preis. Die überweise ich Ihnen.“ Auch hier finden sich in den Blogposts viele amüsante Kommentare, bevor man sich schließlich auf eine Spende von Keese an Creative Commons Deutschland in Höhe von 1000 Euro einigte.

Wir lernen daraus: Keese wurde nur belangt, weil er inhaltlich provoziert hatte. Auch weil das ohne Rechtsanwälte geregelt wurde, ist er dabei eher billiger weggekommen als arme Normalblogger, die von spezialisierten Abmahnabwälten aufgespießt werden. Und Sixtus lässt durchblicken, dass er in einem anders gelagerten Fall eher nichts verlangt hätte: „bisweilen lasse ich schon mal Fünfe gerade sein, wenn ein Blogger meine Fotos illegal verwendet“.

In der Grauzone

Im Fall mspro wie im Fall Keese wird die Zweiteilung deutlich, die tatsächlich den digitalen Raum spaltet: Auf der einen Seite steht das Urheberrecht, das im Print-Zeitalter entstanden ist und lähmende Angst vor teuren Abmahnungen von spezialisierten „Abmahn-Anwälten“ verbreitet. Deren Geschäft ist es, gezielt offensichtliche Verstöße zu suchen, z.B. auch Thumbnail-Bilder von Stars oder Comicfiguren in Foren für Pferdefans im Teenager-Alter. Sie nehmen dann Kontakt mit den Urhebern auf (das ist Voraussetzung) und mahnen die Nutzer oder Plattformbetreiber, wenn die greifbar sind, kostenpflichtig ab.

Streng genommen kann sogar der Screenshot (Bildschirm-Schnappschuss) einer Webseite, die ein grafisch gestaltetes Logo mit einer gewissen „Schöpfungshöhe“ enthält, eine Urheberrechtsverletzung sein. Das Logo ist nämlich damit bereits vervielfältigt worden. Wenn man etwa diese Diskussion hier bei Wikipedia liest, kann man nur folgern, dass unzählige Blogger, YouTube-Nutzer usw. jeden Tag Urheberrechte mit Füßen treten.

Auf der anderen Seite  werden gerade in Präsentationen und Blog-Beiträgen permanent Bilder „raubkopiert“ bzw. durch „Einbettung“ auf unerlaubte Weise „zu eigen gemacht“, ohne dass anscheinend etwas passiert. Und ich habe auch noch nie davon gehört, dass jemand wegen eines Screenshots, einer Logo-Einbettung oder auch wegen der Einbettung eines Bilds in eine Präsentation juristisch belangt wurde, die öffentlich aufgeführt und im Internet zur Verfügung gestellt wird.

Die ungeschriebenen Richtlinien

Ganz offensichtlich gelten also im Internet-Alltag unausgesprochene Gewohnheits-Richtlinien, die in 99,9% aller Fälle unbeanstandet bleiben, solange man

  • Bilder nicht offensichtlich „kommerziell“ verwendet – z.B. in honorierten Artikeln wie diesem hier, aber auch etwa auf Seiten wie eBay, wo sogar die Verwendung von einfachen Produktbildern verfolgt wird, einfach deshalb, weil es dort generell um Geld geht;
  • nicht bekannte kommerzielle Bilder verwendet (z.B. eine Asterix-Figur – der Zeichner Uderzo ist nämlich notorisch prozessfreudig);
  • nicht Bilder verwendet, die von Amateuren mit dem Bewusstsein produziert und ins Netz gestellt wurden, ein Werk mit „Schöpfungshöhe“ geschaffen zu haben;
  • solange das nicht auf öffentlich sehr gut sichtbaren bzw. großen Institutionen zuzurechnenden Plattformen geschieht, weil dort die öffentliche Aufmerksamkeit und Empfindlichkeit sehr viel höher ist (das gilt etwa sicher für Bildungsinstitutonen);
  • solange man nicht in das Beuteschema von Abmahn-Anwälten gerät. (Die sind darauf angewiesen, schnell Kontakt mit den Rechteinhabern herstellen zu können. D.h. aber bei obskuren Bildquellen ist das Risiko extrem gering, weil die RechteinhaberInnen für Anwälte kaum greifbar sind.)

Überdies sind sehr viele Fälle in der Praxis praktisch nicht juristisch zu verfolgen, wenn die Bilder auf großen Blog-Plattformen im Ausland veröffentlicht werden, bei denen die NutzerInnen oft Pseudonyme verwenden und nur über ihre IP-Adresse identifizierbar wären. Die meisten Blogs auf tumblr.com etwa sind regelrechte „Fotoblogs“, die sich nicht um Rechte scheren.

Darüber hinaus ist auch in der nicht-kommerziellen Blogosphäre das Risiko einer Abmahnung grundsätzlich gering, wenn eine nicht-prominente Privatperson dahinter steht, wenn die Inhalte flüchtig sind und wenn die Verwendung von Bildern Teil des blog-typischen Verlinkens bzw. Einbettens und respektvoll-aufeinander-Bezug-Nehmens bleibt. Streng genommen ist auch diese verbreitete Praxis natürlich unerlaubt: Auch für jede Einbettung eines „zitierten“ Bildes oder eines Screenshots, der selbst geschützte Inhalte enthält, muss man eine Nutzungserlaubnis des Rechteinhabers einholen.

Zusammenfassung

Im Internet hat sich eine große Schere zwischen den urheberrechtlichen Vorschriften (hier ein guter praxisnaher Überblick) und dem laxen Rechtsgefühl der MediennutzerInnen geöffnet.

Die technischen Möglichkeiten der digitalen vernetzten Medien schaffen neue Realitäten, die mit den Regeln nicht mehr zu beherrschen sind, die sich in der alten Mediengesellschaft seit etwa 1840 eingebürgert haben.

Die allermeisten Verwendungen von einzelnen Bildern im Internet sind illegal und bleiben ungeahndet. In der Praxis hat sich ein (sehr) undeutliches Gefühl von „fairem Gebrauch“ herausgebildet, der in der Regel toleriert wird. Für diese Praxis gibt es aber keinerlei Sicherheit.


Wie gehen Sie damit um? Haben Sie schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

Lesen auch den ersten Teil der Reihe „Das Recht am eigenen Bild Teil I: die Theorie“.


Creative Commons Lizenzvertrag Inhalte auf pb21.de stehen i.d.R. unter freier Lizenz (Informationen zur Weiterverwendung).
Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Martin Lindner für pb21.de.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken finden sich direkt bei den Abbildungen.

Maertin Lindner berät Organisationen und Unternehmen dabei, wie sie Wissens- und Lernprozesse mit den Mitteln des Web neu gestalten können. Autor, Blogger, Speaker.

Kategorien: Artikel, Fotos & Grafiken Schlagworte: , , , , , ,