Online-Diskussionen in Gang bringen und in Bewegung halten – ein Überblick für Einsteiger

Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

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In vielen Veranstaltungen der politischen Bildung finden spannende Diskussionen und Gespräche statt, die aber oft in den einschlägigen Veranstaltungsräumen gefangen zu sein scheinen. Auf der anderen Seite steht das Internet, was spätestens seit dem Web 2.0 nicht nur potentiell riesige Reichweiten verheißt, sondern auch die Möglichkeit zum großen Dialog. Alle können sich einbringen, diskutieren, von eigenen Erfahrungen berichten, Meinungen und Argumente austauschen. Ein Traum für die politische Bildung! Die Realität sieht häufig anders aus: Verwaiste Foren, ungenutzte Kommentarfunktionen, bescheidenes Diskussionsniveau …

Dieser Text bildet die Grundlage für einen #pb21-WebTalk am 04.10.2011 mit der Autorin und weiteren Gästen.


Die gute Nachricht: Es gibt viele Menschen da draußen, die sich für Themen der politischen Bildung interessieren. Die Schwierigkeit besteht darin, sie zu erreichen. Und oft ist es nicht ganz einfach, sie zum Mitmachen zu bewegen. Was man tun kann, um Menschen zum Diskutieren zu bringen – und unter welchen Bedingungen man es besser ganz sein lassen sollte, verrät dieser Artikel.

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Screenshot einer Online-Diskussion in einem Seminar über Wiki-Leaks. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Für Internet-Diskussionen gilt:

  • Die meisten Leser schreiben nicht. Der Anteil der Nutzer, die einen Beitrag kommentieren oder einen Forum

    sbeitrag schreiben, liegt noch nicht mal bei einem Prozent der Leser. Meist ist das Verhältnis der Leser zu den Schreibern sogar größer als 1000 : 1.

  • Nutzerinnen und Nutzer beteiligen sich nur da, wo auch schon andere diskutieren. Foren, bei denen es jeden Tag mindestens fünf neue Beiträge gibt, ziehen neue Nutzer an. Alles, was weniger Aktivität bietet, schreckt in der Regel ab.
  • Viele Zielgruppen sind nicht sehr online-diskussionsfreudig. Es gibt viele Menschen, die sich nicht „einfach so“ mal an Internet-Diskussionen beteiligen – weil sie es nicht gewöhnt sind, weil sie nicht wissen, wie sie das mit dem Pseudonym oder dem Klarnamen machen sollen, weil sie sich nicht öffentlich auf diese Weise äußern wollen. Will man nun ein Thema anstoßen, das beispielsweise Manager in mittelständischen Unternehmen anspricht, werden vielleicht viele interessiert lesen, sich aber kaum jemand beteiligen. Trotzdem kann das Thema viel bewirken, weil die Leser die Inhalte auf andere Weise transportieren.
  • Die Nutzer schreiben gern auf Plattformen, die ihnen bekannt sind. Unbekannte Plattformen bedeuten evtl. Registrierung, neue Nutzungsvereinbarungen – kurz, es ist einfach umständlich und da verzichten viele lieber.
  • Viele interessante Diskussionen werden nicht gefunden. Wenn ein Betreiber will, dass die Leute etwas machen (z.B. in einem Forum mitmachen), muss er sie mit der Nase darauf stoßen, es offensiv bewerben und es nicht als Kommentar-Option irgendwo verstecken.
  • Diskutieren und kommentieren kann ich heute im Internet an jedem dicken Baum. Das ist nichts besonderes. Das Besondere muss für jedes Angebot herausgearbeitet werden.
  • Alle Beteiligten (Leser und Autoren) sollten ihre Erwartungen überprüfen. Die meisten Internet-Diskussionen erreichen nicht die inhaltliche Tiefe einer Live-Diskussion. Das ist aber auch gut so, denn es geht um eine Erweiterung der Angebote, darum, mehr Menschen zu erreichen.
  • Von Internet-Diskussionen kann man als Veranstalter lange zehren. In der Regel bleiben die Beiträge online und bezeugen die Kompetenz des Veranstalters, das Interesse der Teilnehmer, die Art des Umgangs.

Soviel zu den Problemen. Schauen wir jetzt auf die Möglichkeiten.

Instrumente, um Diskurs anzufachen

Das Internet bietet bekanntermaßen eine große Vielzahl von Möglichkeiten, Nutzer zu beteiligen. Ganz grob kann man zwei Gruppen unterscheiden: Interaktive Möglichkeiten, die man auf der eigenen Seite bereithält (wie ein Forum oder die Möglichkeit, Beiträge zu kommentieren) und die Möglichkeiten, die andere Seiten bieten (Sozial Networks, Video-Hoster usw). Folgende Kriterien können zur Auswahl herangezogen werden:

  • Ein öffentliches Internet-Forum sollte nur eingesetzt werden, wenn die Internet-Seite, auf der das Forum angeboten werden soll, mindestens über längere Zeit mehrere tausend regelmäßige Besucher pro Monat hat. Andernfalls sollte auf ein Forum unbedingt verzichtet werden, denn ein inaktives Forum sieht immer schlechter aus als gar keins.
  • Die Möglichkeit, Beiträge zu kommentieren, sollte auf der eigenen Seite nur bei ausgewählten Beiträgen angeboten werden, um Besucher gezielt auf bestimmte Themen zu lenken.
  • Es sollten die Instrumente eingesetzt werden, die die Veranstalter gut beherrschen und gerne nutzen. Es ist wenig sinnvoll, den eigenen Leuten bestimmte Instrumente aufzuzwingen, die dann nur halbherzig genutzt werden. Wenn jemand beispielsweise keinen Spaß am Micoblogging oder an Social Networks hat, wird es ihm wahrscheinlich auch nicht gelingen, dort als überzeugender Vertreter der Veranstaltung aufzutreten.

Ein Instrument kann genauso erfolgreich sein wie das andere. Man kann eine hervorragende Diskussion zu einem YouTube-Video haben oder eine erfolgreiche Microblogging-Kampagne. Es gibt keine Standardinstrumente.

Der Anfang: Die Idee ist da – und nun?

Wenn eine Online-Diskussion starten soll, braucht man zunächst die Aufmerksamkeit der Internet-Nutzer, das heißt schlicht: möglichst viele Besucher auf der Seite, auf der etwas passieren soll. Die einfachste Methode ist, die Nutzer zu nehmen, die man schon hat, und nicht die aus dem großen weiten Internet, die man erst suchen muss.

Beispiel: Online-Diskussion nach einer Veranstaltung

Sie haben eine sehr gute Veranstaltung durchgeführt und wollen jetzt das Internet zur Nachbereitung nutzen. Dazu nehmen Sie zunächst die Teilnehmer der Veranstaltung. Wenn Sie das Material online gestellt haben (Texte, Videos, Links, Literaturhinweise), wählen Sie den Aspekt aus, den Sie weiter vertiefen wollen. Oft wird der Fehler gemacht, solche Diskussionen zu offen zu starten und auf Anregungen der Teilnehmer zu hoffen. Stellen Sie konkrete Fragen, z.B. am Schluss eines Beitrags und erwarten Sie Ideen von den Teilnehmern. Was Sie fragen, hat sich aus der Veranstaltung ergeben. Jetzt schicken Sie den Teilnehmern den Link und die Aufforderung, sich zu beteiligen. Sie können auch einige direkt ansprechen und sie bitten, ihre Ansichten dort darzulegen, um einen Anfang zu haben. (Einzelne „Eisbrecher“ können sehr hilfreich sein, um eine Diskussion in Gang zu bringen.)  Gleichzeitig informieren Sie den Einladungsverteiler zu der Veranstaltung, dass jetzt online diskutiert wird. Vielleicht hat der eine oder andere den Termin verpasst und freut sich, jetzt auf diesem Wege teilnehmen zu können. Zudem machen Sie noch klassische Internet-Öffentlichkeitsarbeit mit Ihrem Thema, über E-Mail-Marketing, Ihre eigenen Vernetzungen, Werbung auf der eigenen Seite und Partnerseiten und schicken Sie Partnerorganisationen eine kurze Meldung über Ihr Vorhaben mit der Bitte, sie als Meldung in ihren Newslettern und auf ihren Internet-Seiten zu veröffentlichen.

Im besten Fall entflammen Sie dadurch eine interessante kleine Diskussion, die Sie als Veranstalter begleiten und durch neue Fragen anregen können.

Tipps zur Moderation

  • Die Moderation von Online-Diskussionen in der politischen Bildung ist in der Regel eine sehr angenehme Aufgabe, denn der Umgangston ist meist wertschätzend und man hat eher zu wenig Beiträge als zu viel.
  • Ist in einer „Diskussionsrunde“ wenig los, sollte der Moderator – so wie in einer Live-Diskussion – häufig präsent sein, sich einschalten, Informationen und Ansichten beisteuern. So können auch kleine Runden für spätere Leser interessant sein.
  • Stellen Sie möglichst konkrete Fragen. Wenn Teilnehmer darüber hinaus etwas mitteilen wollen, machen sie es ohnehin.
  • Laden Sie Menschen persönlich zur Diskussion ein. Das wirkt immer mehr als irgendwelche Ankündigungen.

Online-Diskussionen sind eine gute und spannende Ergänzung zu anderen Instrumenten der Bildungsarbeit. Es ist ein ideales Feld zum Ausprobieren verschiedener Varianten. Wichtig ist nur, nicht zu viel auf einmal anzubieten, sondern sich auf einzelne Aktionen und Themen zu beschränken. Im Mittelpunkt soll der Austausch stehen – und der Spaß daran.

Besonders wichtig sind hier natürlich Ihre eigenen Erfahrungen: Was haben Sie schon probiert? Was war erfolgreich? Was würden Sie gerne besser machen? Was halten Sie von dem Ziel, insgesamt mehr Menschen durch Angebote der politischen Bildung zu erreichen? Sehen Sie da Entwicklungen?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung und nutzten Sie die Chance, sich mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen und Institutionen auszutauschen!


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Maria-Christina Nimmerfroh für pb21.de.
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Dipl.-Psychologin Maria-Christina Nimmerfroh ist tätig als Fachjournalistin für IT und Medien, als Dozentin in der politischen Erwachsenenbildung und als Lehrbeauftragte an Hochschulen. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte liegen im Bereich Marketing/Öffentlichkeitsarbeit für Non-Profit-Organisationen, Organisationsentwicklung, Hochschuldidaktik und Wirtschaftspsychologie, insbesondere Markt- und Konsumpsychologie. Im Bereich Online-Lernen ist sie seit 1998 unterwegs und bildet auch selbst Online-Seminarleiter aus. Aktuell hat Maria-Christina Nimmerfroh Lehraufträge an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg am Fachbereich Wirtschaft und an der Bonner Akademie inne und führt für politische Stiftungen Online- und Präsenzseminare durch.

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