Lernen mit YouTube & Co Teil IV: Probleme mit Bildern durchsichtig machen

Foto von Daniel Seiffert unter CC BY 2.0.

Foto von Daniel Seiffert unter CC BY 2.0.

„Visuelles Denken“ als neue Kulturtechnik für das Internet-Zeitalter

Unser Alltag ist viel intelligenter geworden. Das ist einerseits gut. Aber es ist auch ungemütlich und überfordernd. In den letzten 20 Jahren sind viele Muster und Techniken entstanden, die jede/r anwenden kann. „Visuelles Denken“ ist eine Methode, die uns dabei hilft, uns gegenseitig diese neue, komplexe, ständig sich verändernde Welt besser zu erklären. In der politischen Bildung können einschlägige Methoden sowohl als Begleitung von Vorträgen und Konferenzen als auch von Teilnehmenden selber eingesetzt werden.

Warum wird visuelles Denken heute für uns so wichtig?

Früher war komplexes Wissen verborgen – in den abstrakten Sondersprachen der Experten und Bürokraten, in der doppelten Buchführung der Geschäftsleute, im Herrschaftswissen der Politiker und Lobbyisten. Heute haben wir unserem Alltag ständig mit komplexem Wissen zu tun: als mündige Konsumenten (weil wir mit einem Klick alles über ein Produkt wissen können); als irritierte Bürger (weil wir nicht mehr einfach unseren Parteien und Verbänden vertrauen); als Informations- und Wissensarbeiter (denn das ist jede/r, der täglich viel auf einen Bildschirm schaut); als lebenslange Lerner (weil wir damit zurechtkommen müssen, dass sich unsere Arbeitsplätze alle 5 Jahre radikal wandeln).

Denkwerkzeuge

Wissen wird demokratisch, d.h. es wird auch persönlich: Man kann Wissen immer weniger fertig übernehmen. Jede/r muss sich die Wissensbausteine selbst aneignen, die es braucht, um die gerade anstehenden Probleme zu verstehen. Das neue „visuelle Denken“ erzeugt Bilder und Animationen, die ich mir leicht aneignen kann.

Solche brauchbaren Denkbilder für andere herstellen können nur Wenige, aber das Problem ist nicht Virtuosität. Es geht darum, dass die Bilder im Idealfall so wirken sollten, als ob wir sie gerade beim Nachdenken auf die Serviette gekritzelt hätten:

  • Ich muss mir das Bild als Werkzeug aneignen können, um damit weiterzudenken.
  • Ich muss es mir gut einprägen können, damit ich selbst immer wieder darauf zurückkommen kann.
  • Ich brauche sie als eine Art Münze, um Ideen und Sichtweisen mit anderen auszutauschen. Um sich gemeinsam darauf zu beziehen.
  • Und ich brauche Schlüsselbilder, die offen genug sind, damit ich so komplexe Themenfelder erschließen kann.

Auf der Serviette erklärt

Dan Roam, Auf der Serviette erklärt. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Dan Roam, Auf der Serviette erklärt. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Damit das funktioniert, ist es gerade wirkungsvoll, dass die neuen Denkbilder oft provisorisch und unfertig wirken. Dan Roam erkärt in seinen empfehlenswerten „Auf der Serviette erklärt“-Büchern, wie jede/r sich ein Arsenal an ganz einfachen visuellen Bausteinen aneigenen kann, um sich selbst und anderen Projekte besser vor Augen zu führen. Für ihn ist Zeichnen soviel wie Probleme lösen. Die Berlinerin Annalena Schiller (Bild ganz oben) macht das als Dienstleistung:

„Mit Bildern können wir Struktur schaffen, Probleme lösen und neue Ideen entwickeln. Damit man beim Brainstorming auf bessere Ideen kommt und gleich ein grafisches Protokoll in der Hand hält, zeichne ich. Erkenntnisse leben dadurch weiter, bleiben nicht unter vielen Worten verschüttet. Als Moderatorin, Mitzeichnerin oder visuelle Übersetzerin bringe ich Gedanken in Form. Ich begleite Konferenzen, Meetings und Workshops visuell und verwandle Konzepte wie Businesspläne und Präsentationen in leicht verständliche Bilder.“ (Artikel)

Diese Bilder stehen dann hinterher für alle als Denkmaterial zur Verfügung: sozusagen Sedimente von Denkprozessen. US-Beratungsfirmen wie XPlane und Root Learning führen dieses „Graphic Recording“ weiter: In Workshops mit Firmen und Menschen, die mitten in schwierigen Umbrüchen stecken, erarbeiten sie buchstäblich ein gemeinsames „Weltbild“. Das ist dann die Grundlage für gemeinsames Nachdenken und Handeln.

Das US-Ehepaar LeFever (Homepage) ist via YouTube berühmt geworden mit ihren schnellen, simplen Erklärvideos „in plain English“. Dass die ausgeschnittenen Formen so selbstgemacht aussehen, ist gerade das Erfolgsgeheimnis. Hier ist die übersetzte Version eines frühen Klassikers:

Inzwischen erklären die LeFevers so auch schwierige Themen wie das US-Wahlsystem oder Kreditwirtschaft. Das wird inzwischen viel kopiert, aber den professionellen Nachahmern fehlt in der Regel die Frische und das Timing. Vor allem merkt man, dass die Stimme und ihr Tonfall in solchen Videos ein ganz wesentlicher Faktor ist.

Die deutsche Kontextschmiede macht in einem eigenen, anderen Stil schöne Erklärvideos zu schwierigen Themen wie „Liquid Democracy“, gerät dabei aber auch in Gefahr, schon wieder zu „fertige“, geschlossene Bilder zu entwerfen. Die NutzerInnen dürfen nicht in die Zuschauerrolle gedrängt werden. Sie müssen das Gefühl haben, sie würden selbst mit den Bild-Bausteinen spielen. Genau das ist ja überhaupt die Wirkung des Web 2.0, des „Mitmach-Netzes“.

Politische Themen, visualisiert

Unten ist ein aufwändig gezeichnetes Video, das eine Vorlesung zu „Krisen des Kapitalismus“ visualisiert. Und in diesem BBC-Video visualisiert der schwedische Wissenschaftler Hans Rosling seine Erkenntnisse, die er aus statistischen Daten über die Alterung, die Gesundheit und den Wohlstand der Weltbevölkerung zieht. Auch er ist mit YouTube zur weltweiten Berühmtheit geworden. Was er macht, ist natürlich virtuos und baut auf perfekter Software auf. Aber auch hier gilt: Eigentlich zeigt er einfache, beinahe kindliche Animationen, und indem er selbst als Akteur auftritt (normalerweise auf Kongressen), wird er selbst zum Strellvertreter der ganz normalen ZuseherInnen.

Kann man das also selbst anwenden?

Ja: Man braucht eigentlich nur Flipcharts und bunte Filzstifte. Und wenn man einige solcher Grafiken erarbeitet hat, kann man sie abfotografieren und als Grafiken oder Dia-Shows im Internet verbreiten. In diesem Blog-Artikel (mit Zeichnungen) berichtet ein Geschichtsprofessor im Blog (engl.) von seinen Erfahrungen auf einem Workshop für „Visuelles Denken“ und zeigt, was er als Anfänger gelernt hat. (Es geht um die Ursachen der Bevölkerungsentwicklung von St. Louis im 20. Jahrhundert.

Solche Zeichnungen können immer auch als Grundlage für einfache Erklärvideos (hier weitere Artikel bei PB21) benutzt werden. Wenn man sie als Screencast bzw. Slideshow gestaltet, kann man so etwas auch selbst produzieren. Für professionelle Videos kann man sich auch an Spezialisten wenden. Die Kosten betragen dann je nach Komplexität ca. 3.000 – 5.000 Euro.

Und natürlich ist diese Art der Visualisierung nicht den Dozenten vorbehalten. Firmen wie die oben verlinkten XPlane und Root Learning veranstalten Workshops, in denen gemeinsame „Lernlandkarten“ gezeichnet werden. Die kann man hinterher als ideales „soziales Objekt“ benutzen, um kurzschlusshaft die komplexen Lernerfahrungen eines Seminars bei allen TeilnehmerInnen wieder aufzurufen. Aber auch einfach mit Stiften und einem großen Bogen Papier kann die Methode im Seminar erprobt haben. Kennen Sie Beispiele oder haben bereits eigene Erfahrungen? Lassen Sie es uns in den Kommentaren wissen.


In der Reihe „Lernen mit YouTube & Co“ sind bisher erschienen:


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Martin Lindner für pb21.de.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken finden sich direkt bei den Abbildungen.

Maertin Lindner berät Organisationen und Unternehmen dabei, wie sie Wissens- und Lernprozesse mit den Mitteln des Web neu gestalten können. Autor, Blogger, Speaker.

Kategorien: Artikel, Dienste & Werkzeuge, Video, Web-Video & Livestreaming Schlagworte: , , , ,