Oder: Warum eine Seminargruppe nicht twittern wollte

Im Rahmen der Bildungsarbeit der dbb akademie hat Volker Franke ein Seminar zu Verschwörungstheorien im Internet angeboten, in dem die Teilnehmenden selber mit Hilfe von Social-Web-Werkzeugen eine eigene Verschwörungstheorie in die Welt bringen sollten. Warum das nicht funktioniert hat, weshalb die Wikipedia sakrosant ist und was er beim nächsten Mal anders machen würde, verriet er im Gespräch mit pb21.de .

In Volker Frankes Seminar über Verschwörungstheorien geht es darum, deren inhärente anti-demokratische Argumentationsmuster aufzudecken. Diese bestehen etwa in selbstreferenziellen Belegen für verschiedene Behauptungen, außerdem arbeiten diese Theorien mit Unterstellungen, die dann durch etwas belegt werden, was in der Regel vielen Menschen unbekannt ist.

Internet als Verbreitungsweg für Verschwörungstheorien

Das Internet spielt für die Verschwörungstheorien eine große Rolle. Sie können sich hier nämlich schnell verbreiten, früher hauptsächlich über Websites und Foren, heute über Blogs und Twitter. Im Seminar wird daher diskutiert, wie man das Internet zur Verbreitung nutzen kann. Dabei entstand die Idee, so Franke, “eine eigene Verschwörung wie beispielsweise die Bielefeld-Verschwörung  mit Hilfe der Argumentationstheorie zu entwickeln und im freien Feldversuch auf das Internet loszulassen”.

Der Versuch, selbst eine einfache Verschwörungstheorie über eigene Twitter-Accounts und ein schnell aufgesetztes Blog zu verbreiten, schlug im Rahmen des Seminars allerdings fehl. Einige Teilnehmer wollten sich bei Twitter nicht registrieren, da sie den Dienst gar nicht einordnen konnten bzw. nicht wussten, wie er funktioniert. Ein weiterer Punkt war, dass einige Seminarteilnehmer sich bewusst gegen einen weiteren Kommunikationskanal entschieden hatten, da sich die bereits bestehende Informationsflut noch vergrößern würde. Franke: “Das ist eine Frage der persönlichen Prioritätensetzung.”

Auch waren sich einige Teilnehmer unsicher, ob sie unter ihrem Klarnamen oder unter einem Pseudonym twittern wollten. Wobei speziell die Aufrechterhaltung der Anonymität über einen längeren Zeitraum als nicht einfach angesehen wurde. Volker Franke selbst betreibt unter @Franke_v [http://twitter.com/#!/franke_v ] einen offiziellen Twitter-Account, den er für Tweets über das Thema Open Government verwendet, sowie einen privaten Twitter-Account, mit dem er unter einem Pseudonym kommunalpolitische Themen aufgreift.

Auch die Entscheidung für ein Blog fiel den Seminarteilnehmern nicht leicht. Die Barrieren sieht Volker Franke vor allem in den formatspezifischen Anforderungen von Blogs: “Bei einem Blog muss ich mich wieder registrieren, ein Blog sollte auch einen thematischen Rahmen haben. Es ist auch schwer, eine Kontinuität und ein Konzept zu haben.“ Deshalb wurde auch am Ende kein Blog aufgesetzt.

Sakrosankte Wikipedia

Die Fälschung eines Wikipedia-Eintrags ähnlich dem Eintrag über “Stalins Badezimmer” kam im Übrigen gar nicht in Frage. Franke: “Die Wikipedia ist sakrosankt.” Gleichwohl spielt die Wikipedia für das Seminar eine wichtige Rolle, da sie zum Thema Verschwörungstheorien sogar eine eigene Kategorienseite pflegt. Franke stellt daher im Seminar immer auch das Konzept der Wikipedia vor: “Die Leute müssen lernen damit umzugehen, weil da viele gute Informationen drin stehen.”

Volker Franke ist zurzeit auf der Suche nach einem Web-2.0-Werkzeug, das noch niedrigschwelliger und weniger erklärungsbedürftig als Twitter ist. Im Seminar sollten sich die Teilnehmer nämlich mit dem Thema und weniger mit der Funktionsweise digitaler Werkzeuge befassen. Sobald es nur noch darum gehe, zu erklären, wie etwas funktioniert, habe das Seminar eine falsche Richtung eingeschlagen, meint Franke. Ein Etherpad könnte eventuell bei der Vorbereitung des nächsten Seminars helfen: Entweder könnten die Teilnehmer vorab hier mögliche Themenschwerpunkte auswählen oder einige Leitfragen diskutieren.

Volker Franke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der dbb akademie, der Fortbildungseinrichtung des dbb beamtenbund und tarifunion. Jährlich führt die dbb akademie rund 1.200 Seminare im Bereich der gewerkschaftlichen, politischen und beruflichen Bildung durch. Zur Zielgruppe zählen Beschäftigte aus dem öffentlichen Dienst; die Seminare stehen grundsätzlich allen offen.


Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter der CC-by-Lizenz (mehr dazu). Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: CC-by-Lizenz, Autor: Christiane Schulzki-Haddouti für pb21.de.