Webschau November 2011

Grafik „Webschau“ von Ralf Appelt für pb21.de unter CC BY 3.0 DE.

Grafik „Webschau“ von Ralf Appelt für pb21.de unter CC BY 3.0 DE.

Die ZEIT macht sich Sorgen um die E-Mail, in Schulen soll nach Verstößen gegen das Urheberrecht gesucht werden und Behörden fragen gerne mal bei Google nach. Diese und mehr Themen in der November-Webschau.

Lesetipp: „SKUDI“

Es gibt wenig Studien über den Wandel, den Digitalisierung und Vernetzung mit sich bringt und was er für die Einzelnen bedeutet.
Auf ein Projekt möchten wir an dieser Stelle aufmerksam machen:

„Subjektkonstruktion und digitale Kultur“ (SKUDI), das zurzeit von vier Forschungsteams an Universitäten in Deutschland und Österreich durchgeführt wird. Es beinhaltet vier Teilprojekte:
Formen und Inhalte des Subjekts,
Kommunikation in virtuellen Öffentlichkeiten,
Webbasierte Erwerbsarbeit und
Lernen in der Interaktion mit technischen Artefakten.
Ein zentrales Anliegen von SKUDI ist es, die Forschungsergebnisse mit verschiedenen gesellschaftlichen AkteurInnen zu diskutieren – mischen Sie sich also ein, wenn Sie mögen!
#skudi


Kurzmeldungen

Schultrojaner

Der Dachverband der Schulbuchverlage hat mit den Kultusministern aller Länder einen Vertrag abgeschlossen, der Lehrer und Schüler gleichermaßen unter Generalverdacht stellt, so Udo Vetter auf dem Hyperland-Blog des ZDF. Die Verlage sollen ab 2012 bundesweit eigene Software auf Schulcomputern installieren dürfen. Das Programm späht nach rechtswidrigen Kopien aus Schulbüchern.
#schultrojaner #urheberrecht

Regulieren oder auf Freiwilligkeit setzen?

Anfang des Monats fand in London die „Conference on Cyberspace“ statt. spiegel.de berichtet von zwei grundsätzlich unterschiedlichen Philosophien, die aufeinanderstießen: Russland und China wollen das Netz schärfer regulieren, die USA und Großbritannien allenfalls einen freiwilligen Verhaltenskodex einführen. Doch die Haltung des Westens ist widersprüchlich: Noch im August während der Krawalle in London wollte Premierminister Cameron soziale Netzwerke zeitweilig blockieren.
#internetzensur

Die E-Mail ist der neue Brief

Unter dem Titel „Das Ende von @was“ schreibt die Zeit über das Verschwinden der E-Mail: Durch das ständige Online-sein haben E-Mails sich überlebt, junge Menschen wenden sich von dem Dienst ab und kommunizieren lieber über soziale Netzwerke. Die im Artikel genannten – in den USA erhobenen – Zahlen gehen in eine ähnliche Richtung wie die Ergebnisse der aktuellen ARD/ZDF-Onlinestudie: Die Bedeutung der sozialen Netzwerke in der Internetkommunikation steigt.
#email

Google+ schafft Klarnamen-Zwang ab

Nutzer des Netzwerks dürfen Pseudonyme nutzen, wie und wann das genau umgesetzt wird, ist aber noch unklar, schreibt sueddeutsche.de. Auf zeit.de ist die Kritik des 4chan-Gründers Poole an Facebook und Co. nachzulesen: Ihr Umgang mit Namen und Pseudonymen entspreche nicht unserem Konzept von Identität. Denn wir präsentierten uns verschieden, je nach der Umgebung, in der wir uns bewegten. „Es geht nicht darum, mit wem wir etwas teilen, es geht darum, als wer wir etwas mitteilen wollen.“
#klarnamen #pseudonyme #identität

Staatliche Behörden fordern immer mehr Nutzerdaten ein

Während die Bundesregierung bei Online-Diensten mehr Datenschutz erzwingen will, haben deutsche Behörden in den vergangenen Monaten deutlich mehr Nutzerdaten vom Internetkonzern Google angefordert als in der Vergangenheit, berichtet heise.de. Im ersten Halbjahr 2011 gab es im Jahresvergleich 38 Prozent mehr Anfragen nach Nutzerinformationen.
#staat #nutzerdaten

Geteiltes Deutschland

In manchen Gegenden ist es für die Bürger unmöglich, einen DSL-Zugang zu bekommen. Die Union wollte das ändern, mit einer Verpflichtung für die Telekommunikationsunternehmen. Doch die wurde in letzter Minute gekippt. Der Wettbewerb funktioniere in diesem Bereich nicht, deswegen sollte der Staat aktiv werden, so der Tenor des Beitrags auf spiegel.de.
#breitband #telekommunikationsgesetz

Was im Mainstream angekommen ist

Wie weit sind eigentlich die Web 2.0-Anwendungen inzwischen verbreitet? Der Soziologe Jan-Hinrik Schmidt sagt dazu in einem Interview auf spiegel.de: Zwei Plattformen seien im Mainstream angekommen, das sind Wikipedia und Youtube. Blogs und Twitter seien immer noch eher Nischenanwendungen. Aber wer sie nutzt, dessen Beteiligung ist auch höher: „Wer Twitter nutzt, hat in der Regel auch einen eigenen Twitter-Account, und etwa zwei Drittel derer, die regelmäßig Blogs lesen, bloggen auch selbst.“
#nutzerverhalten #web20

Geheimdienst des Volkes

Die Berliner Gazette zu WikiLeaks, journalistischer Ethik und der Verantwortung der Medien:
„WikiLeaks gilt seit der ungefilterten Veröffentlichung tausender Cables als gescheitert. Doch es gibt zahlreiche offene Fragen. Und die sollten so schnell wie möglich geklärt werden, sonst versinkt der Fall im Mülleimer der Geschichte. Der Kriminologe und Journalist Thomas Barth untersucht die mediale Rahmung dieses ‘Cablegate des Cablegate’ und erkennt: Etablierte Medien folgen einer vereinfachenden Erzählung, personifizieren komplexe Probleme, führen Standards an, die sie selbst kaum einhalten und bringen sich selbst gegen WikiLeaks in Stellung.“
#wikileaks #medien


Debatte: Fundamentalkritik am Datenschutz

Unter dem Titel „Feinde der Freiheit“ schreibt Konrad Lischka auf spiegel.de zu den Buchveröffentlichungen von Christian Heller („Post Privacy: Prima leben ohne Privatsphäre“) und Jeff Jarvis („Public Parts: How Sharing in the Digital Age Improves the Way We Work and Live“).

Jarvis fürchtet, dass zu viel Datenschutz technische und gesellschaftliche Innovationen behindert. Er plädiert dafür, Datenschutz als Ethik der Datenverarbeitung neu zu interpretieren, die Kontrolle soll bei denjenigen liegen, die die Daten erfassen.
Heller sagt, der Datenschutz wolle nur die Datenströme kontrollierbar machen. Er setzt auf andere Techniken der Privatsphäre, für deren Einsatz das Individuum allein verantwortlich sei: „Anonymität, Pseudonymität und der persönliche Gebrauch von Verschlüsselungstechnologie setzen weniger auf Gesetze zu ihrer Durchsetzung, sondern eher auf den individuellen Einsatz technischer Mittel.“

Was aus Lischkas Sicht beide auslassen: Sowohl die Ethik der Datenverarbeitung als auch eine Praxis der Pseudonymisierung kommen nicht ohne die Ermächtigung des Individuums durch Grundrechte aus. Wenn bestimmte Dienste eine pseudonyme Nutzung unterbinden (Google+, Facebook, etc.), wenn Datenverarbeiter gegen eine in welcher Form auch immer festgeschriebene Ethik verstoßen, wird der Einzelne dagegen ohne einklagbare Rechte nichts ausrichten können. Richtig umgesetzter Datenschutz stärke die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob man so etwas tun will.
#datenschutz #postprivacy


Creative Commons Lizenzvertrag Inhalte auf pb21.de stehen i.d.R. unter freier Lizenz (Informationen zur Weiterverwendung).
Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Ute Demuth für pb21.de.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken finden sich direkt bei den Abbildungen.

... interessiert sich dafür, wie sich die wandelnde Mediennutzung und Kultur, Gesellschaft und Politik gegenseitig beeinflussen. Seit Ende der 90er ist sie als Freiberuflerin in der politischen Erwachsenenbildung unterwegs und arbeitet zum Beispiel für das Forum Politische Bildung des DGB Bildungswerks. Außerdem schult und berät sie Betriebs- und Personalräte zum Thema Öffentlichkeitsarbeit und zum Einsatz elektronischer Medien. Sie veröffentlicht regelmäßig zu ihren Themen.

Kategorien: #pb21-Webschau Schlagworte: , , , , , , , , , , , , , , , , ,