Tagungsdokumentation online: Das Beispiel „Learning from Fukushima“

Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

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Ein multimedial illustriertes Interview mit Krystian Woznicki, dem Herausgeber der Berliner Gazette und Initiator der Tagung „Learning from Fukushima“, die am 29.10.2011 in Berlin stattfand und umfassend online dokumentiert wurde.

Sprechen wir zunächst über die Veranstaltung an sich. Was genau war „Learning from Fukushima“?

KW: Wir haben versucht von dem tragischen Vorfall in Japan zu lernen, bei dem am 11. März 2011 durch ein Erdbeben, einen Tsunami und eine Kernschmelze verheerende Verwüstungen entstanden sind – bei dem aber auch Medien eine besondere Rolle eingenommen haben. Wir haben zum wiederholten Male eine Beobachtung gemacht: aus Betroffenen wurden Beteiligte. Man konnte an der Katastrophe teilhaben, eingreifen – indem man beispielsweise aktuellste Informationen zur Verfügung gestellt oder Gerüchte falsifiziert hat. Mit Hilfe von Live-Internet war das quasi global möglich. Also auch Menschen aus Deutschland konnten zu wichtigen Quellen und Dialogpartnern werden. Dieses dynamische, transnationale Echtzeitmedienszenario hat Menschen in Japan über die verschwiegene Informationspolitik ihrer Regierung hinweggeholfen. In Deutschland hat es darüberhinaus Umbrüche innerhalb der Atompolitik eingeleitet.

Wie wurde dieses komplexe Thema bei der Tagung umgesetzt?

KW: Wir haben Journalisten und Aktivisten, Programmierer und Karthographen, Künstler und Blogger, Wissenschaftler und Übersetzer an einem Tisch zusammengebracht und uns zunächst die Reaktion in Deutschland, dann sie Situation in Japan angeschaut und schließlich versucht eine globale Perspektive einzunehmen (zum Programm). Die Leitfragen, die wir dabei diskutiert haben, lauteten: Wie entsteht in Zeiten der Krise eine kritische Öffentlichkeit? Wie können wir, die Bürgerinnen und Bürger, Einfluss nehmen? Welche Rolle spielt dabei das Internet? Das „Learnig from…“ sollte eine möglichst konkrete Basis haben. Also haben wir „Best Practise Beispiele“ in den Mittelpunkt gerückt: eine Bürgerinitiative zur kollektiven Erhebung von Strahlendaten (Safecast.org), die weltweit größte Plattform für Bürgerjournalismus (iReport) und die Pioniere der partizipativen Krisenkatrographie (Ushahidi), um ein paar Beispiele zu geben.

Wir wollten nicht nur vor Ort einen Dialog ermöglichen, sondern auch über die Grenzen des Veranstaltungsraums hinaus.

Inwiefern gab es schon während der Veranstaltung selber eine „Live-Dokumentation“?

KW: Uns war wichtig, dass wir nicht nur ÜBER partizipative Medienkulturen und die neue Rolle des Publikums sprechen, sondern eben dies auch praktizieren. Und wir wollten nicht nur vor Ort einen Dialog ermöglichen, sondern auch über die Grenzen des Veranstaltungsraums hinaus. Dieser Anspruch konnte nur über eine Echtzeit-Erweiterung des Events eingelöst werden. Dazu haben wir während der Veranstaltung die Inhalte der Diskussionen im Internet aufbereitet und sie zur unmittelbaren Verwendung bereit gestellt. Das hat sich natürlich nicht nur auf die dauerhaft niedergelegten Informationen (Dokumente) ausgewirkt, sondern auch auf den Verlauf der Veranstaltung selbst. Denn so konnten auch Menschen im Ausland in den Dialog vor Ort einbezogen werden.

Was heißt das konkret?

KW: Bei unserer letzten großen Tagung (Mobile Textkulturen) haben einige Menschen beklagt, dass es keinen Live-Stream gab. Wir wollten das ändern. Allerdings haben wir erst einige Tage vor „Learning from Fukushima“ die technischen Vorraussetzungen dafür geschaffen, live aus dem Veranstaltungsort zu senden. Immerhin mussten wir dafür beispielweise zwei neue W-Lan-Netze installieren und wussten erst kurz vor Beginn, dass es klappen würde. Dann haben wir es bekanntgegeben, über unsere sozialen Netzwerke, wegen der Zeitknappheit nicht sonderlich systematisch. Trotz der sehr kurzfristigen Ankündigung war das internationale Echo recht groß. Über 50 Menschen haben das Live-Video der Tagung verfolgt, dass auch jetzt ungeschnitten angesehen werden kann.

Wie konnte dieses Publikum während der Veranstaltung mit den Leuten vor Ort interagieren?

KW: Wir haben vor allem über Google+ einen Rück-Kanal geschaffen. Alle, die unter dem Hashtag #LFF2010 gepostet haben, erschienen mit ihren Wortmeldungen bei uns im Veranstaltungsraum auf einer Wandübersicht. Dies wurde von einem Moderatoren-Team ausgelesen. Wir haben versucht, anregende Postings direkt in die Diskussion einfließen zu lassen. Gleichzeitig haben auch viele in dem Veranstaltungsort selbst, sich an diesem Diskurs beteiligt. So entstand ein komplexes Geflecht an Stimmen. Wir konnten einige Mißverständnisse auf diese Weise erkennen, thematisieren und unsere Kommunikation im Zuge dessen vertiefen. Frank Patalong zum Beispiel, einer der Referenten, fragte entgeistert ins Publikum, nachdem er auf der Wandübersicht ein Zitat von seinem Statement gesehen hatte: „Habe ich das gerade gesagt?“ Da hatte sich schon im digitalen Raum ein Stimmengewirr über das Zitat erhoben, um daraufhin über den Rückkanal Bühne wieder relativiert zu werden. Ich will damit sagen: Nicht nur aus dem Netz wurde auf die Bühnendiskussionen Einfluss genommen, auch umgekehrt.

Das Mißverständnis mit Patalong wurde über Google+ aufgedeckt?

Nein, über Twitter. Ich hebe Google+ an dieser Stelle deshalb hervor, weil einige solcher Kommunikationsprozesse heute noch archiviert (siehe Postings um den 29.10. herum hier). Zudem sind die dort geposteten Inhalte im öffentlichen Internet auch such- und auffindbar. Anders Twitter. Alle Tweets sind nur bis zu einem Monat lang in der Hashtag- und Twitterwal-Übersicht abrufbar. Das ist sehr schade, weil Twitter die am stärksten ausgeprägte Interaktionskultur bei Veranstaltungen aufweist und auch bei „Learning from Fukushima“ eine noch wichtigere Rolle als Google+ gespielt hat: Im Augenblick nutzen einfach noch mehr Menschen diesen Dienst.

Die Dokumentation online ist ja sehr umfassend. Welche Kanäle wurden da für was genutzt?

KW: Uns war eine möglichst zeitgemässe, möglichst umfassende Öffentlichkeitsarbeit wichtig. Also haben wir versucht alle medialen Erweiterungen der Berliner Gazette einzusetzen, sprich: alle bekannten sozialen Netzwerke (facebook, twitter, G+), die v.a. textbasiert funktionieren, aber auch Fotos transportieren. Vimeo haben wir für laufende Bilder eingesetzt. Entscheidend ist, dass wir bereits in der Vorbereitung und Bewerbung der Veranstaltung auf diese Multimedialtät gesetzt haben.

So sind wir im multimedialen Dialog-Modus in das Symposium gegangen – was sich auf der zentralen Dokumentatsionsseite wiederspiegelt ist nur eine logische Konsequenz und Zuspitzung: Neben den Live-Video-Mitschnitten, gibt es ein kurzes Video, das wir am Veranstaltungstag gedreht haben. Uns war klar: die Live-Video-Mitschnitte werden nicht alle interessieren, es musste etwas kurzes, etwas knackiges her, um die grundlegenden Ideen des Tages zu vermitteln.

Eine umfassende Foto-Reportage, als Slide-Show präsentiert, rundet das visuelle Angebot ab. Darüber hinaus setzen wir auf intensive, aber nicht wahllose Verlinkung: Es gibt Links zu Pressestimmen (u.a. ZEIT Online und DeutschlandRadio), zu den inovativen Projekten und zu anderen weiterführenden Ressourcen innerhalb der Berliner Gazette (darunter das Fukushima-Dossier) aber auch außerhalb der Berliner Gazette, darunter jeweils einen Stream von Twitter und Google mit Meldungen zu Fukushima.

Welche Teile der Dokumentation kommen vom Veranstalter und welche von Teilnehmenden des Symposiums?

KW: 80% oder mehr stammt vom Veranstalter. 20% vom Publikum. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, noch größere Anteile der Dokumentation dem Publikum zu überlassen. Zum Beispiel im Bereich Foto, Sound und Video. Viele BesucherInnen hatten ihre Aufnahmegeräte dabei. Es hätten offene Zugänge geschaffen werden müssen, um ihre Daten entsprechend zusammenzutragen und sichtbar zu machen.
Japanthesen Radiofritz by ohrenflimmern

Inwiefern habt Ihr Euch schon vor der Veranstaltung Gedanken zur anschließenden Dokumentation gemacht? Gab es da einen Masterplan?

KW: Wir haben uns intensiv mit Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt. Nicht zuletzt, weil es ein zentrales Thema der Veranstaltung selbst war. Bei einigen Sitzungen in unserem Büro haben wir die Herausforderungen besprochen und dann Aufgaben verteilt. Allein drei Leute waren mit Foto-Apparten unterwegs, sie haben sich zeitweise abgewechselt, um nebenbei auch die Twitter-Wall zu betreuen.

Welche Aufgaben fallen konkret an, wenn man eine so umfassende Dokumentation erstellt?

Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

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KW: Man braucht Fotografen, mehrere Leute, die eine Videokamera bedienen können, einige, die soziale Netzwerke wie Twitter und Google+ bespielen können, mehrere Leute, die Saalmanagement machen und dafür sorgen, dass die Kommunikation und Stimmung immer ausgewogen ist. Man muss vorher wissen, was man ungefähr mit dem ganzen Material anfangen will, wie man es aufbereiten will, einen Zeitplan für eine Auswertung vorallem, denn wenn man soviel Material anhäuft wie wir bei dieser Veranstaltung läuft man Gefahr in der Materialfülle zu versinken. Wir haben in der Berliner Gazette die Praxis entwickelt, immer gleich am Tag danach alles auszuwerten und online zu stellen. Ganz entscheidend sind dabei auch Fachkräfte, die sich schnell und professionel mit Auswahl, Editing und Aufbereitung befassen.

Und wer hat diese Aufgaben übernommen?

Unsere Redaktion besteht derzeit aus circa 10 Leuten plus minus zwei und dann kommen da jeweils noch Praktikanten und langjährige Unterstützer dazu, die sich ehrenamtlich bei unseren Projekten engagieren. In diesem Team haben wir die Ausfgaben entsprechend verteilt. Es versteht sich von selbst, dass auch ein paar Techniker dabei sein müssen 😉

Wieviel Arbeit ist das?

KW: Es bedarf einiges an Vorlauf, man muss halt einiges klären, vor allem auch die Verfügbarkeit der Leute und wer dann leitende Funktionen übernimmt. Nach der Veranstaltung sollte man nicht mehr als drei Tage darauf verwenden. Besser noch ist, wenn die Dokumentation quasi live veröffentlicht wird. Am besten noch während der Veranstaltung. Sie kann dann in den unmittelbaren Tagen danach aktualisiert werden, solange die Aufmerksamkeit des Publikums noch halbwegs garantiert ist und durch die Pressestimmen und anderes Echo teils neu entsteht.

Eine Dokumentation nicht nur als Rückblick und Erinnerungsstütze, sondern als gemeinsam generiertes Wissen, das zur allgemeinen Nutzung und weiteren Modifikation verfügbar gemacht wird.

Welche Teile der Dokumentation würdest Du als besonders gelungen bezeichnen?

KW: Einen einzelnen Teil würde ich nicht herausheben, eher die Gesamtheit, denn die Dokumentation erfüllt in ihrer Machart den Zweck, auch eine breite Öffentlichkeit über ein Thema zu informieren – statt nur für Menschen von Interesse zu sein, die dabei waren oder dabei sein wollten und es nicht geschafft zu haben. Also eine Dokumentation nicht nur als Rückblick und Erinnerungsstütze, sondern als gemeinsam generiertes Wissen, das zur allgemeinen Nutzung und weiteren Modifikation verfügbar gemacht wird.

Gab es auch Sachen, die nicht so geklappt haben wie gedacht?

KW: Leider haben wir es nicht geschafft, unseren SoundCloud-Kanal einzusetzen. Es gab ein Konzept, aber es fehlte die Zeit, das Personal und das Budget. Wenn ich länger darüber nachdenke, fallen mir bestimmt auch noch mehr Dinge ein, so was ist ja nie perfekt.
Atomtransparenz_Krystian_Woznicki by ohrenflimmern

Es gibt sehr viele Videos und Fotos auf der Website. Habt Ihr in irgendeiner Form vorab angekündigt oder die abgebildeten Personen um Einverständnis gefragt? Oder seid Ihr einfach davon ausgegangen, dass die Veranstaltung öffentlich und damit ein stillschweigendes Einverständnis gegeben ist?

KW: Wir haben das angesagt und wer damit ein Problem hatte, konnte zu uns kommen und seine Bedingungen nennen oder eben uns verbieten ihn oder sie nicht zu filmen/fotografieren. Auch in der finalen Auswertung geben wir die Möglichkeit, individuelle Ansprüche geltend zu machen, etwa: „auf diesem Foto sehe ich doof aus, könnt ihr das rausnehmen?“ Klar, das machen wir.

Für viele Veranstalter ist eine Dokumentation auf so vielen Kanälen noch Neuland. Und man kann ja durchaus erstmal klein anfangen. Wenn jetzt ein Veranstalter in der politischen Bildung erst einmal erste Schritte in diesem Bereich machen will, welche der vielen von Euch erprobten Kanäle / Dienste würdest Du ihm empfehlen?

KW: Ich würde am Anfang auf Gewohnheiten und junge Konventionen zurückgreifen, also zunächst das aufgreifen, was besonders verbreitet ist. Zum Beispiel ist es inzwischen schon fast Standard, dass bei Veranstaltungen Twitter-Walls installiert und Live-Streams gemacht werden. Je stärker sich so etwas durchsetzt, desto mehr Menschen können daran teilhaben. Man darf allerdings nicht vergesssen, dass die Durchsetzung einer solchen Live-Dokumentationskultur auch die Interaktionskultur bei Veranstaltungen verändert. Man muss also Dokumentationstechniken und Moderationstechniken sowie Umgang mit Publikum immer zusammendenken und entsprechend weiter entwickeln. All das beeinflusst die Planung und Durchführung einer jedweden Veranstaltung. Was im Zuge dessen deutlich vor Augen tritt: Eine gelungene Dokumentation ist heutzutage mehr denn je das Ergebnis einer sorgfältigen inhaltlichen Vorbereitung sowie eines klugen Versuchsaufbaus – zumindest wenn man eine Tagung als Experiment begreift.

Vielen Dank für das Interview!


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Jöran ist Diplom-Pädagoge und freiberuflich in verschiedenen Bildungsbereichen aktiv. Am liebsten mag er Schnittmengen aus 1. Bildung / Lernen, 2. Medien / Kommunikation und 3. Management / Organisation.

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