„Was wollt ihr, Lehrende?“ – Eine neue Online-Plattform will Lehrer vernetzen, …

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… sie befragen und mal nicht nur Material anbieten

„Wir wissen überhaupt nicht, wie unsere Sachen ankommen“, bekennt Markus Heidmeier, Redakteur vom neuen Projekt werkstatt.bpb.de – Digitale Bildung in der Praxis. ‘Unsere Sachen’ sind die Unterrichtsmaterialien, mal bunt, mal multimedial, die in großer Zahl auf Lehrende niederregnen. Wie man sich in dieser Flut von Informationen als Anbieter im Bereich von Zeitgeschichte und Politik positioniert, Marktforschung betreibt und Lehrende vielleicht auch endlich mal zur Vernetzung bringt, hat Heidmeier im Gespräch mit #pb21 verraten.
„Warum Fortbildungen?“ lautet eine der Antwortoptionen in der aktuellen Umfrage auf werkstatt.bpb.de – Digitale Bildung in der Praxis. Zielgruppe der neuen Plattform, die Ende Oktober 2011 startete, sind Lehrende im Kontext von Zeitgeschichte und Politik. Und diese Lehrenden sollen sich hier nicht nur Material herunterladen, sondern sie werden gefragt, auch gefordert. „Wir wollen Lehrer erreichen und von ihnen wissen: Was sind eure Themen?“ erklärt Markus Heidmeier, der bei werkstatt.bpb.de für die redaktionelle Planung zuständig ist. Und damit auch für die aktuelle Umfrage auf der Startseite, bei der nach dem Fortbildungsbedarf gefragt wird. Die Umfrage läuft seit fast zwei Monaten und die Hälfte der Befragten sieht Fortbildungsbedarf in interkultureller Kompetenz, immerhin ein Viertel strebt noch nach neuen Technologien. Dabei heißt das Portal doch im Untertitel „digitale Bildung in der Praxis“. Digitale Feldforschung, Dokumentation und Debattenportal soll auf werkstatt.bpb.de stattfinden. Zwei Monate nach dem Start gibt es schon recht viel Dokumentation, beispielsweise von den SpeedLabs, die das Portal veranstaltet. Benannt und beleuchtet werden „zwei der aktuell größten Herausforderungen im Bildungsalltag, Migration und Digitalisierung“. Die angestrebten Online-Debatten kommen allerdings erst noch. Auch Heidmeiers Kollegen haben da schon die leidvolle Erfahrung gemacht, dass es nicht ganz einfach ist, Lehrende zur Vernetzung und zu Diskussionen im Netz zu bewegen.

Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

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Zentrales Anliegen der werkstatt.bpb.de ist der Austausch mit den Lehrenden und der Lehrenden untereinander. „Die kriegen doch eine Millionen Vorschläge am Tag in ihr E-Mail-Postfach, da müssen wir erst mal durchdringen“, erklärt Heidmeier. Eine Rubrik heißt „Ausprobiert“: „Welche medialen Formate erreichen die Schülerinnen und Schüler einer sehr heterogenen Klassenstruktur?“ wird da beispielsweise gefragt. Die Lehrenden sollen Auskunft geben über Testmaterialien, über ihren ersten Eindruck, über den Einsatz und die Meinung der Schülerinnen und Schüler. „Wir wollen hier Marktforschung betreiben“, zeigt Heidmeier das Ziel auf. „Im Moment kommuniziert die Bundeszentrale nur in eine Richtung, wir wissen überhaupt nicht, wie die Sachen ankommen.“ Die werkstatt.bpb.de nennt das „digitale Feldforschung“, womit im Ergebnis herausgefunden werden soll, was mit den Materialien passiert, wenn sie die Bundeszentrale verlassen.

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Die neue Online-Plattform hat viel vor: Es gibt wöchentliche Medienmonitore, in denen ein aktueller Blick auf die Themen Digitalisierung und Migration im Zusammenhang mit Bildung geworfen wird. In ausführlichen Beiträgen kommen Experten zu Wort, die Beiträge sollen auch mal „provokant, steil, unerwartet“ sein. Die Themen sind in Kategorien sortiert; in der Rubrik ‘Software‘ geht es beispielsweise um die didaktische Aufbereitung von neuen Angeboten, unter dem Stichwort ‘Offroad‘ gibt es Beiträge zur Vernetzung von schulischer und außerschulischer Arbeit und in der ‘Lebenswelt‘ wird die veränderte soziokulturelle Zusammensetzung thematisiert. Die Themen sollen laut prozessualem und dynamischem Grundprinzip der Werkstatt nicht fest, sondern erweiterbar sein. Noch ist viel Platz für neue Artikel. Und die, die erschienen, sind auch schon mal ausführlich und ein bisschen sperrig, wenn beispielsweise Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, den Weg der Multiperspektivität beschreitet. Da muss der Leser schon über das zehnminütige Video hinweg mitgehen, sonst bleibt ihm die Botschaft verborgen. Sollten sich die Lehrenden inzwischen in ihrem Internet-Lese-Verhalten den Schülerinnen und Schülern angepasst haben, müssen sie sich wieder umgewöhnen. Das Gerade-mal-so-Überfliegen ist hier schwierig.

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Neben den Online-Aktivitäten arbeitet die werkstatt.bpb.de auch intensiv vor Ort. Sechs Partnerschulen gibt es im Bundesgebiet. „Hier wollen wir ein Jahr lang richtig begleiten“, erklärt Heidmeier. Das Projektteam rückt aus zu einem Medien- und Geschichtsworkshop und die Lehrer sollen mit Empfehlungen und Bildungspaketen betreut werden. „Wir wollen alles genau wissen: Wir wünschen uns Statements aus dem Schulalltag, Materialchecks und nach dem Projekttag rauschen wir nicht einfach wieder ab, sondern eine ausführliche Auswertung gehört auch dazu“, so Heidmeier. Den zweiten Kreis der Akteure sollen eine Lehrer-Community bilden. Mit 50 Lehrenden will die werkstatt.bpb.de zeitnah starten – aber es sollen auch immer weiter Lehrende dazukommen. „Die 50 Lehrer sollen kontinuierlich in öffentlichen und geschlossenen Bereichen diskutieren und im besten Fall selber Autor auf der Plattform werden“, wünscht sich Heidmeier. Die 50 Lehrenden sind schon gefunden worden – auch durch klassische Netzwerkaktivitäten im Offline-Bereich. „Wir haben viele einfach angerufen“, gibt Heidmeier zu. Von ihnen werden „realistische Bilder“ über den Unterricht erwartet. „Wir fragen sie: Was wollt ihr? Braucht ihr Medien-Techniker? Ein Lehrer-Facebook?“, erklärt Heidmeier, wie er den Lehrenden auf die Pelle rücken will. „Wir wollen Diskursgastgeber sein.“ Dass das nicht einfach sein wird, ist Heidmeier auch klar. Auf werkstatt.bpb.de ist das Ziel ausgegeben, nicht nur über digitale Technologien zu schreiben, sondern auch die Jugendliche da abzuholen, wo sie sind. Aber vielleicht ist auch eher die Frage zu klären, wie man die Lehrer da abholt, wo sie sind: Trotz aller Vernetzungsangebote und multimedialer Unterstützung müssen sie letztendlich doch wieder alleine vor die Klasse treten und mit ihrem Einsatz im Unterricht ihren Mann stehen. Möglicherweise ist es diese Form der Alleinverantwortung, die sie so unabhängig werden lässt, dass sie Austauschangebote im virtuellen Raum weniger wahrnehmen als erwartet. „Die, wir erreichen, erreichen wir heute immerhin besser als noch vor zehn Jahren“, stellt Heidmeier fest.

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Über das Marketing macht man sich bei werkstatt.bpb.de sehr viel Gedanken. „Die große Masse kriegen wir sowieso nicht – aber wie kriegen wir die, die sich erreichen lassen?“ fragt sich Markus Heidmeier. „Das ist der schwierigste Teil der Arbeit. Online ist die perfekte Ergänzung, aber das alleine reicht nicht.“ Deswegen gibt es die SpeedLabs, die eintägigen Mikrokonferenzen zu unterschiedlichen Themen. „Die SpeedLabs bringen durch die bunte Mischung unter den Teilnehmern manche überraschenden Perspektiven“, erklärt Heidmeier. Auch er weiß, dass das gute Angebot alleine wenig bringt, sondern dass man aktiv auf seine Zielgruppe, hier die Lehrenden, unter Zuhilfenahme vieler Instrumente zugehen muss. „Wir verfolgen da eine nachhaltige Strategie“, sagt Heidmeier und macht sich wieder in seine digitale Feldforschung auf.


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Maria-Christina Nimmerfroh für pb21.de.
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Dipl.-Psychologin Maria-Christina Nimmerfroh ist tätig als Fachjournalistin für IT und Medien, als Dozentin in der politischen Erwachsenenbildung und als Lehrbeauftragte an Hochschulen. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte liegen im Bereich Marketing/Öffentlichkeitsarbeit für Non-Profit-Organisationen, Organisationsentwicklung, Hochschuldidaktik und Wirtschaftspsychologie, insbesondere Markt- und Konsumpsychologie. Im Bereich Online-Lernen ist sie seit 1998 unterwegs und bildet auch selbst Online-Seminarleiter aus. Aktuell hat Maria-Christina Nimmerfroh Lehraufträge an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg am Fachbereich Wirtschaft und an der Bonner Akademie inne und führt für politische Stiftungen Online- und Präsenzseminare durch.

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