Seminarreader

CC by 3.0 by gibro

Das Austeilen von Seminarreadern ist in der politischen Bildung nach wie vor sehr beliebt. Das zusammengestellte Material dient häufig als Hintergrundinformation zu den Seminarthemen. Im vorliegenden Beitrag sollen digitale Materialsammler vorgestellt werden, mit deren Hilfe multimediale Materialsammlungen anstatt eindimensionaler Seminarreader erstellt werden können.

1. Der digitale Zettelkasten

Schon lange bestehen die Rechercheergebnisse zur Vorbereitung auf ein Seminar nicht mehr nur aus ausgeschnittenen Zeitungsartikeln, sondern auch aus Artikeln aus den digitalen Archiven der Verlage, Links zu Webseiten, manchmal auch Videos auf Youtube oder Podcasts. Neben dem analogen Zettelkasten für die Zeitungsausschnitte wäre also ein Werkzeug hilfreich, mit dem alle nur denkbaren Formate gesammelt und sortiert werden könnten. Zwei sehr beliebte Werkzeuge möchten wir vorstellen: Evernote und Diigo.

2. Evernote

Ansicht der letzten gespeicherten ArtikelEvernote wird gerne als eierlegende Wollmilchsau bezeichnet, weil der angebotene Dienst die Art und Weise der Nutzung gar nicht festlegt. Evernote selbst bezeichnet das eigene Angebot als virtuelles Gedächtnis. Neben Artikeln, Bildern, Videos und Audiodateien können auch eigene Notizen hochgeladen werden. Evernote ist eine sogenannte Webapp, d.h. es handelt sich um eine Anwendung, die im Browser ausgeführt wird und keine zusätzliche Installation erforderlich macht. Darüber hinaus kann man Evernote als Programm aber auch auf dem eigenen PC installieren. Für jedes mobile Gerät wird eine App zur Verfügung gestellt.

Screenshot von Evernote Webclipper in ChromeDie gesammelten Zeitungsartikel können mit einer Kamera fotografiert und bei Evernote hochgeladen werden, ebenso können Links zu Videos gesammelt werden. Alle Ideen, Notizen und Protokolle, können auf dem digitalen Schmierzettel direkt in Evernote abgespeichert werden. Spontane Ideen können ähnlich wie bei einem Diktiergerät eingesprochen und abgespeichert werden. Eine Erweiterung im Browser (Firefox, Explorer, Chrome, Safari) ermöglicht das Abspeichern ganzer Webseiten, um zu verhindern, dass der gewünschte Artikel zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr erreichbar ist.

Die einzelnen „Gedanken“ werden in Notizbüchern organisiert. Die Notizbücher entsprechen einer Ordnerstruktur. Darüber hinaus können alle Inhalte verschlagwortet werden. Alle Notizbücher sind standardmäßig nur für den eigenen, privaten Gebrauch vorgesehen. Um Inhalte mit anderen Nutzern zu tauschen, müssen die Notizbücher, bzw. die Artikel einzeln freigeschaltet werden. Freigegebene Inhalte sind aber immer nur über einen Link zu erreichen, nicht aber über eine öffentliche Plattform einsehbar.

Um Evernote herum haben sich eine Reihe weiterer Werkzeuge entwickelt, die spezialisierte Angebote über Evernote hinaus zur Verfügung stellen:

  • Evernote Clearly: Erweiterung für die Browser Firefox und Chrome mit denen Artikel auch am Bildschirm besonders gut lesbar sind, weil Werbung und überflüssiges Bildmaterial entfernt wurde
  • Studyblue: Erweiterung um aus Evernote-Notizen Karteikarten zu machen, um Wissen abzufragen
  • Callnote: Zeichnet Skype-Telefonanrufe zum Beispiel aus dem Seminar zu einem externen Experten auf und speichert die Audiodatei in Evernote
  • click.to: Verwandelt jede Datei auf dem PC in eine Evernotenotiz
  • Screenpresso: Hilft beim Erstellen von Bildschirmfotos und leitet sie direkt an Evernote weiter
  • Weitere Apps für mobile Geräte, die zum Beispiel aus handschriftlichen Notizen mit Hilfe einer Schriftenerkennung durchsuchbare digitale Dokumente machen
  • Mit Hilfe der Software für den Desktop lassen sich auch Bildschirmfotografien erstellen und abspeichern.

3. Diigo

Sammlung der eigenen Artikel und LinksDiigo ist vordergründig ein Werkzeug um Lesezeichen, Bookmarks bzw. Favoriten zu verwalten. Neben Blogpostings oder digitalen Zeitungsartikeln lassen sich auch Bilder und Notizen speichern.Auf den zweiten Blick bietet Diigo aber vor allem interessante Möglichkeiten um Webseiten zu annotieren und die eigenen Gedanken mit „Freunden“ zu teilen. Diigo unterscheidet zwischen der eigenen Bibliothek, dem Netzwerk und Gruppen. Im Netzwerk werden alle Links, die die eigenen „Freunde“ auf öffentlich gestellt haben, gesammelt angezeigt. Die Gruppen sind thematisch orientiert. Es ist auffällig, dass Diigo vor allem unter Pädagog_innen genutzt wird, entsprechend ist auch das thematische Gruppenangebot. Die meisten Linkempfehlungen sind allerdings auf englisch, aber mit der Definition des eigenen Netzwerks kann man das recht schnell ändern.

Eine ausführliche Vorstellung von diigo findet sich in diesem Artikel auf pb21.de.

Diigo und Evernote im direkten Vergleich

Feature Evernote Diigo
Ordnung Notizbuch zur Kategorisierung, Tags für ein Stichwortverzeichnis Listen zur Kategorisierung, Tags für ein Stichwortverzeichnis
Communityfunktionen Freigabe von Notizbüchern und Notizen Hinzufügen von „Freunden“ und „Followern“, Erstellen von thematischen Gruppen, Tauschen von Links und Notizen
Offline-Nutzung Ja Ja, aber nur im Zusammenhang mit mobilen Endgeräten wie Smartphone oder Tablet
Mögliche Medien Links, Artikel, Bilder, Audio, Notizen Links, Artikel, Bilder, Notizen
Browserplugins Ja, für alle gängigen Browser wie Firefox, Chrome, Safari und Internet Explorer und darüber hinaus einen Webclipper für die Lesezeichenleiste in allen anderen Browsern Ja, für alle gängigen Browser wie Firefox, Chrome, Safari oder Internet Explorer und darüber hinaus als Diigolet für die Lesezeichenleiste in allen anderen Browsern
Sonstige Erweiterungen Ja, hier ist eine Liste Ja, hier ist eine Liste
Unterstützte Plattformen Im Browser: Firefox, Internet Explorer, Chrome, Safari
Als App: iPad, iPhone, Blackberyy, Windows Phone 7, Web OS
Als Offline-Programm auf dem PC: MacOSx, Windows
Im Browser: Firefox, Internet Explorer, Chrome, Safari
Als App: iPad, iPhone und Android
Angebote für mobile Geräte wie Smartphones und Tablets Ja, hier ist eine Liste Ja, hier ist eine Liste

4. Einsatzmöglichkeiten in der pädagogischen Praxis

Der partizipative Seminarreader

Man kann für jedes seiner Seminare ein Notizbuch anlegen, und schließlich das Link dorthin an die Seminargruppe weitergeben. Das dort liegende „Echtzeit-Archiv“ ermöglicht jederzeit weitere gefundene Artikel hinzuzufügen. Wenn den Teilnehmenden eigene Zugänge zu Evernote oder Diigo zur Verfügung stehen, können sie selbst ihre Rechercheergebnisse der Gruppe zur Verfügung stellen. Diese Möglichkeit bietet sowohl Evernote als auch Diigo.

Erstellung und Verteilung des Seminarreaders

Listen wiederum lassen sich als Linksammlungen für den Print-Reader bei Diigo ausdrucken. Dabei werden alle erstellten Notizen zu einem Artikel in der Liste mit angezeigt. Bei Etherpad kann man Notizbücher dem Seminar als Reader zur Verfügung stellen. Ein Beispiel könnte so aussehen.

Der Seminarreader als Dokumentationsfläche für das Seminar

Es ist auch vorstellbar, den Seminarreader nicht nur mit Hintergrundtexten zum Seminar zu befüllen, sondern auch dazu zu gebrauchen, die gemachten Bilder, die erwähnenswerten Links und andere Seminarergebnisse zusammenzutragen. Diigo bietet dazu für erstellte Listen eine Webschau an.

5. Vor- und Nachteile digitaler Seminarreader

Vorteile:

  • Der gesamte Seminarreader lässt sich im Volltext durchsuchen. So wird der digitale Reader zu einem nachfrageorienterten Nachschlagewerk
  • Der Reader macht es technisch möglich auch noch nach dem Seminar tagesaktuelle Bezüge zu den Seminarthemen herzustellen
  • Es lassen sich unterschiedliche Zugänge zu den enthaltenen Inhalten ermöglichen. Z.B. über Kategorien, Schlagworte, Volltextsuche
  • Der Seminarreader kann auch Interessierten zugänglich gemacht werden, die nicht am Seminar teilgenommen haben, aber beim nächsten Mal dabei sein wollen

Nachteile

  • Der Zugriff auf den Seminarreader setzt einen Internetzugang voraus
  • Gewöhnungsbedürftige Kategorisierung und Sortierung von Inhalten
Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter der CC-by-Lizenz. Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: CC-by-Lizenz, Autor: Guido Brombach (gibro) für pb21.de.