Video für Einsteiger, Teil II: Praxistipps für das richtige Equipment

Im zweiten Teil unsere Serie „Video für Einsteiger“ (den ersten Teil finden Sie hier) gehen wir tiefer, denn Sie haben inzwischen Ihre ersten Erfahrungen gesammelt.

Der gute Ton

Wir starten mit einem für Sie vielleicht überraschenden Aspekt: Das wichtigste am Film ist der Ton. Nicht nur bei Interviews gilt: Die Toleranzschwelle gegenüber schlechten Clips ist hoch, doch unverständlichen Ton quittiert der Zuschauer mit einem Klick, der das Video beendet.

Reporter- und Richtmikrofon, Foto nicht unter freier Lizenz.

Reporter- und Richtmikrofon, Foto nicht unter freier Lizenz.

Die eingebauten Mikrofone der meisten Camcorder eignen sich weder für Interviews, noch für andere engagierte Zwecke. Hier muss ein amtliches Mikrofon her. Noch besser zwei: ein Hand- und ein Richtmikrofon.

Das Hand- oder Reportermikrofon kann eine Kugel- oder Nierencharakteristik haben (mehr über die Unterschiede in der Artikelreihe „Podcasting für Einsteiger“ von Pritlove) und es muss gegen Körperschall und Handgeräusche abgeschirmt sein.

Unsere Reihe Video für Einsteiger: Teil I Von wenig Durchblick zu etwas Ahnung, Teil II Praxistipps für das richtige Equipment, Teil III Postproduktion, Teil IV Videoequipment

Richtmikrofone arbeiten meist auf Hypernieren-Basis und lassen sich präzise auf weiter entfernte Schallquellen ausrichten. Sie sind ideal für Interviews und andere Sprachaufnahmen ohne Moderator. Sie müssen Ihrem Interviewpartner kein Mikro in die Hand drücken, stolpern nicht über Kabel und die Nebengeräusche schaffen eine lebendige Atmosphäre.

Mit Richtmikrofonen können Sie auch Diskussionen mit mehreren Teilnehmern aufzeichnen, ohne gleich mehrere Mikrofone, -ständer und Mischpult zu benötigen. Profis haben dafür einen Tontechniker, der den Sound auf ein externes Gerät aufnimmt und das Mikrofon mit einer Tonangel über die Sprecher hält. Es geht aber auch ohne – wenn Sie das richtige Equipment haben.

Reportermikrofone machen Sinn, wenn Sie einen Gast und einen Moderator filmen. Er stellt die Fragen, spricht ins Mikrofon und hält es anschliessend seinem Gast hin. Raumgeräusche werden weitgehend ausgeblendet und der Sprecher ist deutlich zu verstehen. Das mag trivial klingen, ist es aber nicht: Es erfordert viel Übung und Fingerspitzengefühl.

Clevere Lösung: MiniMixer für zwei Mikro/Line-Eingänge, Foto nicht unter freier Lizenz.

Clevere Lösung: MiniMixer für zwei Mikro/Line-Eingänge, Foto nicht unter freier Lizenz.

Den richtigen Umgang mit den Mikrofonen sollte man, ggf. mit seinen Mitstreitern, vorher unbedingt üben. Zu nah am Mund, neigen Mikrofone zu Ploppgeräuschen und Übersteuerung. Zu weit weg, wird das Signal zu leise. Der Unterschied beträgt dabei oft nur 10 oder 20 Zentimeter.

Zwar verfügen viele Kameras über einen eingebauten Kompressor, doch der hat – preisbedingt – enge Grenzen. Die Folge sind hörbare Pump- und Nebengeräusche, insbesondere wenn das Mikrofon falsch gehalten wird. Das alles kostet nicht nur Nerven, sondern auch Geld. Daher sollte man einen Neupreis von 150 – 200 Euro pro Mikrofon einkalkulieren – es wird sich als sinnvolle Investition erweisen.

Die ruhige Hand

Wieder unterwegs: Stativ, Fluidkopf, MiniMixer, Licht - alles für den mobilen Einsatz, Foto nicht unter freier Lizenz.

Wieder unterwegs: Stativ, Fluidkopf, MiniMixer, Licht – alles für den mobilen Einsatz, Foto nicht unter freier Lizenz.

Beim Dreh unerlässlich ist die ruhige Hand. Ein Muss, um professionell aussehende Videos zu bekommen ist, – auch wenn gute Software in der Postproduktion einiges ausbügeln kann – ein Stativ. Das gilt insbesondere für Interviews und Mitschnitte von Vorträgen oder Konferenzen. Auf das Stativ gehört einen Fluidkopf, damit Sie die Kamera sicher befestigen und zugleich flüssig bewegen können.

Sie werden immer wieder mit der Kamera nachziehen und Bewegungen folgen müssen, um den einen oder anderen Gast besser ins Bild zu rücken. Wenn Sie hier sparen, werden weiche Kamerabewegungen unmöglich. Einsteigermodelle gibt es ab 150 bis 200 Euro, professionelle Varianten kosten mindestens 600 bis zu mehreren Tausend Euro.

Wenn Sie kein Stativ mitnehmen können, brauchen Sie ein Handstativ, um die Kamera ruhig zu halten. Darauf sollten zusätzlich eine Kameraleuchte oder ein Mikrofon montiert werden können. Eine gute Alternative ist ein Schulterständer-/Tischstativ-Kombination, die Ihnen hilft, gute Aufnahmen zu machen.

Die Drei-Klassen-Gesellschaft

Kamera-Einsteigermodelle haben wir bereits im ersten Teil vorgestellt. Das mittlere Preissegment bei diesen Geräten liegt zwischen 500 und 1.500 Euro. Hier finden Sie eine Menge sehr guter Modelle mit zahlreichen manuellen Einstellmöglichkeiten und Features wie dem automatischen Fokus (der ideal ist, um eine oder mehrere Personen immer scharf im Bild zu behalten, auch wenn sie sich bewegen). Solche Kameras sind in den letzten Jahren deutlich günstiger geworden. Sie setzen aber voraus, dass Sie sich gern mit technischen Fragen beschäftigen und tiefer in die Materie eintauchen wollen.

KO-Kriterium Mikrofoneingang, Foto nicht unter freier Lizenz.

KO-Kriterium Mikrofoneingang, Foto nicht unter freier Lizenz.

Ein eindeutiges KO-Kriterium in diesem Segment ist definitiv ein fehlender Eingang für ein externes Mikrofon. Achten Sie außerdem auf ein gutes Lowlight-Verhalten, denn Sie werden häufig in Innenräumen drehen und nicht immer eine Kameraleuchte zur Hand haben. Dann zahlt sich ein gutes LH-Verhalten schnell aus.

Joker I: DLSR-Kameras

Video-DLSR, sogenannte Bridge-Kameras, haben in den letzten Monaten den Markt erheblich aufgemischt. Es sind Fotokameras, mit denen Sie auch Videos aufnehmen können. Sie haben dank ihrer großen Chips ein sehr gutes Lowlight-Verhalten, außerdem können Sie im Gegensatz zu den preisgünstigen Camcordern mit der Tiefenschärfe spielen (Filmlook) und auf Wechseloptiken zugreifen. Deshalb sind sie vom Bild her den meisten Camcordern haushoch überlegen.

Typische DLSR-Kamera, Foto nicht unter freier Lizenz.

Typische DLSR-Kamera, Foto nicht unter freier Lizenz.

Dem stehen im Alltag einige Nachteile entgegen: Sie sind unhandlicher als Camcorder, nicht alle Modelle haben einen Mikrofoneingang oder einen Autofokus. Die Zoom-Funktion lässt oft zu wünschen übrig und sie sind empfindlich, was schnelle Bewegungen angeht. Vor allem ist die Aufnahmezeit begrenzt: Sie können nur 10 bis 15 Minuten am Stück aufzeichnen, auch wenn es hier zunehmend Verbesserungen gibt. Bis man sie im Griff hat und gut bedienen kann, können Monate vergehen, denn Bridge-Kameras sind momentan noch „aufgebohrte“ Fotoapparate, die auch Bewegtbilder aufzeichnen können. Das volle Potential dieser Geräte entfaltet sich beim Filmen im Moment noch, wenn Sie auch einen Camcorder zur Verfügung haben.

Hochpreisige Camcorder, erhältlich ab 1.500 und bis etwa 5.000 Euro, kommen entweder für (angehende) Profis oder gut bestückte Liebhaber in Frage. Solche Modelle können und sollten Sie vorher ausleihen, entsprechende Firmen gibt es in fast jeder größeren Stadt. Übrigens: Testaufnahmen mit diversen Modellen finden Sie auch auf Vimeo und youtube, zum Teil von Filmspezialisten und ausführlich präsentiert. Für den Kauf eines hochpreisigen Camcorders sollten Sie, mit anderen Worten gesagt, lesen, googeln, vergleichen, Links folgen und sich spielerisch schlau machen. Englischkenntnisse sind dabei ein klarer Vorteil.

Zusammengefasst lässt sich festhalten: Vergleichen Sie Besprechungen, klicken Sie sich durch Foren und Produkttests und suchen Sie auch auf Videoseiten wie youtube oder Vimeo nach Videos über die Modelle, die für Sie in Frage kommen. Vergessen Sie auch nicht, den örtlichen Fachhandel einmal zu besuchen. Dabei lernen Sie nebenbei auch eine Menge über Fachbegriffe wie Focus und Formate, Blende und Belichtungszeiten.

Mehr Saft

Foto nicht unter freier Lizenz.

Foto nicht unter freier Lizenz.

Wir erwähnten es bereits im ersten Teil der Serie: Wenn Sie sich für eine Kamera entschieden haben, planen Sie gleich zwei  bis drei Zusatz-Akkus mit ein, denn Sie werden nicht immer in der Nähe einer Steckdose filmen. Originalakkus sind in der Regel teuer, sogenannte OEM-Produkte sind qualitativ gleichwertig und um ein Vielfaches billiger. Aber Vorsicht: Es kursieren viele Kopien, die nicht den Sicherheitsstandards genügen. Daher sollten Sie diese nur bei einem Spezialisten kaufen.

Mehr Licht

Akkuleuchten und Kopflampen sollten Sie stets dabei haben. Es muss nicht gleich die klassische Drei-Punkt-Beleuchtung sein, aber Sie sollten die Unterschiede zwischen Tages- und Kunstlicht kennen. Kelvin und Tungsten, ISO, Belichtung und Verschlusszeit – essentielle Grundbegriffe der Videotechnik, die Sie online vergleichen können. All diese Dinge werden wichtig, sobald Sie den Automatik-Modus Ihrer Kamera verlassen. – Was Sie durchaus tun sollten, wenn Sie Ihr Equipment einmal ausreizen möchten.

Mehr Speicher

Wie zeichnet Ihre Kamera auf? DV-Bänder sind preiswert und problemlos im Handling, kosten aber in der Postproduktion mehr Zeit, um die Daten einzulesen. Interne Festplatten und DVD-Writer sind Auslaufmodelle, der Trend im mittleren und höheren Segment geht zu Compact Flash Cards (Bild rechts). Sie sind klein, robust, verbrauchen wenig Energie und können in der Regel mehr oder weniger problemlos importiert und im Schnittprogramm weiter verarbeitet werden. Von Nachteil sind allerdings die hohen Anschaffungskosten.

Denn: für Videoaufnahmen kommen nur die teuren Modelle in Frage, bei billigen Modellen drohen ärgerliche Ausfälle. Empfehlenswert sind solche ab 32 GB – von denen Sie mindestens zwei anschaffen sollten. Die Kosten pro Speicherkarte liegen bei ca. 300 Euro, wobei die Preise mittelfristig fallen dürften.

Joker II: Smartphones

Grafik nicht unter freier Lizenz.

Grafik nicht unter freier Lizenz.

Die beste Kamera ist die, die man dabei hat. Das spricht für Smartphones, zumal ihre integrierten Kamera immer besser wird. 31 Millionen Geräte gingen allein 2011 über den Ladentisch und speziell um das iPhone herum hat sich ein Biotop von Drittherstellern entwickelt, das ständig neue Blüten treibt.

Es gibt Weitwinkelobjektive, Adapter für externe Mikrofone, Stative, Mini-Dollys und Slider, ganz zu schweigen von den zahlreichen Apps und der eingebauten Livestream-Funktion. So wird das Handy zum TV-Sender und Broadcasts gelingen bei guter Netzstärke „aus dem Handgelenk“.

Aufnahmetechnisch schwächeln Smartphones bei Gegenlicht und den Reaktionszeiten für die Belichtungsautomatik. Doch eine Auflösung von 1080p und die 8-Megapixel-Kamera überzeugen und sind erst der Anfang: Kameras werden immer kleiner, leistungsfähiger, passen in Kugelschreiber und Schmuckstücke. Sportkameras wie die GoPro ermöglichen atemberaubende Bilder und bald werden wir aus Brillenfassungen und Kontaktlinsen senden. Selbst das ARD nimmt bestimmte Sportsendungen bereits mit dem iPhone auf. Was die Qualität angeht, kursieren im Netz interessante Features und Aufnahmen, welche die Videoqualität von Smartphones mit Kameras und Camcordern vergleichen. Als eindeutiges Fazit lässt sich festhalten: „Small is beautiful“.

Kamera gekauft – und dann?

Jetzt sind Aufnehmen und intensives Üben an der Reihe. Anschliessend sollten Sie ihre Aufnahmen sorgfältig analysieren: Was sieht gut aus, was weniger? Wie ist das Bild bei Tageslicht, wie in Innenräumen? Wie bewege ich die Kamera, wie funktionieren Fahrten, Schwenks und Zooms? Studieren Sie in jedem Fall sorgfältig die Gebrauchsanweisung, denn Kameras sind Computer mit einer vorgeschalteten Linse, bei denen nicht alles selbsterklärend ist.  Es empfiehlt sich auch, sich ständig fortzubilden: Studieren Sie die exzellenten Podcasts für Videofilmer und Fotografen, beschäftigen Sie sich mit grundlegenden Fragen des Bildaufbaus, drehen Sie Clips mit Freunden. Dokumentieren Sie Veranstaltungen, arbeiten Sie eventuell einmal kostenlos um so Praxis, Sicherheit und Souveränität im Umgang mit Ihrer Kamera zu gewinnen.

So entwickeln Sie sich Schritt für Schritt vom Amateur zum Profi. Die gute Nachricht dabei ist, dass es nie so einfach war, an qualitativ hochwertige Tipps zu kommen. Aber seien Sie geduldig – es dauert ein wenig, bis man Durchblick hat und den eigenen Stil entwickelt. Dabei wird Ihnen der dritte Teil unserer Reihe helfen, der am 15.03.12 hier erscheint.


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Erfahrener Autor und Produzent interaktiver Lernumgebungen mit Vorliebe für Bilder und Videos anstelle von langen Texten für corporate learning. Zusammen mit Martin Lindner das unschlagbare Wissmuth-Duo für pfiffige und überzeugende Lernlösungen.

Kategorien: Artikel, Dienste & Werkzeuge, Web-Video & Livestreaming Schlagworte: , , , , , , Keine Kommentare ↓

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