Screenshot MauerbauappWer sagt eigentlich, dass politische Bildung nur in Seminarräumen funktioniert? In diesem Artikel soll eine kleine Auswahl an Apps (Programme für mobile Endgeräte wie Smartphones und Tablets) für die politische Bildungsarbeit ausserhalb des Seminarraums vorgestellt werden. Von historischen Fotos bis zu vorgelesenen Stasi-Akten, von Augmented Realtity bis Geocaching, von Mauerbau bis Mordfall - die mobilen Apps decken inzwischen ein breites Spektrum ab. 

Der Artikel geht von einem Einsatz im Rahmen der institutionalisierten politischen Bildung aus, viele der vorgestellten Beispiele eigenen sich jedoch auch für die Auseinandersetzung mit politischen Inhalten jenseits von Bildungsangeboten. Die hier genannten Apps setzen den Besitz eines sogenannten Smartphones oder Tablets mit einem Android- oder Apple Betriebssystem voraus. Zwingend erforderlich ist ein GPS-Modul, das in jedem gängigen Smartphone enthalten sein sollte. Das GPS-Modul im Handy sorgt für die Verortung mit Hilfe von Satelliten

Die Apps

Name: c:geo

Betriebssystem:

Available in Android Market

Screenshot c:geo

Kosten: kostenlos

Beschreibung: Die App stellt eine Verbindung zur weltgrößten Datenbank für Geocaches, geocaching.com her und ermöglicht die mobile Bedienung der Datenbank. Es lassen sich Caches auf verschiedene Weise finden und speichern: Neben der direkten Eingabe von Koordinaten (einen Längen- und einen Breitengrad) ist es auch möglich Caches in der Umgebung des Nutzenden auf einer Livekarte zu suchen. Zum Auffinden des Caches bietet die App neben den Boardmitteln wie Google Maps Navigation auch einen Kompass an. Wenn der Cache gefunden ist, kann mit der App auch der Fund bestätigt, im Geocacher-Jargon: geloggt werden.

Bewertung: Die App ist für den Spontancacher geeignet. Weil die App alle relevanten Daten innerhalb weniger Minuten liefert, um einen Cache in der Nähe zu finden. Es gibt keine bessere App für Smartphones. Selbst die offizielle Geocaching App kann nicht mehr Funktionalitäten bieten.

Anwendung im Seminar: Bei Geocaching.com lassen sich jede Menge Caches mit politischen Inhalten finden, eventuell hat der Referent Glück und zum Seminarthema lässt sich in der Umgebung der Bildungsstätte ein thematisch passender Cache finden. Natürlich sind die Caches niemals für diesen Zusammenhang gemacht worden und bei Nutzung durch eine Gruppe sind Maßnahmen zu treffen, um den Cache am Ende wieder so zu hinterlassen, wie man ihn vorgefunden hat.

Name: Historypin

Betriebssystem:
Available in Android Market
 Historypin - We Are What We Do
Kosten: kostenlos

Screenshot Historypin

Beschreibung: Historypin hilft alte Bilder aus Alben abzufotografieren und hochzuladen mit einer Ortreferenzierung (das kann eine Adresse oder auch GPS-Koordinaten sein) zu versehen. Für historisch Interessierte kann aber mit der App auch ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden. Passend zum Standort des Betrachters werden historische Bilder aus der Umgebung angezeigt. Die Bilder sind häufig mit Beschreibungen angereichert sind bieten deshalb eine Geschichtsschreibung von unten an.

Bewertung: Die App bietet einen sogenannten Overlay Modus an. Dabei lässt sich die Realität und das Bild durch einen Schieberegler miteinander verschränken. Vor allen Dingen vor Ort ist diese Funktion besonders interessant, weil der Zahn der Zeit besonders gut sichtbar wird. Allerdings gibt es bisher recht wenig Bilder, die bei Historypin zu finden sind

Anwendung im Seminar: Mit der App kann eine sehr praktische Auseinandersetzung mit Geschichte erfolgen. Dazu ist allerdings historisches Bildmaterial nötig. Sowohl private Fotoalben, als auch Stadtarchive können dabei helfen an solches Material zu gelangen. Durch gemeinsame Referenzierung kann der Alltag zu einer bestimmten Zeit aufgearbeitet und analysiert werden. Bestehendes und bei Historypin mit Orten verknüpftes Bildmaterial kann aber auch Geschichte anfassbar machen.

Name: Wikitude

Betriebssystem:
Available in Android Market
WIKITUDE Augmented Reality Browser - Wikitude GmbH

Screenshot Wikitude

Kosten: kostenlos

Beschreibung: Die App hilft, mehr über seinen aktuellen Standort zu erfahren, in dem in das Kamerabild auf dem Smartphone zusätzliche Informationen angezeigt werden. Man nennt diese Form der Darstellung Augmented Realtity, also erweitere Realität. Neben Wikipediaartikeln, die mit Orten verknüpft sind können Rollstuhlgerechte Orte oder Museen und Denkmäler gefunden werden.

Bewertung: Die Fülle an Informationen erschlägt den Nutzer, auf der anderen Seite ist es eine interessante Art und Weise, die individuelle direkte Umgebung zu erforschen. Vor allem die Verknüpfung von Hotel und seinen Bewertungen lässt erkennen wo die Zukunft der sogenannten local based services liegen könnte. Eine Stadtführung ist mit Hilfe der Wikipedia-Daten ohne weiteres zu absolvieren.

Anwendung im Seminar: Neben den schon genannten Verknüpfungen lässt Wikitude auch eine Verbindung zu Twitter und Facebook zu. Dadurch können die Wohnorte der „Freunde“, aber auch die Tweets von Followern in der direkten Umgebung angezeigt werden. Dadurch macht die App auch die Verschmelzung aus Internet und Kohlenstoffwelt erfahrbar und diskutierbar.

Name: Berliner Mauerapp der BpB

Betriebssystem:
Available in Android Market
Die Berliner Mauer - exozet

Screenshot Mauerbauapp

Kosten: kostenlos

Beschreibung: Basierend auf Chronik-der-Mauer.de können hier 40 Orte rund um die Berliner Mauer erkundet werden. Zu jedem der Orte gibt es historisches Bildmaterial, zum Teil Audio- oder Videobeiträge. In einem speziellen Modus kann sich der Besucher der Hauptstadt von seinem Smartphone informieren lassen, wenn er oder sie in der Nähe eines POIs (Point of Interest = Ort von Interesse oder Sehenswürdigkeit) ist. Es ist möglich eine der 4 vorhandenen Routen abzulaufen oder aber auch entlang einer Auswahl von Sehenswürdigkeiten eine eigene Route zu erstellen, das Handy hilft dann bei der Routenführung.

Bewertung: Das zusammengetragene historische Material wirft einen Blick auf die Mauer, wie es kein gedruckter Stadtführer zu leisten vermag. Die Mauer von der heute in Berlin kaum noch etwas zu sehen ist, wird zum Leben erweckt und schaut auch jenseits der touristischen Highlights auf ein Stück deutsche Nachkriegsgeschichte.

Anwendung im Seminar: Wer in Berlin mit einer Seminargruppe den Ost-West-Konflikt thematisieren will, sollte sich diese App genauer anschauen. Die politische Hetze auf beiden Seiten, Ost wie West und viele andere uns heute absurt erscheinende Begebenheiten werden detailgetreu nacherzählt.  Die ausgewählten Orte sind in jedem Fall sehenswert und mit ein paar zusätzlichen Aufgaben für die vom Referenten ausgewählten Orte können die Teilnehmenden eine lehrreiche Route durch das geeinte Berlin nehmen.

Name: Inspector Tripton

Betriebssystem:
Available in Android Market
Inspector Tripton - sprylab

Screenshot Inspector Tripton

Kosten: kostenlos

Beschreibung: Es handelt sich um ein Spiel bei dem ein fiktiver Mord aufzuklären ist. Bei diesem Spiel müssen sich die Teilnehmenden durch ein Dickicht an Indizien graben. Um an die einzelnen Informationen zu gelangen müssen unterschiedliche Orte aufgesucht werden. An den Orten werden die Spieler von Akteueren erwartet, in dem die Kamera des Smartphones die virtuellen Gesprächspartner in die Realität integriert. Sind am Ende alle Informationen eingesammelt, kann der Mörder gestellt werden.

Bewertung: Die App erzählt eine fiktive Geschichte, auf dieser Ebene sind jedoch weitere Spiele in Planung, die auch reale, historische Handlungen darstellen und erlebbar könnten.

Anwendung im Seminar: In der Variante der Stadt Berlin sind in der Geschichte die historischen Grenzen und damit der Mauerverlauf einzusehen. Der Augmented Reality Modus bietet hierbei jeweils einen Blick auf die Ost bzw. die Westseite der Mauer. Um sich spielerisch die Stadt anzueignen, ist Inspector Tripton in jedem Fall gut geeignet.

Name: Radio Aporee

Betriebssystem:
Available in Android Market

Screenshot Radio Aporee

Kosten: kostenlos

Beschreibung: In ihrem mittlerweile 3. Projekt hat das Deutschlandradio einige Stasi-Akten von den damals Beobachteten in Auszügen vorlesen lassen. An die 100 einzelnen Hörbeiträge sind dabei entstanden. Wer sich in Berlin im vereinbarten Radius bewegt, wird die Audiodokumente hören können und  kann sich so auf die Spur der von der Stasi beobachteten Protagonisten machen. Auf ihrer Webseite stellen die Macher auch einen Couch-Modus zur Verfügung.

Bewertung: Der Autor selbst konnte das Spiel nicht spielen und verweist deshalb auf eine Würdigung des ortbasierten Radios bei Spiegel online.

Anwendung im Seminar: Diese App setzt für den Einsatz im Seminar Berlin als Seminarort voraus. Dort kann das Spiel mit Sicherheit mit den Möglichkeiten der damaligen Überwachungstechnologien für die heutigen Datensammlungsvorhaben sensibilisieren und eine Auseinandersetzung zur Privatsphäre vor dem historischen Hintergrund ermöglichen.

Fazit

Einige Apps erfordern einen dauerhaften Zugang zum Internet. Allerdings birgt diese Abhängigkeit auch die erhöhte Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Entweder ist die Verbindung zu langsam oder zu unzuverlässig. c:geo und Inspector Tripton kommen während der Nutzung ohne einen Internetzugang aus. Bei den anderen Apps ist eine zuverlässige Anbindung auch in bewohnten Gebieten nicht immer gewährleistet und kann den gewünschten motivierenden Effekt in sein Gegenteil verkehren, wenn die Seminargruppe einen Großteil ihrer Zeit aufwenden muss um den Internetzugang herzustellen.

Viele der vorgestellten Apps nutzen den motivierenden, spielerischen Zugang zu Inhalten aus. Dennoch bleibt es der Seminarleitung überlassen, die Erlebnisse der Teilnehmenden zu reflektieren und in den Erkenntnisprozess zu integrieren. D.h. das Tool alleine sorgt nicht für den Lernerfolg, sondern stellt nur eine interessante, vielleicht sogar neue Form dar, teilnehmendenorientiert Informationen zu gewinnen.

Eine besondere Rolle spielt bei der GPS basierten politischen Bildung die Emotionalisierung des Ortes. Es geht bei dieser Form des Lernens weniger um die Sammlung von Fakten, als vielmehr um eine erlebnisbezogene, diskursorientierte Aneignung von Standpunkten. Bildung jenseits des Seminarraums ist der sprichwörtliche Blick über den Tellerrand und kann in vielen Fällen zu deutlich diffuseren Lernergebnissen führen.

Der ortsbezogene Lernansatz erfordert auch von den Teilnehmenden einen induktiven Lernweg. Es wird also vom Besonderen auf das Allgemeine geschlossen ohne dabei die Besonderheiten des Ortes zu vernachlässigen. Häufig ist den Lernenden nur der umgekehrte Weg geläufig, also vom Allgemeinen auf den Einzelfall zu schließen.

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