Gehaltvolle Blasen: Comics und Cartoons selber machen – Teil I

Grafik nicht unter freier Lizenz.

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Ein Überblick über Instrumente für kreative Bildungsarbeit

Comics sind schon lange nicht mehr nur für Kinder, aber in der Bildungsarbeit kommen sie trotzdem selten vor. Unser Vorschlag: Lassen Sie Ihre Teilnehmer doch mal selber machen. Beim Texten von Cartoons muss der Dozent wenig vorbereiten und die Teilnehmenden richtig gut nachdenken – und haben auch noch Spaß dabei.

Zum Thema EduComics – Wie man Comics und Cartoons in der Bildungsarbeit einsetzt gibt es mit der Autorin dieses Artikels Maria-Christina Nimmerfroh einen #pb21-WebTalk* am 19.10.2012 um 11.00 Uhr. Erfahren Sie mehr …

Eine Einführung in Educomics mit didaktischen Tipps lesen Sie in diesem Text. Ein weiterer Artikel stellt Ihnen Anlaufstellen im Netz und Programme vor, die bei der kreativen Arbeit unterstützen.

Comics, Cartoons und Karikaturen haben in der politischen Bildung einen festen Platz: Mehr oder weniger gute Beispiele werden gezeigt und diskutiert. Manchmal gibt es auch für die jüngeren Zielgruppen die Vermittlung von Inhalten in kompakter Form mit wenig Texten und viel Zeichnungen. Hier gibt es zu vielen Themen ausführliches Material, das im Zeitalter des Web 2.0 nur ein kleines Manko hat: Es handelt sich hier lediglich um Medienkonsum, nicht um Medienproduktion. Die eigenständige Auseinandersetzung findet lediglich über das Lesen, Betrachten und über die Diskussion in der Gruppe statt, was vom Erkenntnisgewinn bekanntermaßen sehr unterschiedlich sein kann.

Gerade in der Erwachsenenbildung wird eher verhalten mit Comics und ähnlichen Darstellungsformen gearbeitet. Allenfalls politische Cartoons werden noch gezeigt und besprochen. Möglicherweise spielen bei dieser Zurückhaltung auch Vorbehalte gegen das in Bildungskreisen nicht gerade angesehene Medium Comic eine Rolle. Die meisten Teilnehmenden werden privat wohl kaum Graphic Novels lesen und vielleicht auch nicht offen für solche Darstellungsformen sein

Comics und Cartoons werden unterschätzt

Dabei werden Comics und Cartoons unterschätzt: Sie transportieren nicht nur verkürzt einen Sachverhalt, sondern sie leisten durch die bildliche Darstellung deutlich mehr. Humor und Ironie können hier dargestellt werden, die Inhalte sind zugespitzt und werden somit sehr prägnant vermittelt, Kernbotschaften treten deutlicher hervor. Außerdem kommen selbst in Ein-Bild-Darstellungen Gefühle und Einstellungen zum Ausdruck, so dass diese Cartoons oder Comics viel stärker als Texte eine inhaltliche Richtung vorgeben. Das Verhältnis von Text und Bild nimmt beim Comic einen konstitutiven Stellenwert e. Text und Bild sind hier zwei Manifestationssprachen, die auf vielfältige Art miteinander verwoben sind und somit nicht wie bei einer bloßen Illustration auch unabhängig voneinander gedeutet werden können.

Medienproduktion im Seminar: Texte einen Cartoon

Richtig interessant wird die Arbeit mit Comics und Cartoons im Bildungskontext, wenn es gelingt, die Teilnehmenden au der Konsumentenrolle herauszulösen und zum Produzenten zu machen. Für Unterrichtsreihen in Schulen gibt es methodische Hinweise zum Einsatz, für die speziellen Anforderungen in der Erwachsenenbildung dagegen scheint es da wenig zu geben. Diese Lücke wollen wir mit diesem Beitrag füllen.

Betrachten wir den einfachsten Fall, einen Cartoon als Aufgabe im Seminar einzusetzen (dieses Vorgehen gilt für Online- wie für Offline-Seminare):

Die Teilnehmenden bekommen in Einzel- oder Partnerarbeit einen Ein-Bild-Cartoon, in dem zwei Personen in einer Szene zu sehen sind. Eine Sprechblase ist ausgefüllt und die andere ist leer. Die Aufgabe ist nun, einen – natürlich sehr kurzen – Text zu suchen, der mit dem Vorgegebenen ein stimmiges inhaltliches Gesamtbild ergibt.

Schnell selbst gezeichnet: Cartoon des Dozenten als Beispiel. Grafik nicht unter freier Lizenz.

Schnell selbst gezeichnet: Cartoon des Dozenten als Beispiel. Grafik nicht unter freier Lizenz.

Warum sollten Dozenten so etwas im Seminar von ihren Teilnehmern verlangen, wo es doch vermutlich größere Vorbehalte gegen diese Form der Darstellung gibt? Diese Cartoon-Aufgabe hat mehrere Vorteile: Zum Einen haben die Teilnehmer immer das Bestreben, Aufgaben gut zu lösen. Das führt dazu, dass sie – gemäß dem Bild, das sie von Cartoons haben – witzig und originell sein wollen. Um aber sich auf humorvolle Weise mit einem Thema auseinanderzusetzen, muss man es erst einmal richtig verstanden haben. So werden die Teilnehmenden dazu gebracht, ihren eigenen Kenntnisstand zum Thema zu überprüfen und können Unklarheiten besser formulieren. Zum Anderen wird im Cartoon eine prägnante sprachliche Darstellung verlangt: Man muss die wesentlichen Aspekte des Themas nicht nur erkennen, sondern muss sie auch in wenigen Worten ausdrücken können. Und das ist in der Regel schwieriger und langwieriger als ein ausführliches Exzerpt. Ein weiterer Vorteil ist der Rollenwechsel, zu dem man möglicherweise gezwungen ist. Um mich witzig, originell und zugespitzt äußern zu können, muss eine Identifikation mit der dargestellten Person stattfinden, ein Einfühlen in die Situation und somit ein Rollenwechsel von meiner eigenen Position in die, die in der Zeichnung dargestellt ist. Der letzte Vorteil liegt geradezu auf der Hand: Den Teilnehmenden machen diese Aufgaben Spaß – und zwar sowohl bei der Durchführung als auch in der Auswertung der Arbeit der anderen.

Die Dozentensicht: Die Vorbereitung geht schnell

Hören Lehrende den Begriff „Medienproduktion“ im Zusammenhang mit ihren Seminaren, denken sie in der Regel sofort an großen Aufwand, technische Probleme und intensive Betreuung. Comics und Cartoons sind unter diesem Aspekt ausgesprochen pflegeleicht. Man braucht lediglich die Idee, zu welchem Aspekt in der eigenen Veranstaltung eine solche Kreativ-Aufgabe sinnvoll einzusetzen ist.

Bistrip: Online-Tool zur Erstellung von Cartoons. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Bistrip: Online-Tool zur Erstellung von Cartoons. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Ein Beispiel: In einem Präsenzseminar geht es um Staatsverschuldung. Es werden theoretische Hintergründe und politische Lösungsszenarien dargestellt und besprochen. Nach einer intensiven Diskussionsphase kommt die Cartoon-Aufgabe: Das Bild zeigt einen Fahrgast und einen Busfahrer, der Busfahrer nennt offensichtlich den Preis für die Fahrkarte „2,80 Euro“ und erwartet, dass der Fahrgast den Betrag bezahlt. Der Fahrgast antwortet aber: „Bei dem Haushaltsdefizit Ihrer Kommune lohnt es sich ja gar nicht, dass ich bezahle.“ Die Antwort des Busfahrers bleibt offen (leere Sprechblase). Die Aufgabe besteht nun darin, in Einzel- oder Partnerarbeit die zweite Sprechblase so zu füllen, dass zusammen mit der Szene ein stimmiger Dialog entsteht.

Der Lehrende muss hier lediglich das Bild mit den zwei Personen und den Sprechblasen vorbereiten. Sollte das eigene zeichnerische Talent nicht ausreichen, gibt es im Internet zahlreiche kostenlose Strip Creatoren, wo man sich aus Charakteren und Szenarien schnell seinen Cartoon zusammenklicken kann. (Praktische Hinweise zu solchen digitalen Werkzeugen finden sich im zweiten Teil dieser Artikelreihe.)

Gestaltungsmöglichkeiten in Cartoons

Comics und Cartoons verfügen über vier unterschiedliche formal-ästhetische Gestaltungsmittel, über die verschiedene Infoationen vermittelt werden: Sprechblasen, Denkblasen, Rezitative (Rechteckformen am Bildrand) und Onomatopöie  (kurz: Onpos, geschriebene Geräusche wie „Schluck“ oder „Krackssssss“):

  • In Sprechblasen werden Äußerungen der jeweiligen Figuren dargestellt, hier wird in der Regel ein Dialog mit klarer Reihenfolge des Gesagten abgebildet.
  • In Denkblasen geht es um Gefühle, Gedanken und innere Monologe, die zwar dem Leser, aber nicht den anderen handelnden Personen zur Kenntnis gelangen.
  • Die Rezitative sind Texte in Rechteckformen am Bildrand, in denen oft eine räumliche oder zeitliche Einordnung der Szene vorgenommen wird und die auch eine Verbindung von Bildern einer Sequenz ermöglichen.
  • Bei den comictypischen Onomatopöien ist die Verbindung von Text und Bild am deutlichsten: Der Text liefert etwas, das das Bild nicht zeigt – wie ein Geräusch – oder er betont etwas, das der Leser schon sieht, wie der Schrei zu einem Gesicht mit einem offenen Mund.

In der Nutzung dieser vier Gestaltungsmittel wird deutlich, dass hier auf sehr kleinem (Papier- oder Bildschirm-)Raum hochverdichtet Inhalte transportiert werden können.

Ihre Schritte zu Cartoons in Seminaren

Diese Form der Medienproduktion hat den weiteren Vorteil, dass man sie recht einfach ausprobieren kann:

  1. Wählen Sie zunächst ein Thema im (Präsenz- oder Online-)Seminar aus, zu dem Sie einen Comic oder Cartoon produzieren lassen wollen.
  2. Wählen Sie die Aufgabenart aus:
    • Die Teilnehmenden sollen selbst zeichnen und texten (diese Variante sollte gut überlegt sein, da sehr schnell ein Gefühl der Überforderung auftreten kann).
    • Sie geben (mit oder ohne Computerunterstützung) verschiedene Charaktere und Szenen vor, aus denen die Teilnehmenden frei auswählen können (diese Variante ermöglicht mehr inhaltliche Differenzierung, dauert aber auch länger).
    • Sie geben einen fertigen Cartoon vor, so dass lediglich einzelne Sprech- oder Denkblasen gefüllt werden müssen.
  3. Sie legen die äußere Form fest: die Anzahl der Bilder und die Art der Ergebnispräsentation.
  4. Sie formulieren die an der Zielgruppe orientierte Aufgabenstellung.

Wenn Sie Comics- oder Cartoon-Produktion in der Erwachsenenbildung einsetzen, betreten Sie Neuland. Die Autorin dieses Artikels, Maria-Christina Nimmerfroh, berät Sie gerne bei der Integration dieses Instruments in Ihre didaktischen Konzepte und beantwortet Ihre Fragen.


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Maria-Christina Nimmerfroh für pb21.de.
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Dipl.-Psychologin Maria-Christina Nimmerfroh ist tätig als Fachjournalistin für IT und Medien, als Dozentin in der politischen Erwachsenenbildung und als Lehrbeauftragte an Hochschulen. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte liegen im Bereich Marketing/Öffentlichkeitsarbeit für Non-Profit-Organisationen, Organisationsentwicklung, Hochschuldidaktik und Wirtschaftspsychologie, insbesondere Markt- und Konsumpsychologie. Im Bereich Online-Lernen ist sie seit 1998 unterwegs und bildet auch selbst Online-Seminarleiter aus. Aktuell hat Maria-Christina Nimmerfroh Lehraufträge an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg am Fachbereich Wirtschaft und an der Bonner Akademie inne und führt für politische Stiftungen Online- und Präsenzseminare durch.

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