Educamp Ilmenau (Foto unter CC-by-sa by Anja-Lorenz)

Foto: Anja-Lorenz (CC by-sa)

Das EduCamp ist in der deutschsprachigen Bildungsszene unangefochtener Platzhirsch unter den BarCamps. (Was ist eigentlich ein BarCamp? erklärt pb21 hier.) Die EduCamp-Community zählt inzwischen über 1.600 Mitglieder. Im Oktober 2012 fand das EduCamp zum 10. Mal statt. pb21.de war vor Ort. Hier ein Videobericht von Lutz Berger und ein Kommentar von Jöran Muuß-Merholz.

Impressionen aus Ilmenau mit einem EduCamp-„Newbie“

Lutz Berger berichtet in seinem Video vom EduCamp so, dass auch Einsteiger das Prinzip BarCamp kennenlernen können. Außerdem lässt er die Lehrerin Corinna Lammert von Ihren Erfahrungen berichten, die als „Newbie“ erstmals auf einem EduCamp war. Corinna Lammert bloggt unter mutigeschule.wordpress.com.


Die EduPunks werden Mainstream – und das ist gut so.

Bei der Mitmach-Konferenz EduCamp verstehen sich alle Teilnehmenden auch als Teilgebende. Sowohl die Themen als auch die Dokumentationen werden kollaborativ gestaltet. Auch anschließend gibt es von den Teilnehmenden zahlreiche Berichte in Wort und Bild und Ton.

Ein Kommentar von Jöran Muuß-Merholz

Beim ersten EduCamp vor knapp fünf Jahren trafen sich Menschen, die sich bis dato vor allem aus dem Internet kannten. Sie begeisterten sich für die Verbindung aus einem modernen Lernverständnis und digitaler Technologie. Ihr Bedürfnis nach Austausch war groß, die Anzahl der Gleichgesinnten klein. Es war ein Treffen der EduNerds und EduPunks.

Das EduCamp wurde zu einer Institution. Es findet inzwischen zwei Mal pro Jahr an wechselnden Orten und mit wechselnden Organisationsteams statt. Seit Dezember 2010 gibt es einen e.V., der das EduCamp ein Schritt weiter institutionalisiert hat. Die Community umfasst mehr als 1.600 Mitglieder, zu den Veranstaltungen kommen jedes Mal zwischen 100 und 200 Menschen.

Was bedeutet Educamp fuer Dich? - Foto: CC-by Jöran Muuß-Merholz

Foto: Jöran Muuß-Merholz (CC by)

In Ilmenau war gut ein Drittel der Teilnehmendengebenden noch nie vorher auf einem EduCamp gewesen. Nicht mehr (nur) EduPunks und EduNerds, sondern „ganz normale“ Studierende, Lehrende, Forschende, Unternehmende, Stiftungsangehörige und Journalisten kommen zusammen. Auch die Themen erfahren eine Mainstreamisierung. Das hat damit zu tun, dass die Tech-Themen inzwischen in den Bildungsinstitutionen angekommen sind. Digital vernetztes Lernen, Laptops und Tablets in der Schule, Videovorlesungen oder twitternde Pädagogen sind noch lange nicht allgegenwärtiger Alltag – aber auch kein Nischenthema mehr. Und die Themen, die von den EduCampern der ersten Stunde schon vor fünf Jahren diskutiert wurden, sind für die „Newbies“ von heute eben noch neu.

Die alten Hasen fokussieren derweil ihre Energie auf die Meta-Ebene: Darf das EduCamp Mainstream sein? Muss / Kann / Darf das Format BarCamp weiterentwickelt werden? Inwiefern ist Sponsoring problematisch, und ließe sich eine EduCamp auch über Crowdfunding finanzieren? Braucht es Veranstaltungen, die das EduCamp ergänzen / ablösen / vor sich her treiben? (Derweil diskutieren die Newbies munter weiter und wieder über die eigentlichen Themen wie Medienkompetenz, Medienscouts, Etherpads oder Ermutigung.)

Bildungsbier v4 in Hamburg - Foto by Felix Schaumburg aka schb (CC-by-sa)

Bildungsbier v4 - Foto: Felix Schaumburg (CC by-sa)

Ist das EduCamp in die Pubertät gekommen? Nein, es ist schon einen Schritt weiter. Es wird gerade erwachsen. Die Pubertät waren die ersten Diskussionen um Finanzierung und die Gründung des Vereins in den letzten zwei Jahren. Inzwischen ist eher eine Konsolidierungsphase zu beobachten. Es gibt große Diskussionen (und die wird es auch weiterhin geben). Gleichzeitig zur Mainstreamisierung gibt es Ausgründungen, Alternativen und Ableger. Das ist normal: Sobald etwas Mainstream wird, bildet sich an den Rändern Raum für Neues. Die neuen Orte sind schon längst da: das #OERcamp als erste „kleine Schwester“ des EduCamps, die Bildungsbiere, zunächst in Hamburg und Köln, neuerdings auch in Bremen, die Diskussion um alternative EduCamps ohne Sponsoren, die angedachte Wiederauflage von „Die Bildung hacken“, internationale und regionale Treffen wie die School-of-Open oder das Hackasaurus-Projekt der Mozilla-Stiftung.

Auch die traditionellen Player entdecken „ein bisschen EduCamp“ für sich, wie z.B. das AdZ-Netzwerk, das seinem reformpädagogischen Kongress ein kleines BarCamp als Add-On verpasste, oder auch thematisch spezifischere BarCamps wie das BarCamp zu Inklusion.

Mainstream bedeutet keineswegs Stillstand. Gerade von den Bewegungen an den Rändern aus wird Einfluss auf die Mitte ausgeübt werden. Sollte ein alternatives BarCamp mit einer Crowdfinanzierung Erfolg haben, so stellt das auch die Sponsoren-Finanzierung des „großen“ EduCamps in Frage. Wenn die Gruppe der EduCamper immer größer wird und sich Themen aus Sicht der alten Hasen wiederholen und nicht vorankommen, dann wird es spezifischere Veranstaltungen geben, ohne dass deren Themen das EduCamp verlassen. Auch der Kern des EduCamps wird weiterhin Gegenstand von Diskussionen bleiben. Möglicherweise verstärkt sich der erfreuliche Trend, dass auf dem EduCamp zunehmend mehr No-Tech-Edu-Themen bearbeitet werden. Weiterentwicklung und Diskussion werden ständiger Begleiter bleiben. Die EduPunks sind erwachsen geworden, das EduCamp ist Mainstream – und das ist gut so. (Nun wäre nur noch wünschenswert, dass die Diskussionskultur noch etwas erwachsener wird.)

Educamp Ilmenau - Session Bildungsutopia - Foto CC by sa Lisa Luthardt fuer glw102012

Educamp Ilmenau - Session Bildungsutopia - Foto: Lisa Luthardt für glw102012 (CC by-sa)

PS: Für alle, die sich in die Debatte über das EduCamp einlesen wollen, hier einige Anlaufstellen:

  • „Ich habe den Eindruck, die Euphorie ist weg“, bemängelt Birgit Rydlewski und macht einen Vorschlag für eine alternative Finanzierung (ohne Sponsoren) und für politischere Formen.
  • Die Diskussion um ein alternatives EduCamp dreht sich vor allem um die Frage, ob man auch ohne Sponsoren auskommt. Aber auch das Format steht zur Disposition: „Offene Formate müssen sich weiter entwickeln. Nach 5 Jahren denke ich ist es auch nötig. Viel wird immer noch von den E[d]ucamperInnen der ersten Stunden gemacht. Es ist nötig dass neue Dinge passieren.“
  • Im dotcomblog und bei edushift wird zu einer Rückbesinnung auf Grundprinzipien des BarCamps aufgerufen. Andere halten die Entwicklung für ganz normal: „Was für die einen neu ist, entpuppt sich für andere als ein alter Hut.“, bloggt Melanie Gottschalk, die die Umgebung mit weißen Tischdecken zwar spießig fand, aber letztlich doch meint: „EduCamp ist was Du draus machst.“
  • „Weiterhin schrecken wir mit destruktiven Diskussionen tatsächlich bereitwillige Spender_innen ab.“ warnt Gophi, denkt aber dennoch über eine „Weiterentwicklung“ nach.
  • Weitere Beiträge werden in der mixxt-Community gesammelt.

Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter der CC-by-Lizenz (mehr dazu). Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: CC-by-Lizenz, Autor: Jöran Muuß-Merholz | Video: Lutz Berger für pb21.de