Methodos – Abitur ohne Schule – aber mit Internet?

Ein #pb21-Interview mit Simon Valentin und Alia Ciobanu zur Arbeitsorganisation im Projekt „methodos“

methodos in 3 Minuten erklärt
Alia Ciobanu im #pb21-Interview

In Freiburg meldeten sich Schüler von der Regelschule ab, um sich jenseits der Schule und komplett selbstorganisiert auf das Abitur vorzubereiten. Jetzt hat eine der bisherigen Abiturientinnen ein Buch über methodos geschrieben. pb21.de hat das zum Anlass genommen nachzufragen, inwiefern die methodos-Lernenden digitale Werkzeuge für ihre Arbeit nutzen.

pb21.de: Aus „normalen“ Schulen hört man häufig die Klagen der Schülerinnen und Schüler, dass sie so wenig mit digitalen Hilfsmitteln arbeiten. Bei methodos können Sie selber bestimmen, welcher Werkzeuge Sie nutzen. Führt das nun ganz viel Internet und Computer in Ihrer Arbeit?

methodos e.V. über sich selbst:
Wir sind eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern, die sich selbstständig auf die externe Abiturprüfung vorbereiten. Wir übernehmen Planung und Organisation aller Aufgaben, weil wir unser Lernen gestalten, für unsere Bildung selbstverantwortlich sein und uns aktiv an gesellschaftlichen Prozessen beteiligen wollen. Dafür haben wir uns von der Regelschule abgemeldet. Wir mieten Unterrichtsräume und stellen unsere Lehrer ein (und entlassen sie gegebenenfalls auch). Die gemeinsame Arbeit beruht auf basisdemokratischen Prinzipien. Eigenmittel und Spenden schaffen die notwendige Finanzierung. Die rechtliche Grundlage für das Projekt ist unser gemeinnütziger Verein methodos e.V., dessen Organisation ausschließlich von uns Schülern getragen wird. Weitere Informationen: http://methodos-ev.org/

Simon Valentin: Das hängt von vielen Faktoren ab. Erstens, was erarbeitet werden muss. So unterscheidet sich die Lernmethode von Fach zu Fach doch erheblich. Mathematik und Geschichte kann man nicht auf die die gleiche Art lernen. Zweitens hängt es maßgeblich von der Person und ihren Lernpräferenzen ab. Für manche mag es stimmig sein, sich ein Kapitel aus einem Lehrbuch durchzulesen, andere sehen sich lieber ein erklärendes Video auf Youtube an und ein anderer lernt am besten im Gespräch mit einer Lerngruppe. Alle Lerntypen über einen Kamm zu scheren hat sich bei uns nicht als effektiv erwiesen. Es braucht allerdings meistens eine gewisse Zeit, um rauszufinden, was für ein Lerntyp man ist.

pb21.de: Können Sie ein Beispiel nennen?

Simon Valentin: Ein Beispiel ist bei uns der Biologie-Unterricht. Unser Lehrer schickt uns ein paar Tage vor dem Unterricht ein Skript per Email mit dem Thema, das wir in der nächsten Lektion behandeln wollen und wir bereiten uns darauf allein vor. Im Unterricht gehen wir dann alles durch, haben allerdings alle Begriffe schon einmal gehört und können den Stoff viel schneller aufnehmen. Wenn es noch Fragen gibt, werden diese auch im Unterricht geklärt. Anschließend können wir, wann immer wir wollen erneut das Skript lesen und in den Stoff in Erinnerung rufen.

pb21.de: Das erinnert ja ein Stück weit an den „Flipped Classroom“.  Gibt es andere Beispiele?

Alia Ciobanu: In Fächern wie Deutsch oder Englisch schicken wir unseren Lehrern Arbeiten per E-Mail-Anhang zu und bekommen diese dann korrigiert per E-Mail zurück. Das ist ganz normaler Alltag. Beim Lernen einer Fremdsprache sind beispielsweise Podcasts eine großartige Sache und meistens erheblich interessanter gestaltet als normale Lehr-CDs. Die digitalen Hilfsmittel machen uns die Arbeit schon erheblich leichter und sparen uns Zeit.

Simon Valentin: Vor allem die Email-Kommunikation mit den Lehrern empfinden die meisten Schüler als ungemein praktisch, da die Hausarbeiten ja von uns eh schon am Computer angefertigt werden.

Foto von Eugen Baumann, nicht unter freier Lizenz.

Foto von Eugen Baumann, nicht unter freier Lizenz.

Alia Ciobanu war von 2009 bis 2011 Schülerin bei methodos und hat dort erfolgreich ihr Abitur gemacht. 2012 berichtete sie in einem Buch über diese Erfahrungen: „Revolution im Klassenzimmer: Wenn Schüler ihre eigene Schule gründen“ (Website von Alia Ciobanu)

pb21.de: Informationen aus dem Internet – da euchten läuten bei manchen Lehrerinnen und Lehrern die Alarmglocken …

Simon Valentin: Im Internet besteht natürlich immer die Gefahr, in der Fülle den Überblick über die Informationen zu verlieren. Aber dabei sind Fähigkeiten der „Informationsauslese“ gefragt, die man lernen muss und ohne die man auch in einer Bibliothek große Probleme haben wird. Der große Vorteil des Internets gegenüber klassischen Schulbüchern ist, dass man oft bessere Erklärungen bekommt und der Stoff nicht so „trocken“ daherkommt. Ich persönlich arbeite zum Beispiel ab und zu gerne mit der Website geschichte-abitur.de, die übrigens von Schülern betrieben wird.

Alia Ciobanu: Wir haben auch bei der Lehrmittel-Erstellung (Übungsblätter,usw.) gemerkt, wie unglaublich viele Informationen im Internet inzwischen zu den Themengebieten vorhanden sind. In machen Fächern benutzen wir vorgefertigte Arbeitsblätter der Lehrer, aber in anderen Fächern gestalten wir diese selbst mit Hilfe von Internetquellen.

Simon Valentin: Man entdeckt dabei immer wieder weiterführende Sachen im Internet, die ebenfalls interessant sind. Diese riesige Fülle von Informationen mussten wir immer wieder mit den Lehrplanvorgaben abgleichen, abwägen und reduzieren. Hier haben wir dann auch auf Schulbücher zurückgegriffen, um Inhalte auszuwählen. Sonst hätten wir viele Informationen als Lernstoff gehabt, die im Abitur so gar nicht vorausgesetzt werden, aber zur Vertiefung trotzdem sehr nützlich gewesen wären.

pb21.de: Nun sind Sie bei methodos ja nicht nur Schüler, sondern auch die Betreiber der Schule. Inwieweit nutzen Sie in diesem Zusammenhang das Netz auch für die Koordination ihrer Arbeit?

Simon Valentin war bis zur mittleren Reife auf der „Freien demokratischen Schule Kapriole“ und bereitet sich seit dem Schuljahr 2012 bei methodos auf das Abitur 2014 vor.

Simon Valentin: Hauptsächlich organisieren wir alles über E-Mails. Zum Teil kommen auch „doodles“ zum Einsatz für die Terminfindung von Treffen. Den Kalendar-Dienst von Google haben wir uns auch testweise angesehen.

Alia Ciobanu: In der Regel sind wir ja alle in Freiburg und können uns persönlich vor Ort absprechen, wenn wir uns über den Weg laufen. Hinzu kommt dass wir aktuell noch eine recht kleine Gruppe sind.

pb21.de: Nutzen die Schülerinnen und Schüler digitale Hilfsmittel?
Simon Valentin: Bei uns macht sich jeder selbstständig im Smartphone Notizen oder trägt sich Termin-Erinnerungen in seinen eigenen digitalen Kalendar ein. Eine zentrales Projektmanagement-Tool setzen wir noch nicht ein. Auch Diskussionen haben wir meist persönlich vor Ort mit der gesamten Gruppe geführt.

Alia Ciobanu: Wenn das Team allerdings in Zukunft wachsen sollte, dann wären Online-Diskussions oder Kommunikationsmöglichkeiten schon nützlich, um alle miteinzubeziehen und nicht nur Nachrichten per E-Mail auszutauschen. Auch um beispielsweise ehemalige Schüler mal um Rat zu fragen, deren Meinungen zu bestimmten Fragen oder ihre Erfahrungen zu erfragen, ist das Internet und Kommunikation im Netzt natürlich unentbehrlich.
Ein anderer wichtiger Punkt, der jetzt auf uns zukommt, ist die Vernetzung unter den verschiedenen Gruppen, die ähnlich wie methodos sind, aber in ganz Deutschland verstreut sind. Da wird die Online-Kommunikation bei methodos mit Sicherheit noch ausgebaut werden.

Simon Valentin: Ja, wir haben uns letztens auch mit einer methodos-Bewerberin für das nächste Jahr über Skype unterhalten, weil sie gerade in Brasilien ist. Die Kommunikation per Videochat hat ja gleich eine ganz andere persönliche Qualität als der Kontakt per E-Mail.

pb21.de: Was haben Sie in Sachen „digitaler Medienkompetenz“ in ihrer Zeit bei methodos quasi „nebenbei“ gelernt?

Simon Valentin: Häufig geht es darum, erst einmal herauszufinden, wie etwas grundsätzlich funktioniert. Man sucht Informationen zu Gesetzen oder Finanzierung oder Öffentlichkeitsarbeit genau wie zu den Schulfächern. Man bekommt vor allem mehr Übung beim Finden von Informationen. Man wird mit der Zeit immer schneller die Sachen zu finden, die man sucht.

Alia Ciobanu: Ein wichtiger Punkt ist, wie vorhin schon angesprochen, auch das Filtern von Informationen. Vor allem im Bereich der Lehrmittel-Erstellung haben wir gemerkt, dass im Internet eine große Bandbreite von interessanten Informationen vorhanden ist, die man aber selbst immer wieder selektieren und bewerten muss.

Simon Valentin: Bei mir selbst habe ich bezüglich dieser Kompetenzen zwar wenig Veränderungen festgestellt, was aber daran liegt, dass ich vorher schon Übung darin hatte. Bei Projektmitgliedern, die noch nicht so viel Vorerfahrung hatten, hat sich sich hier sicherlich viel getan. Man muss an vielen Punkten selbstständig entscheiden, welche Informationen relevant sind.

Alia Ciobanu: Apropos „nebenbei“ – bei der Verwaltung der Webseite haben wir quasi nebenbei auch eine Menge dazugelernt. Wir hatten zwar einen Webmaster zur Unterstützung an unserer Seite, aber trotzdem mussten wir uns erst in die Beitragserstellung einarbeiten. Man benutzt ja ganz selbstverständlich und alltäglich Webseiten, aber wie man selbst Inhalte einstellt ist eine ganz andere Geschichte.

Simon Valentin: Und dann kam ja auch der rechtliche Rahmen noch hinzu: Welche Bilder aus dem Internet darf man eigentlich selber auf seine Webseite kopieren? Und wer haftet denn eigentlich, wenn z.B. Nutzungsrechte an Bildern oder Texten verletzt werden? Brauchen wir eigentlich auch ein Impressum als Verein? Alle diese Fragen kamen dann auf einmal auf uns zu.

Alia Ciobanu: Und mit einer Webseite betreibt man ja auch „Öffentlichkeitsarbeit“. Also wir informieren ja Außenstehende über unser Projekt und man muss ja die Inhalte dann auch dementsprechend anpassen. In dem Zusammenhang haben wir dann auch eine Facebook-Seite für das methodos-Projekt erstellt und mit Twitter experimentiert.

pb21.de: Gab es auch „gescheiterte“ Versuche?

Simon Valentin: Nicht unbedingt „gescheitert“. In den letzten Jahren wurde die Lernplattform Moodle sehr oft benutzt. In diesem Jahr haben wir allerdings gemerkt, dass die Verwaltung der Plattform schon einen gewissen Zeitaufwand bedeutet, wenn man bestimmte Qualitätsanforderungen hat. Diesen Aufwand konnten wir mit unserer kleinen Gruppen dieses Jahr noch nicht aufbringen.

Alia Ciobanu: Ansonsten hätte Moodle aber schon viele nützliche Funktionen geboten, die wir im Rahmen des Projekts sinnvoll einsetzen könnten. In Zukunft sollte man dafür sicherlich mehr Zeit-Ressourcen einplanen.

pb21.de: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft!


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Jöran Muuß-Merholz für pb21.de.
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Jöran ist Diplom-Pädagoge und freiberuflich in verschiedenen Bildungsbereichen aktiv. Am liebsten mag er Schnittmengen aus 1. Bildung / Lernen, 2. Medien / Kommunikation und 3. Management / Organisation.

Kategorien: Bildung im digitalen Wandel, Text-Interview, Video Schlagworte: , , , 2 Kommentare ↓
2 Kommentare zu “Methodos – Abitur ohne Schule – aber mit Internet?
  1. Jürgen sagt:

    Während meines Studium in Bochum konnte ich den Prozess der Digitalisierung direkt miterleben. Am Anfang war das Studium noch sehr auf Präsenz ausgelegt, doch von Jahr zu Jahr wurden immer mehr Inhalte über das Internet erarbeitet. Gerade Webinare und Co bieten eine Vielzahl an Chancen für Lernen über das Internet.

  2. Simon S. sagt:

    Hier hat sich wirklich viel verändert in den vergangenen Jahren. Ich unterrichte in St.Gallen und auch in der Schweiz steigt die “digitale Kompetenz” der Studierenden von Jahr zu Jahr. Schade ist, dass die Hochschulen oftmals gar nicht so schnell mit der Anpassung der digitalen Unterrichtsangebote nachkommen können, wie es wünschenswert wäre. Die Speerspitze der Entwicklung sind die Studierenden selbst.

    Beste Grüsse,

    Simon

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