Sieben Werkzeuge des Web 2.0 im Politikunterricht

Unterricht mit dem Web 2.0. Foto von Simon Schulz unter CC BY 3.0.

Unterricht mit dem Web 2.0. Foto von Simon Schulz unter CC BY 3.0.

#pb21-Interview über Europakunde auf neuen Wegen

Web 2.0 Tools als Werkzeuge im Schulunterricht – das ist meistens noch immer direkt damit verbunden, dass das Web 2.0 auch Thema des Unterrichts ist. Der (angehende) Lehrer Simon Schulz hat sich weiter vorgewagt: Er hat gleich sieben Werkzeuge aus dem Web 2.0 im Gemeinschaftskundeunterricht eingesetzt, seine Unterrichtseinheit zum Thema Europäische Union dokumentiert und evaluiert. Und als wäre das nicht genug, hat der Unterricht auch noch bilingual stattgefunden. Kann das funktionieren?

Im #pb21-Interview berichtet Simon Schulz von Technik- und Disziplinproblemen, über die Förderung von Methoden- und  Urteilskompetenz, über bildungsplankonforme Themensetzung und das überraschende Feedback der Schülerinnen und Schüler. Außerdem bieten wir eine Zusammenfassung seiner Arbeit zum Download und eine Übersicht über die sieben Tools, die zum Einsatz kamen.

Simon Schulz. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Simon Schulz. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Simon Schulz hat an der Universität Würzburg Englisch, Politikwissenschaft und Soziologie auf Lehramt an Gymnasien studiert und absolviert noch bis Juli 2013 sein Referendariat am Hohenlohe-Gymnasium in Öhringen. Im Rahmen seiner Ausbildung konzipierte, erprobte und evaluierte er eine Unterrichtseinheit. Die Zusammenfassung seiner Arbeit (pdf, 6 Seiten) kann hier heruntergeladen werden.

pb21.de: Herr Schulz, Sie haben sich wissenschaftlich und praktisch mit dem Einsatz von Web 2.0 im Schulunterricht beschäftigt. Was trieb Sie an?

Simon Schulz: Ich war schon immer von den Möglichkeiten, die das Web 2.0 generell bietet, fasziniert. Nach einem Methodentag am staatlichen Lehrerseminar Heilbronn, bei dem ich ein Modul zur Arbeit mit Web 2.0 belegt hatte, traf ich die Entscheidung, die Möglichkeiten des Einsatzes von Web 2.0 Tools speziell im Gemeinschaftskundeunterricht  genauer zu untersuchen.

pb21: Und warum? Nur „weil man es kann“?

Es war mir dabei wichtig die Tools nicht zur zum bloßen Zeitvertreib einzusetzen, sondern konkret zu belegen, ob sich das Web 2.0 zur Förderung politikspezifischer Kompetenzen, also der Sach-, Methoden-, Urteils- und Handlungskompetenz, eignet. Dies kommt meiner Meinung nach in der über Web 2.0 verfügbaren Literatur viel zu kurz.

pb21.de: Wie sahen die Rahmenbedingungen aus?

Simon Schulz: Ich führte die insgesamt neun Stunden umfassende Unterrichtseinheit in einer zehnten Klasse mit 19 Schülerinnen und Schülern durch. Da ich zusätzlich zur Ausbildung in meinen zwei Fächern auch noch ein bilinguales Zertifikat erwerbe, war die Unterrichtssprache Englisch. Aus technischer Sicht bot mir meine Schule hervorragende Bedingungen: Mir wurde ein Computerraum zur Verfügung gestellt, der 20 Arbeitsplätze bietet. Dies machte auch Einzelarbeit am PC möglich. So ließ sich jeder Schüler optimal fördern.

pb21.de: Um was ging es inhaltlich?

Simon Schulz: Im Mittelpunkt der Einheit stand die Frage, ob die Europäische Union eine Zukunft hat. Dazu erarbeiteten sich die Schüler mit Hilfe verschiedener Web 2.0 Tools z.B. das Institutionensystem oder visualisierten die Geschichte der EU. Die Themenauswahl sollte einerseits bildungsplankonform sein, anderseits aber auch den Schülern Spaß bereiten. Um die Ergebnisse nachhaltig zu machen, habe ich im Vorfeld eine Internetseite erstellt, auf denen die Schüler sukzessive ihre Produkte veröffentlichten. Sie sind auf https://sites.google.com/site/europeanunionfuture/ frei zugänglich..

pb21.de: Können Sie ein Beispiel geben, wo ein Web 2.0 Tool erfolgreich eingesetzt wurde?

Simon Schulz: Am erfolgreichsten war die Arbeit mit CreateDebate. Die Schüler führten ein interaktives Streitgespräch zum möglichen EU-Beitritt der Türkei durch. Das Tool ermöglichte den Schülern Beiträge Anderer zu kommentieren, zu unterstützen oder anzuzweifeln. So wurde die Urteilskompetenz der Lernenden durch die Web 2.0 Anwendung optimal gefördert.
Viel Spaß bereitete ihnen auch der Umgang mit TitanPad. Die Kommunikation in Echzeit faszinierte die Schüler und führte in der abschließenden Stunde zu einer angeregten Diskussion über Zukunftsszenarien der EU.

Die verwendeten Dienste:

  • Auf www.createdebate.com lassen sich  interaktive Streitgespräche erstellen und durchführen.
  • Mit Hilfe von www.diagram.ly können mehrere Anwender zeitgleich beim Erstellen von Diagrammen zusammenarbeiten.
  • Die Anwendung www.exploratree.co.uk erlaubt das Erstellen verschiedener sogenannter thinking guides, die es ermöglichen, Probleme durch visuelle Unterstützung zu bewerten und zu lösen.
  • Das soziale Netzwerk www.flickr.com ermöglicht es, Bilder online zu stellen und sich mit anderen Mitgliedern zu vernetzen.
  • Auf www.timetoast.com lassen sich interaktiven Zeitleisten erstellen (vgl. auch „Lernen mit digitalem Zeitstrahl“ auf pb21.de).
  • Die Software Titanpad (www.titanpad.com) erlaubt mehreren Benutzern in Echtzeit an einem Textdokument zu schreiben (vgl. auch „Etherpads“ auf pb21.de).
  • Die Webseite www.tricider.com ist ein interaktives Tool zur Entscheidungsfindung, das es den Benutzern erlaubt, pro- und contra-Argumente für verschiedene Ideen hinzuzufügen, bevor für den besten Vorschlag abgestimmt werden kann.

pb21.de: Was waren die Probleme, auf die Sie bei Ihrer Arbeit gestoßen sind?

Simon Schulz: Zumeist waren die Probleme technischer Natur, nicht funktionierende PCs oder defekte Tastaturen etwa. So etwas lässt sich an einer öffentlichen Schule wohl kaum vermeiden. Vor allem zu Beginn der Einheit war es darüber hinaus nicht immer leicht den Schülern zu verdeutlichen, dass die Arbeit im Computerraum nicht mit Freizeit gleichzusetzen ist. Der hohe Motiavtionsfaktor der Web 2.0 Tools minimierte aber dieses Problem.

pb21.de: Gab es denn Disziplinprobleme?

Es gab glücklicherweise nur einen Zwischenfall, bei dem einige Schüler die Anonymität des Netzes ausnutzten und unter falschem Namen sinnlose Inhalte posteten. Nach einer deutlichen Ermahnung kam dies allerdings nicht mehr vor. Einer der betroffenen Schüler entschuldigte sich sogar per E-Mail bei mir.

pb21.de: Wie war das Feedback der Schülerinnen und Schüler?

Simon Schulz: Insgesamt kam die Unterrichtseinheit bei den Schülern sehr gut an. Sie stellten vor allem die Vielfalt der Web 2.0 Tools positiv heraus. Auch der verstärkte Einsatz von Gruppenarbeit wurde gelobt. Ein Schüler zweifelte allerdings die Alltagstauglichkeit dieser Art des Unterrichts an und kritisierte, dass man nicht alles im Internet machen müsste.

pb21.de: Wieviel hat Ihre Einschätzung nach „der Reiz des Neuen“ mit dem positiven Feedback zu tun?

Simon Schulz: Natürlich leistete die innovative Herangehensweise an das Thema einen großen Beitrag zum Erfolg der Unterrichtseinheit. Ich denke, aber, dass die Schüler schon vor der Einheit sehr viel Erfahrung im Umgang mit Web 2.0 (Facebook, Twitter etc.) hatten, so dass Unterrichtsstunden, die sich nur auf den „Reiz des Neuen“ stützen, auch in Schüleraugen nicht mehr attraktiv sind. Viel wichtiger ist es, während der Vorbereitung im Auge zu behalten, welchen Zweck und welches Ziel man mit den Web 2.0 Tools in einer Unterrichtsstunde verfolgt.

pb21.de: Wie ist Ihr Fazit: Unter welchen Umständen ist der Einsatz von Web 2.0 im Schulunterricht sinnvoll?

Simon Schulz: Web 2.0 Tools sind kein Allheilmittel. Schlechter Unterricht wird dadurch nicht automatisch besser. Stattdessen muss man die Tools funktional einsetzen und einer didaktischen Zielsetzung unterordnen. Sie sollten also stets Mittel zum Ziel sein, und nicht das Ziel selbst. Dies bedarf einer gründlichen Planung und stellt natürlich einen erhöhten Zeitaufwand dar. Ich ermutige aber jede Lehrkraft dazu, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Sie werden es nicht bereuen.


Haben Sie eigene Erfahrungen?

Haben Sie selber schon Dienste des Web 2.0 im Unterricht oder in der Bildungsarbeit eingesetzt? Das pb21-Team freut sich über Erfahrungsberichte, Artikelwünsche, Fragen und Diskussionen – entweder unten über die Kommentarfunktion oder einfach via E-Mail.


Creative Commons Lizenzvertrag Inhalte auf pb21.de stehen i.d.R. unter freier Lizenz (Informationen zur Weiterverwendung).
Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Jöran Muuß-Merholz für pb21.de.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken finden sich direkt bei den Abbildungen.

Jöran ist Diplom-Pädagoge und freiberuflich in verschiedenen Bildungsbereichen aktiv. Am liebsten mag er Schnittmengen aus 1. Bildung / Lernen, 2. Medien / Kommunikation und 3. Management / Organisation.

Kategorien: Dienste & Werkzeuge, Sonstiges, Text-Interview Schlagworte: , , , , , , , , , , , , ,