Warum sich real treffen, wenn es doch Internet gibt?

Von Hackathons und Booksprints, Eduhacks und Edithons. Aktionsorientierte Formate in der Bildungsarbeit – ein Überblick und ein  Interview mit Philipp Schmidt

„Netzaffine Menschen machen quasi alles im Internet – raus gehen die nur selten, und ihre Kontakte pflegen sie auch nur noch virtuell.“ So oder ähnlich lauten Vorurteile, denen man gelegentlich begegnet. Das mag in vielen Fällen stimmen – aber es gibt auch ganz gegensätzlich Phänomene. Gerade unter Programmierern und Internetaktivisten sind in den letzten Jahren neue Veranstaltungsformate entstanden, die inzwischen auch in die Bildungswelt Einzug halten. Wir stellen in diesem Artikel einige dieser Formate vor.

Außerdem haben wir uns mit Philipp Schmidt an seinem Arbeitsplatz im MIT Media Lab getroffen und ihn gefragt: Warum treffen sich gerade die netzaffinen Menschen in einem Raum, um nebeneinander an ihren Computern zu arbeiten – obwohl das doch auch über das Internet ginge? Und was hat das mit der Innenarchitektur des MIT Media Labs zu tun?

#pb21-Interview mit Philipp Schmidt, Mitarbeiter am MIT Media Lab und Gründer der Peer To Peer University – P2PU. (Hören Sie auf pb21.de auch einen Podcast mit Philipp Schmidt über Open Educational Resources.)


Kleines ABC von Booksprints bis Eduhacks

Hackathon

Der Archetyp einschlägiger Veranstaltung ist der Hackathon, auch hackfest oder codefest genannt. Die Kombination aus „Hacken“ oder „Coden“, also der Entwicklung von Software, und „Marathon“ entstand 1999 in der Softwareszene. Man trifft sich für mindestens einen Tag (bis zu einer Woche), um gemeinsam an einem konkreten Software-Projekt zu arbeiten, zumindest aber unter einer thematischen Überschrift. Gerade im Open Source Bereich waren und sind diese Treffen die einzige Möglichkeit der ansonsten geographisch verteilten Beteiligten, gemeinsam über längere Zeit zusammenzuarbeiten. Die typische Struktur sieht zu Beginn einen gemeinsamen Input vor, anschließend wird die Arbeit geplant. Viele Hackathons sind Barcamp-ähnlich aufgebaut, so dass zu Beginn konkrete Vorhaben vorgestellt und sich entsprechende Gruppen gebildet werden. Bisweilen gibt es auch Wettbewerbselemente, also z.B. am Ende eine Preisverleihung für die erarbeiteten Produkte. In den USA wurde ein solcher Hackathon beispielsweise in 2011 vom Kongress der Vereinigten Staaten veranstaltet, um Anwendungen für Open Government zu entwickeln.

Fall 2011 Student Hackathon Coding von matylda unter CC BY SA 2.0 Lizenz.

Foto „Fall 2011 Student Hackathon Coding” von @matylda unter CC BY SA 2.0 Lizenz.

(Book-)Sprint

Wird ein solches Treffen gezielt für die gemeinsame Entwicklung eines konkreten und schon vorab definierten Projektes gewidmet, so spricht man auch von einem Sprint. Von Software ausgehend ist das Konzept inzwischen auch auf andere Felder, unter anderem im Bildungsbereich übertragen worden. In sogenannten Booksprints werden in kürzester Zeit gemeinsam ganze Bücher erarbeitet. Das Vorgehen und Beispiele finden sich kompakt in einem Blog des Goethe Instituts oder ausführlich in diesem Artikel von Esther Debus-Gregor. Auch hier waren es zuerst (Computer-)Handbücher, für die Booksprints genutzt wurden, inzwischen gibt es aber auch andere Beispiele wie das in Finnland an einem Wochenende entwickelte Schulbuch für Mathematik (mehr zum Oppikirjamaraton – „textbook marathon“).

Edithon / Editing Marathon

ein Erklärvideo – erstellt an einem Nachmittag beim Eduhack in Köln. Video von Julia Methe, Jaana Müller, Ralf Appelt unter CC BY NC SA 3.0.

Auch aus dem Umfeld  der Wikipedia sind Beispiele bekannt, in denen sich Akteure zusammensetzen, um gemeinsam an Wikipedia-Artikeln zu arbeiten (zu editieren). So trafen sich beispielsweise Wikipedianerinnen in Indonesien 2012 für einen Tag, um an der Bikolanischen Ausgabe der Enzyklopädie zu arbeiten.

Eduhacking

Im deutschsprachigen Bereich gibt es zum Beispiel die sogenannten Eduhacks, die bei den letzten Educamps jeweils am Freitagnachmittag stattfanden. Hier setzten sich Arbeitsgruppen für drei bis vier Stunden zusammen, um ein „pädagogisches Produkt“ zu erarbeiten. Dabei wurden auch Preise in verschiedenen Kategorien vergeben.

Auch der Hackathon Reclaim Open Education – #reclaimopen am MIT Media Lab im April 2013 war explizit dem Bildungsbereich gewidmet. Nicht nur die Entwicklung von Software, sondern auch redaktionelle Texte zum Thema, die Entwicklung von Kurskonzepten und strategische Fragen wurden für ein Wochenende in Cambridge bearbeitet.

Weitere Beispiele aus dem Bildungsbereich?

Kennen Sie weitere Anwendungsfälle aus diesem Bereich? Wir würden uns freuen, über die Kommentare unten weitere entsprechende Formate und Einsatzfälle zu sammeln.


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Jöran Muuß-Merholz für pb21.de.
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Jöran ist Diplom-Pädagoge und freiberuflich in verschiedenen Bildungsbereichen aktiv. Am liebsten mag er Schnittmengen aus 1. Bildung / Lernen, 2. Medien / Kommunikation und 3. Management / Organisation.

Kategorien: Artikel, Bildung im digitalen Wandel, Dienste & Werkzeuge, Kollaboratives Schreiben & Wikis, Video Schlagworte: , , , , , , , , , , , 2 Kommentare ↓
2 Kommentare zu “Warum sich real treffen, wenn es doch Internet gibt?
  1. Almendra sagt:

    Lieber Jöran, vielen Dank für das wunderbare Video und dass du Neuigkeiten von MIT bringst. Genial!

  2. Die TSB Technologiestiftung Berlin veranstaltet am Freitag den 5. Juli 2013 gemeinsam mit der Didaktik der Informatik (FU Berlin) einen OER-Sprint. Dabei erstellen Studierende freie Lehr- und Lernmaterialien für den Informatikunterricht mit dem Schwerpunkt ‘Erneuerbare Energien’. Die Unterrichtseinheit wurde zuvor ebenfalls von den Studierenden entwickelt und bereits erprobt. Die Ergebnisse sind auf einer Veranstaltung auch schon dargestellt worden: http://www.tsb-berlin.de/tsb-berlin/veranstaltung/de/3/0/0/924/erneuerbare-energien-im-informatikunterricht

3 Pings/Trackbacks für "Warum sich real treffen, wenn es doch Internet gibt?"
  1. [...] Von Hackathons und Booksprints, Eduhacks und Edithons.  [...]

  2. [...] Der Titel kann auch falsch gelesen werden, denn Jöran Muuß-Merholz geht es gerade um das reale Treffen und die Formate, die sich dabei neben BarCamps und EduCamps entwickelt haben: “Gerade unter Programmierern und Internetaktivisten sind in den letzten Jahren neue Veranstaltungsformate entstanden, die inzwischen auch in die Bildungswelt Einzug halten.” Vorgestellt werden Hackathons, (Book-)Sprints, Edithons/ Editing Marathons und Eduhacking. Manchmal ist auch die Rede von “Unconferences”, und meistens geht es um aktiven Austausch und konkrete Projekte. Im Gespräch mit Philipp Schmidt, Mitarbeiter am MIT Media Lab und Gründer der Peer To Peer University (P2PU), gibt es noch etwas Einordnung und Hintergrund. Jöran Muuß-Merholz, #PB21 | Web 2.0 in der politischen Bildung, 30. April 2013 [...]

  3. [...] Das Video ist Teil des Artikels “Von Hackathons und Booksprints, Eduhacks und Edithons. Aktionsorientierte Formate in der Bildungsarbeit – ein Überblick und ein Interview mit Philipp Schmidt” auf pb21.de/2013/04/hackathon-booksprint-eduhack-und-co [...]

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