Von Sammlern und Suchenden: Wie Edutags das Organisieren von Lehr-Lern-Materialien erleichtern will

Ingo Blees (links) und Richard Heinen präsentieren Edutags. Foto vom DIPF/DBS unter CC BY SA 3.0.

Ingo Blees (links) und Richard Heinen präsentieren Edutags. Foto vom DIPF/DBS unter CC BY SA 3.0.

Ein Gespräch mit Richard Heinen und Ingo Blees, den Machern des Social-Bookmarking-Dienstes edutags.

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Im Internet findet sich eine Vielzahl an Lehr-Lern-Materialien, die eigentlich nur darauf warten von Lehrkräften benutzt zu werden. Diese sind jedoch meist auf mehreren Portalen oder privaten Webseiten verstreut. Wie findet und organisiert man diese Inhalte also komfortabel? Das Projekt edutags gibt darauf eine einfache Antwort: „Am besten gemeinsam!“

Das Grundprinzip hinter edutags nennt sich „Social Bookmarking“.

„Social Bookmarking“-Dienste erlauben es Benutzern, Lesezeichen von Webseiten anzulegen und diese Lesezeichen für andere Personen verfügbar zu machen. Lesezeichen, die vorher nur lokal im Browser gespeichert wurden, werden nun mit sozialen Funktionen versehen: Die Benutzer können öffentliche Lesezeichen mit Tags verknüpfen, Kommentare hinzufügen oder Gruppen gründen. Doch wieso ist ein weiterer Dienst notwendig, wenn populäre und z.T. kostenfreie Dienste wie delicious, Mister Wong oder diigo existieren?

Projektleiter Richard Heinen beantwortet dies wie folgt: „Wir haben 2010 eine kleine Untersuchung durchgeführt, um zu schauen, wie gut unterrichtsspezifisches Material in den etablierten Bookmarking-Diensten auffindbar ist. Dabei haben wir schnell festgestellt, dass die Ausbeute bei deutschsprachigen Suchanfragen eher gering ist im Vergleich zu englischsprachigen Inhalten. Des Weiteren ist ein steigender Bedarf an Lehr-Lern-Materialien im Internet zu verzeichnen. Allerdings ist die Bereitschaft von Lehrkräften ihre eigenen Inhalte zu veröffentlichen vergleichsweise gering, was verschiedene Ursachen hat. Portale wie ZUM, 4Teachers oder Lehrer-Online zeigen ja, dass es durchaus Lehrkräfte gibt, die ihre eigenen Materialien zur Verfügung stellen. Derzeit handelt es sich hier aber noch um einen kleinen Teil der Lehrkräfte in Deutschland. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, dass edutags stattdessen die Inhalte teilbar macht, die Lehrkräfte gefunden und für die eigene Vorbereitung genutzt haben“. Projekt-Mitarbeiter Ingo Blees ergänzt einen weiteren Vorteil gegenüber etablierten Diensten: „Als nichtkommerzielles Kooperationsprojekt des Deutschen Bildungsservers und des Learning Labs der Universität Duisburg-Essen müssen Lehrkräfte keine Befürchtungen haben, dass ihre Nutzerdaten kommerziell weiterverwertet beziehungsweise missbraucht werden“.

Ein Auszug aus der Tag-Wolke von edutags. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Ein Auszug aus der Tag-Wolke von edutags. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Edutags wurde zur Bildungsmesse 2011 offiziell vorgestellt. Besucht man die Startseite von edutags, so fällt sofort die große „Tag-Wolke“ ins Auge. Je häufiger ein Schlüsselwort benutzt wird, desto größer ist es dargestellt. Und auf der Startseite ist nur ein Bruchteil aller Tags zu sehen. Ein Klick auf „weitere Tags“ offenbart den riesigen Umfang an Tags, den die Benutzer in den zwei Jahren Projektlaufzeit kollaborativ erschaffen haben. An dieser Stelle wird das große Potenzial deutlich, über das Social Boomarking verfügt. Anstatt von Anfang an starre Kategorien vorzugeben, entscheidet die Lehrkraft selbst, welche Tags von Relevanz sind. Existiert ein Schlüsselwort noch nicht im System, kann es unkompliziert durch die Lehrkraft ergänzt werden.

Ein Beispiel-Bookmark von ca. 18.000 eingetragenen Bookmarks auf edutags. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Ein Beispiel-Bookmark von ca. 18.000 eingetragenen Bookmarks auf edutags. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Mit der „Suche verfeinern“-Funktion von edutags kann die Suche flexibel spezifiziert werden. Zu jedem Schlüsselwort werden kontextbezogene Schlüsselwörter angezeigt. Dies erleichtert die Suche nach Ressourcen:

Beispiel für eine verfeinerte Suche für die Schlüsselwörter „Deutsch“ und „Grundschule“. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Beispiel für eine verfeinerte Suche für die Schlüsselwörter „Deutsch“ und „Grundschule“. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Inzwischen bewegt sich der Dienst auf 4.000 registrierte Benutzer zu: „Aktuell sind circa 18.000 Lesezeichen eingetragen und wir verzeichnen eine kontinuierlich steigende Nutzungsfrequenz“, so Heinen. „Bei der Art der Nutzung gibt es diese berühmten 2% bis 5% der Nutzer, die aktiv Inhalte eintragen. Der Großteil der Nutzer verwendet edutags hauptsächlich für das Suchen von Inhalten“, stellt Ingo Blees fest. Diese Verteilung von „produzierenden“ und eher „konsumierenden“ Nutzern ist in Zeiten von Web 2.0 allerdings nicht ungewöhnlich. So finden sich ähnliche Verteilungen bei Wikipedia, Youtube oder dem Kurznachrichten-Dienst Twitter. Nichtdestotrotz ist es für edutags wichtig, dass viele Lehrkräfte auch Lesezeichen anlegen, um so das Gesamtangebot an qualitativen Inhalten zu erhöhen.

Bookmarklet

Ein Bookmarklet ist ein Lesezeichen, welches im Browser gespeichert werden kann und mit Hilfe von Javascript Funktionen auf der derzeit besuchten Webseite ausführt. Mit dem Bookmarklet von edutags ist es beispielsweise möglich Webseiten in edutags abzuspeichern ohne die Seite von edutags direkt zu besuchen. Wie das genau funktioniert können Sie im edutags-Screencast „Was ist ein Bookmarklet“ erfahren.

Ingo Blees sieht die größte Hürde beim Eintragen in einer Habitusänderung: „Es ist einfach eine Umstellung der eigenen Arbeitsweise. Bevor es Social Bookmarking gab, hat man seine Lesezeichen nur lokal im Browser oder eben in Text-Dokumenten verwaltet. Wir haben schon früh in der Gründungsphase des Projekts begonnen, in Workshops Feedback zur Bedienbarkeit einzuholen, um das Eintragen so intuitiv und unkompliziert wie möglich zu gestalten. Mit unserem Bookmarklet kann man Seiten mit nur einem Klick direkt im Browser eintragen und auch bei der Vergabe der Tags greifen wir dem Benutzer mit einer Auto-Vervollständigung unter die Arme.“

Richard Heinen hat sich mehr aktive Lehrkräfte auf der Plattform zum Ziel gesetzt: „In der Statistik ist derzeit noch nicht erkennbar, dass ganze Fachschaften edutags gemeinsam aktiv benutzen und Inhalte hinzufügen. Auch in Gesprächen mit Lehrkräften wird ab und an darauf verwiesen, dass Kolleg/innen durchaus sehr dankbar für geteilte Ressourcen sind, aber selbst noch nicht aktiv Inhalte eintragen und beispielsweise zu einer Gruppensammlung beitragen. An diesem Punkt wollen wir im nächsten Schuljahr mit gezielten Aktionen arbeiten.“

Die Integration von edutags soll in Zukunft eine große Rolle spielen: „Edutags soll in Form eines Buttons auch auf anderen Portalen eingebunden werden. Dies kennt man bereits von anderen „Social Bookmarking“-Diensten. Für Nutzer ergibt sich die Möglichkeit, Seiten direkt und komfortabel in ihre edutags-Sammlung zu übernehmen. Vorranging geht es uns um Angebote wie den Deutschen Bildungsserver oder die jeweiligen Landesbildungsserver, aber auch für andere Portale ist die Integration interessant. So kann die Verschlagwortung von edutags-Nutzern als Verifizierung der Inhalte dienen: Ist ein Inhalt beispielsweise wirklich für Sekundarstufe 1 geeignet? Falls dies so ist, werden Lehrkräfte dies auch so verschlagworten“, prophezeit Ingo Blees.

Auch am Dienst selbst wird weiter gearbeitet. „Wir wollen das Auffinden von Inhalten weiter verbessern. Inzwischen finden sich einige Schlüsselwörter auf edutags, die synonym verwendbar sind. Hier geht es darum, ein kontrolliertes Vokabular für eine Fächersystematik zu entwerfen. Außerdem tüfteln wir an einer automatisierten Vergabe von Oberbegriffen“, verrät Richard Heinen.

Open Educational Resources

Ausgewählte Beiträge zu OER finden Sie in unserem Dossier zu freien und offenen Bildungsmaterialien.

Von Beginn an hatten offene Unterrichtsressourcen (OER) einen großen Stellenwert im Projekt: „Wir haben festgestellt, dass viele unserer Ressourcen auf edutags auf Anbieter-Seite mit einer maschinenlesbaren Creative-Commons-Lizenz versehen waren. Auf edutags war diese CC-Lizensierung noch nicht erkennbar. Deshalb haben wir ein System gebaut, welches diese Lizenzen automatisiert ausliest und die entsprechenden Schlagwörter hinzufügt. Auch die Nutzer selbst haben die Möglichkeit, Inhalte als CC-lizensiert zu kennzeichnen, falls die entsprechende Webseite keine maschinenlesbaren Informationen bereitstellt“, erklärt Richard Heinen.

Was genau sich hinter „maschinenlesbaren Informationen“ verbirgt und warum das Thema wichtig ist, erklärt ein weiterer Artikel auf pb21.de.


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Matthias Andrasch für pb21.de.
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Matthias Andrasch studiert derzeit "Medienbildung - Audiovisuelle Kultur und Kommunikation" in Magdeburg. Er greift hierbei auf seine Erfahrung als ausgelernter Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung zurück.

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