kokom.net – Kollegiale Beratung im Netz

Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

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#pb21-Interview

Die Plattform kokom.net versteht sich als Tagungs- und Beratungshaus im Netz. Hier können Teams und Gruppen in geschützten Räumen zusammenarbeiten und sich austauschen. Die Plattform ist gemeinnützig getragen, werbefrei und älter als viele ihrer kommerziellen Konkurrenten. Neun Jahre nach der Gründung benennt sie sich nun von kollegiale-beratung.net in kokom.net an. Ein guter Anlass für ein Interview mit zwei Machern: Wolfgang Schindler und Gerhard Spangler, beide Pädagogen und Supervisoren, sprechen über das „’Heilsbronner Modell’ der Kollegialen Beratung“, ihr Verhältnis zu Facebook und die werbefreie Finanzierung von 700 vertraulichen Kommunikationsräumen.

Das Projekt über sich selbst
„kokom.net“ ist ein Online-Tagungs- & Beratungshaus, eine nicht-kommerzielle, werbefreie social-media-Plattform. Sie bietet für Teams und Gruppen vertrauliche, geschützte Arbeitsräume mit allen üblichen Kollaborations-Tools; einzigartig sind Beratungsräume  für strukturierte Kollegiale Beratung und Mentoring. Träger der Plattform ist das von den Initiatoren 2008 gegründete gemeinnützige Institut für kollegiale Beratung e.V.

pb21: Woher kommt kokom.net – wer steckt dahinter, wie sieht die Vorgeschichte aus?

Wolfgang Schindler: Kollegiale Beratung, als Instrument von Personalentwicklung und Qualitätssicherung zu fördern, war 2004 das Projektziel, das durch den Aufbau und Betrieb einer Internetplattform, durch die Einrichtung eines Online- Beratungszentrums realisiert werden sollte und wurde.

pb21: Man wollte also eine Art „Facebook für professionellen Austausch“ erfinden?

Gerhard Spangler: Parallelen zu „Social Media“-Plattformen wie „Studi VZ“ und „Facebook“, die sich zeitgleich entfalteten, werden rückblickend, aus der Perspektive des Jahres 2013, sichtbar: Menschen, die miteinander kommunizieren, verändern die Welt, egal, ob das „Auge in Auge“, am Telefon oder in „virtuellen Räumen“ geschieht.

Wolfgang Schindler: Um solch praktische Zwecke ging es 2004, als das Projektteam (Berater, Supervisoren, Fortbildner und eine Personalentwicklerin, aus vier evangelischen Institutionen auf bayerischer und Bundes-Ebene) begann, sein Wissen um die Gestaltung von Beratungsprozessen im ‚real life’ schrittweise in der Gestaltung einer Internet-Plattform Realität werden zu lassen. kokom.net kommt also aus einer ganz anderen Subkultur als sonst üblich – so ist es für Nerds auch weniger „sexy“, dafür erreichen wir unsere Zielgruppe, (erwachsene) Menschen aus dem Bildungs- und Sozialwesen umso besser.

Gerhard Spangler: Unterschiedlicher als anfangs in unserem interdisziplären Team kann Medienkompetenz gar nicht verteilt sein – und das war letztlich vor allem eine Stärke. Als Beratungskonzept diente uns das in langjähriger Offline- Praxis bewährte „Heilsbronner Modell“ der Kollegialen Beratung. Gerade durch seine Konzentration auf die Methode der freien, in Phasen strukturierten Aussprache in der Gruppe erwies es sich als besonders geeignet für die Umsetzung mittels „computervermittelter Kommunikation“ – die Plattform unterstützt zudem die Moderation der Gruppe im Beratungsprozess, Schrit für Schritt.

pb21: Wie kann das konkret aussehen?

Wolfgang Schindler: In den Räumen führen die (vorab zugelassenen) Beteiligten einen Dialog zum jeweiligen Thema, zu zweit, zu dritt – manchmal sind 30 Menschen miteinander im Gespräch. Und das ist in der Regel a-synchron, jede mischt dann mit, wenn sie/er  sich dazu Zeit nimmt. Es gibt hier keine Hierarchien wie auf den gängigen eLearning-Plattformen, es gilt das ‘gesprochene’ Wort – das natürlich auch nicht mehr nachträglich editiert werden kann. Nach jedem Beitrag werden alle benachrichtigt, dass es im Raum Neues gibt.

Die Akteure

Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Wolfgang Schindler, Jahrgang 1950, Diplompädagoge, Supervisor und Gruppenanalytiker, arbeitet als stellvertretende Studienleitung in Josefstal, einem bundeszentralen Weiterbildungszentrum für berufliche MitarbeiterInnen in der Jugend- und Bildungsarbeit. Seit 1984 entwickelt er dort den Schwerpunkt „Computermedienpädagogik“.

Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Gerhard Spangler, Jahrgang 1952, Diplomreligionspädagoge(FH) und Supervisor, arbeitet als Referent für die Fortbildung in den ersten Dienstjahren, Supervision und Ganztagsschule  im Religionspädagogischen Zentrum Heilsbronn.

(Fotos: privat, nicht unter freier Lizenz)

pb21: Keine Hierarchien – also alle(s) durcheinander?

Gerhard Spangler: In den Beratungsräumen übernimmt ein Mitglied die Rolle ‘Moderation’, in Konferenzräumen ist diese Rolle nicht fest vergeben. Wer einen Raum/ein Thema erstellt hat, bestimmt, wer alles eingeladen oder, auf seine Bewerbung hin, zugelassen wird. Bedarfsweise können Bilder und Dateien im Archiv-Bereich hochgeladen und/oder gemeinsam an multimedialen Wikis/Dokumenten gearbeitet werden. So findet die Gruppe alles Wichtige am selben Platz, statt es in mehreren, übers Internet verstreuten Tools zusammenklicken zu müssen.

Wolfgang Schindler:  Am meisten genutzt werden die sog. „Konferenzräume“, die wir erst später in unser Haus eingebaut haben. Wichtig ist uns die Metapher des „Hauses“, des Raums im grenzenlosen Internet: Menschen betreten ihre Räume und treffen dort KollegInnen, sie finden dort aber auch alles vor, was zum jeweiligen Projekt oder Beratungsanliegen dazugehört. Oft verabreden sie vorab offline, was dann online ungesetzt wird.

pb21: Wie sieht die Plattform in der Gegenwart aus?

Mit der derzeitigen Version 4 ist eine stabile und einfach nutzbare Plattform für „beraten – planen – kooperieren“ verfügbar, bis Mitte 2013 unter dem Namen www.kollegiale-beratung.net.

pb21: Wie kam es zu der Umbenennung?

Wolfgang Schindler: Wir wurden bisweilen nur als Beratungshaus wahrgenommen, bieten aber ein Online-Tagungshaus für alle Formen von Zusammenarbeit im Web 2.0. Die aktuelle URL www.kokom.net macht deutlich, dass hier die knapp 3400 registrierten UserInnen  eine professionelle Alternative für vertrauliche, sichere Online-Kollaboration gefunden, sich institutions-, generations- und professionsübergreifend in rund 700 virtuellen Räumen vernetzt haben.

pb21: Und wie finanziert sich das? Nicht über Werbung, richtig?

Gerhard Spangler: Die Entscheidung für den vollständigen Verzicht auf jegliche Werbung, die ja das zentrale Geschäftsmodell von Facebook & Co ist, macht die Zusicherung von echter Vertraulichkeit überhaupt erst möglich. Die Betriebkosten erwirtschaften wir durch Vermietung von eigenen „Etagen“, auf denen Institutionen eigene Angebote, im eigenen Design und mit allen Vorteilen von kokom.net machen können.

pb21: Vielen Dank für das Interview und alles Gute!


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Jöran Muuß-Merholz für pb21.de.
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Jöran ist Diplom-Pädagoge und freiberuflich in verschiedenen Bildungsbereichen aktiv. Am liebsten mag er Schnittmengen aus 1. Bildung / Lernen, 2. Medien / Kommunikation und 3. Management / Organisation.

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