Gibt es wirklich „Digital Natives“?

Der Inhalt dieses Artikel ist auch Thema eines #pb21-WebTalks am 13.11.2013. Details dazu …
Jan-Hinrik Schmidt. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Jan-Hinrik Schmidt. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Anders als die „Baby Boomer“ oder die „Generation X“ bezieht sich die derzeit populärste Generationenzuschreibung der „Digital Natives“ direkt auf Medien Die nach 1990 geborenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, so die Diagnose, seien mit Computer, Internet und Mobiltelefon aufgewachsen und könnten sich einen Alltag ohne diese Universaltechnologien kaum vorstellen. Zusammen mit seiner Kontrastkategorie, wahlweise als „Digital Immigrants“ oder „Digital Tourists“ bezeichnet, diagnostiziert dieses Label einen tiefen Graben zwischen den Jungen und den Alten, der sich eben vorrangig an der Nutzung von digitalen Medien- und  Kommunikationstechnologien festmache. Doch hält diese Diagnose einer kritischen Überprüfung stand? Gibt es wirklich „Digital Natives“? Drei Beobachtungen dazu.

Beobachtung 1: Für Jugendliche und junge Erwachsene sind digitale Medien Alltag – aber nicht nur für sie.

Regelmäßig durchgeführte repräsentative Befragungen wie die KIM- & JIM-Studien oder die ARD+/ZDF-Onlinestudie zeigen schon seit Jahren den starken Einfluss des Alters auf die Online-Nutzung (vgl. beispielhaft auch Abb. 1 und Abb. 2): Jugendliche können inzwischen zu einem großen Teil über internetfähige Geräte (und andere digitale Medientechnologien) verfügen. Zudem gehören sie tendenziell eher zu den Nutzern der sozialen Medien, sind dort häufiger bzw. intensiver aktiv, und nutzen das Internet tendenziell häufiger als Ältere kreativ-gestaltend statt passiv-konsumierend. Sie sind also durchaus „digital natives“ in dem Sinne, dass sie mit digitalen Medien heranwachsen, erwachsen werden.

Quelle: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM 2012; www.mpfs.de. Abbildung nicht unter freier Lizenz.

Quelle: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM 2012; www.mpfs.de. Abbildung nicht unter freier Lizenz.

Abb. 1: Gerätebesitz von 9-16-Jährigen nach Geschlecht (in %; 2012)

Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2013; zitiert nach http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=397. Abbildung nicht unter freier Lizenz.

Erläuterung: Repräsentativ für deutsche Online-Nutzer ab 14 Jahren (=77 % der Bevölkerung).
Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2013; zitiert nach http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=397. Abbildung nicht unter freier Lizenz.

Abb. 2: Nutzung ausgewählter Internetanwendungen nach Alter (in %; 2013)

Zugleich zeigen die Daten zu Verbreitung und Nutzung aber auch, dass es keine klare Generationenkluft gibt, sondern eher graduelle Verläufe. Die digitalen Medien sind längst keine Domäne der unter-30-Jährigen mehr, genauso wie sich auch in den jüngeren Altersstufen (kleine) Gruppen finden, die von den technischen Entwicklungen ausgeschlossen sind. Die Problematik der „digitalen Spaltung“ zwischen Onlinern und Offlinern stellt sich also auch bei den „Digital Natives“ – hier sogar verstärkt, weil für sie soziale Zugehörigkeit und gesellschaftliche Teilhabe ganz wesentlich an der Nutzung digitaler Medien hängt. Was ist damit gemeint?

Beobachtung 2: Die Herausforderungen für „Digital Natives“ sind alt, aber die Kommu­ni­kations­umgebungen sind neu.

Das Internet ist für Jugendliche so wichtig, weil es ihnen Experimentier-, Kommunikations- und Informationsräume bietet, um lebensphasenspezifische Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Das Heranwachsen ist die Lebensphase, in der Jugendliche Selbstauseinandersetzung („Wer bin ich?“), Sozialauseinandersetzung („Welchen Platz habe ich in meinem sozialen Umfeld und der Gesellschaft?“) sowie Sachauseinandersetzung („Wie orientiere ich mich in der Welt?“) leisten müssen. Diese Herausforderungen sind nun nicht neu: Auch vor zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren suchten Jugendliche nach Wegen, um sich in der Freundesclique auszutauschen, mit Identitäts-, Stil- und Lebensentwürfen zu experimentieren und sich damit auch gezielt gegenüber der Erwachsenenwelt der Eltern und Lehrer abzugrenzen.

Neu ist allerdings der Kontext des Heranwachsens, der sich tiefgreifend von den Sozialisationsumgebungen früherer Generationen unterscheidet. In unserer Zeit ist die „vernetzte Individualität“ zum gesellschaftlichen Leitbild und zur persönlichen Herausforderung gleichermaßen geworden: Die eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen zu präsentieren, ein möglichst breites Netzwerk zu pflegen und sich in ebenso vielfältigen wie dynamischen Informationsumgebungen zu orientieren, sind wichtige Kompetenzen, die Jugendliche in ihrem Alltag erlernen (müssen). In den letzten Jahren sind vor allem die sozialen Medien zu unverzichtbaren Werkzeugen geworden, um diese Entwicklungsaufgaben zu bewältigen – doch Facebook, YouTube & Co. bringen ihre eigenen Probleme und Risiken mit sich, die sich älteren Generationen zu ihrer Zeit nicht stellten.

Die Diskussion um den Schutz der eigenen Privatsphäre kann dies veranschaulichen: Im Jahr 2012 hat eine umfangreiche Studie unter Federführung der Universität Hohenheim[1] die Frage untersucht, ob Privatsphäre für die „digital natives“ noch eine Bedeutung hat. Der Vergleich von 13- bis 24-jährigen mit über-35-jährigen Nutzern entkräftete die gängige Vorstellung, junge Menschen würden der Privatsphäre keinen Wert mehr beimessen: Ältere wie jüngere Nutzer sorgen sich in etwa gleichem Ausmaß um ihre Privatsphäre im Internet und schreiben ihr einen ähnlich hohen Wert zu. Ein interessanter Unterschied zeigt sich allerdings darin, welche Art von Informationen öffentlich geteilt werden: Jüngere Nutzer machen beispielsweise häufiger ihren Namen, Geburtstag oder auch Fotos online zugänglich als Ältere. Dieser Befund wird auch als „Privacy Paradox“ bezeichnet – Menschen sagen, dass ihnen Privatsphäre und Datenschutz wichtig sind, geben in ihrem Handeln aber scheinbar wahllos Daten und Informationen über sich preis. Wie ist dieses Paradox zu erklären?

Jugendliche schaffen in den sozialen Medien, und hier insbesondere auf Netzwerkplattformen wie Facebook, ihre eigene persönliche Öffentlichkeit[2] – sie teilen Informationen von persönlicher Relevanz mit ihrem erweiterten sozialen Netzwerk, also den 100 oder 250 oder 500 Personen, mit denen sie auf Facebook in Kontakt stehen. Dies sind nicht alles enge Freunde, sondern es sind auch viele eher entfernte Bekannte darunter, die man vielleicht auf einer Party kennen gelernt hat, die man über die Geschwister oder den Sportverein kennt, oder mit denen man ein Austauschjahr verbracht hat. Entscheidend aber ist: Es sind keine völlig Fremden, sondern ganz überwiegend Personen, mit denen man geteilte Interessen oder geteilte Lebenswelten verbindet. In diesem erweiterten sozialen Netzwerk wird nun die Preisgabe von persönlichen Informationen zur Norm – Jugendliche müssen Dinge über sich selbst preisgeben, um für andere auffindbar zu sein und an den alltäglichen Konversationen in den persönlichen Öffentlichkeiten teilhaben zu können. Rückmeldungen auf das Foto oder Statusupdate kommen, in Form von Likes und Kommentaren, auch nur wieder aus dem eigenen Netzwerk. Dass möglicherweise auch andere, nicht gewollte Dritte mitlesen, wird von den Jugendlichen teils ignoriert, teils achselzuckend akzeptiert. Ganz nach dem Motto, das auch viele Erwachsene teilen: Ich habe ja nichts zu verbergen.

Beobachtung 3: Es gibt „Digital Natives“, weil ständig über sie geredet wird.

Die öffentliche Diskussion um die vermeintliche Sorglosigkeit der Jugendlichen mit persönlichen Daten ist nur eine von vielen Beispielen, wie die „Digital Natives“ als gesellschaftliche Kategorie kommunikativ hergestellt werden. Anders gesagt: Gerade weil in gesellschaftlichen Debatten um die Mediennutzung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen immer wieder das Label der „Digital Natives“ verwendet wird, wird es zur (kommunikativ konstruierten) Realität. Der Begriff geht nicht nur in den Alltagsgebrauch ein, sondern kann auch strategische Planungen von Unternehmen und Organisationen oder politische Entscheidungen über die Förderung von Medienkompetenz beeinflussen. Dadurch wiederum wird die Existenz dieser Generation „abgesichert“: Als Zielgruppe von Werbung oder Kampagnen, als potentielle Käufer oder Nutzer von Produkten und Dienstleistungen – oder auch als problematisierte Gruppe, die es zu schützen, aufzuklären oder zu belehren gilt.

Denn es ist bezeichnend, dass diese Debatten bislang weitgehend von Erwachsenenen geführt werden. Die Bezeichnung als „Digitale Eingeborene“ hat etwas Exotisierendes und durchaus auch Abgrenzendes; es ist keine selbstgewählte Bezeichnung der Jugendlichen, sondern eine Zuschreibung durch Erwachsene, die mit einer Mischung aus Faszination, Sorge und Unverständnis betrachten, wie sich ihre Kinder die neuen Medien aneignen. Indirekt wird so die Vorstellung aus den 1990er Jahren reproduziert, das Internet sei ein eigener Raum, ein „Cyberspace“ mit eigenen Gesetzen, Riten und Normen, der losgelöst von der „realen Welt“ existiere.

Diese Vorstellung aber ist vielen Jugendlichen (und nicht nur diesen) fremd. Sie erleben digitale Medien als Werkzeug und Verlängerung des eigenen Alltags, und die darüber abgerufenen Informationen und Inhalte sowie die gepflegten Kontakte und Konversationen in aller Regel nicht als virtuell und folgenlos, sondern hochgradig real. Das heißt nicht, dass es keine Unterschiede in der Darstellung und Wahrnehmung von „Authentizität“ und „Fake“ oder von „Realität“ und „Fiktion“ gibt – auch wenn zwischen den Polen jeweils unzählige Zwischenstufen und Grauzonen existieren, die eindeutige Zuordnungen erschweren. Aber diese Herausforderungen, die das nach wie vor recht neue Medium „Internet“ dank seiner technischen Universalität und seiner hohen Innovationsdynamik hat, gelten für alle Nutzer gleichermaßen, für Jugendliche wie für Erwachsene. Sie nur auf die „Digital Natives“ zu beschränken, würde der gesellschaftlichen Tragweite nicht gerecht, die das Internet für uns alle besitzt.


[1]   Vgl. Schenk, Michael et al. (2012): Digitale Privatsphäre. Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen. Berlin: Vistas.

[2]   Vgl. Schmidt, Jan (2011): Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Konsequenzen des Web 2.0. Konstanz: UVK.


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