OER ist alles. Oder ist im Web alles OER?

Hauptseite der Wikipedia im Januar 2004. Ausschnitt eines Screenshots via <a title="Zu Wikimedia Commons" href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hauptseite-januar2004.png?uselang=de">Wikimedia Commons</a> unter <a title="Zum Lizenztext" href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC BY SA 3.0</a>.

Hauptseite der Wikipedia im Januar 2004. Ausschnitt eines Screenshots via Wikimedia Commons unter CC BY SA 3.0.

Inwiefern das Konzept der „Offenen Bildungsmaterialien“ (OER) in die Irre führt

Bildung muss „offen“ sein: Da traut sich niemand zu widersprechen. Aber alle definieren sich dann ihren eigensinnigen Begriff von „Offenheit“. Was heißt „offen“ wirklich, im Netz-Zeitalter?

Bildung, Offenheit und digitale Technologie: anscheinend eine zwingende Kombination.

Schon 1971 entstand im Ur-Internet (damals nur 15 Computer), das „Project Gutenberg“, das bis heute gemeinfreie Weltliteratur in digitaler Form offen verfügbar macht. Ebenfalls 1971 entwickelte der radikale Bildungsreformer Ivan Illich im Buch „Deschooling Society“ ein Konzept von selbstbestimmtem, kollaborativem Lernen, vermittelt über computergestützte (!) Community-Netzwerke. Und 1971 wurde auch das Schlagwort „offen“ erstmals konkret gebraucht, als die britische Open University startete, eine Fernuniversität ohne formelle Zulassungsvoraussetzungen.

Damit war bereits das Feld abgesteckt, um das es jetzt im Netz-Zeitalter geht:

  • Offener Zugang zu Bildung in Form von Studiengängen und Kursen
  • Offener Zugang zu allem Wissen, insbesondere in verschriftlichter Form.
  • Und die Einheit von Lernen, Lehren und Wissensproduktion in offenen Netzwerken.
#OERde13
Open Educational Resources
Themenschwerpunkt zur OER-Konferenz 2013 mehr dazu

Das entspricht der Idee von Bildung und Wissen, das schon die Aufklärer antrieb, als die Druckschrift-Kultur noch den Charakter eines offenen Netzwerks hatte: Kaffeehäuser mit improvisierten Bibliotheken, Raubdrucke, Korrespondenzzirkel, an denen jeder teilnehmen konnte. Diderots Enzyklopädie von 1759 hatte eine ähnliche Mission, wie sie sich Google 1999 auf die Fahne schrieb: „Die Informationen der Welt zu organisieren und für alle nutzbar zu machen.“ (Und 2001 startete dann die Wikipedia.)

Im Netz-Zeitalter wird uns wieder klar, was vor der Verfestigung des modernen „Bildungssystems“ selbstverständlich war: dass Wissen nicht durch Abschottung, Spezialisierung, vertieftes Studium und strenge Prüfungen entsteht, sondern durch Öffnung und Querbefruchtung.

Eine sehr kurze Geschichte der Offenen Bildung im Netz

Das Web ist offen

Das World Wide Web ist derjenige Teil des Internet, der aus Inhaltsstücken („Webseiten“) mit eigenen, menschenlesbaren „Adressen“ und aus Links besteht. Ursprünglich war es als offene „Wissenslandschaft“ für den Austausch unter Wissenschaftlern gedacht. Als kostenlose, einfache Software („Browser“) das Web für Normalmenschen benutzbar machte, war aber schnell klar, dass das auch die ideale Infrastruktur für Alltagswissen ist: ein unendliches Gewebe von lose verlinkten Inhalts-Stückchen, jedes nicht viel größer als das, was auf einen Bildschirm passt.

1998 war die Web-Technologie reif für den den Mainstream. Gleichzeitig sprang die Idee von „Open Source“ über aus der Welt der Programmierer in die Welt der Normalmenschen. „Open Source“ bedeutet, dass eine offene Gemeinschaft von Freiwilligen gemeinsam an Programmiercode arbeitet, der niemandem gehört. Jede/r kann ihn kopieren und auch ganz eigensinnig weiterentwickeln. „Open Content“ überträgt die Idee auf kreative Inhalte wie Texte, Bilder, Multimedia. Dafür wurden eigene, offene Lizenzen entwickelt (zu CC / Creative Commons auf pb21).

Eigentlich besteht aber das ganze Web seinem technischen Wesen nach aus „Open Content“: Man kann Inhalte ausschneiden und kopieren (copy & paste), man kann ganze Dateien herunterladen und im Prinzip den Quellcode jeder Webseite einsehen, kopieren und selbst weiterbearbeiten (hier pb21 zum Tool „Hackasaurus). Im Grunde war das, was vor der Einführung des Urheberrechts mit Ideen und Texten geschah, nicht viel anders, nur eben viel langwieriger: Man musste handschriftlich abschreiben, umarbeiten und das Resultat erst wieder drucken.

Checkliste: Offene Inhalte aus Lernersicht

1. Offenheit im Web (notwendig)

  • Offener Zugang: gratis, für alle Interessierte/n, keine Anmeldung nötig.
  • Durch Suche im Netz gut und schnell auffindbar.
  • Inhalte sind im Netz direkt und zielgenau mit einem Link aufrufbar.
  • Inhalte sind nicht in sich geschlossen, sondern mit Links in den Netz-Kontext eingebettet.
  • Offenes Web-Standardformat (HTML) ermöglicht technisch das einfache Kopieren und Einfügen von Texten und Grafiken für den eigenen Gebrauch.

2. Nicht-kommerzielle Weiternutzung (sehr wünschenswert, vgl. Definition von „free cultural works“ von Creative Commons)

  • Download für den eigenen Gebrauch ist leicht möglich.
  • Standardformate ermöglichen die Benutzung und Weiterverarbeitung der Inhalte ohne Spezialsoftware.
  • Download für den eigenen Gebrauch ist ausdrücklich erlaubt.
  • „Fair Use“ (USA): Nicht-kommerzieller Gebrauch etwa für Bildungszwecke ist im Prinzip juristisch erlaubt.
  • Die Weitergabe für nicht-kommerziellen Gebrauch ist ausdrücklich und kostenlos lizenziert.
  • Die Weiterverarbeitung für den nicht-kommerziellen Gebrauch ist ausdrücklich und kostenlos lizenziert.

3. Völlig freie Nutzung (wünschenswert, aber nicht unbedingt nötig)

  • Die weitere Verbreitung und Verwertung von Teilen in eigenen Inhalten und Werken ist auch dann ausdrücklich lizenziert, wenn Geld im Spiel ist (Anzeigen auf der Webseite, gezahlte Honorare …).

Die unsichtbare Universität

„Universitas“ bezeichnet einen umfassenden Raum, der inhaltlich die „Gesamtheit der Wissenschaften“ und sozial die „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ repräsentiert. Lernen, Lehren und Forschen bilden dort eine organische Einheit. Genau solche Räume bilden sich sehr schnell im Internet und im Web, vor allem natürlich für neue Wissensgebiete, die sich gerade erst formieren, wie Web-Programmieren und Web-Design. Die Open Source-Community, die um den ersten ausgereiften Browser (Netscape Navigator, jetzt Mozilla bzw. Firefox) herum entstanden ist, hat z.B. so die „Mozilla University“ ausgerufen. Eine School of Webcraft betreibt dort in selbstorganisierten Online-Kursen eine Art von „Peer Learning“, die Ivan Illich gut gefallen hätte.

Codecademy, Peer2Peer-University, Skillshare heißen nur einige von vielen weiteren Initiativen, die im Prinzip aus einer Website bestehen. Sie holen ihre Konzepte und Materialien aus dem Web, entwickeln sie selbst weiter und speisen sie wieder zurück. Nur so kann man auch Schritt halten mit der ständigen Weiterentwicklung des Wissens. Das alles setzt eigentlich nur systematisch fort, was überall da passiert, wo sich Blogger zu einer informellen Fach-Community vernetzen, die letztlich durch Links zusammengehalten wird. Das Web lässt „Invisible Colleges“ entstehen, wie damals in der frühen Moderne, als die Wissenwollenden, verstreut über ganz Europa, die neuen Vernetzungsmöglichkeiten durch Druck und Briefe erprobten.

OER sind ein Prozess

Was hat das Web mit „Open Educational Resources“ (OER) zu tun? Das ist der Name für Lern- und Lehrmaterialien, die gratis unter einer offenen Lizenz angeboten werden. Sie erlaubt, dass sie von anderen kopiert und weiterbearbeitet werden können. Also Open Content, aber mit zwei Einschränkungen: als Mittel (Ressource) zum Zweck eines vorstrukturierten Bildungsprozesses (Education).

Lizenzierte OER sollen also irgendwie die Offenheit des Netzes in ein geschlossenes Bildungssystem bringen. Aber das ist widersprüchlich: Diejenigen, für die diese Offenheit gelten soll, sind in der Regel gar nicht die EndnutzerInnen, sondern die Fach-Communities der Lehrenden. Die Lernenden bekommen hier nicht einfach „Open Knowledge“, wie etwa in der Wikipedia oder in den Blogs, sondern didaktisch zugerichtetes Material. Dieses Material versucht nur mehr oder minder erfolgreich, die Offenheit und Lebendigkeit des Web so gut wie möglich nachzuahmen, wie etwa in den Lehr-Videos der MOOCs.

Wenn aber OER tatsächlich „learner-centered“ sein sollen, dann würde das einfach bedeuten, offene Web-Inhalte und Web-Kulturtechniken subversiv in das Bildungssystem einzuschleusen. Das bedeutet aber digitale „Universitas“: Keine Rollentrennung mehr zwischen Fach-Experten, Lehrenden und Lernenden. OER wäre dann ein lebendiger Prozess der „Ko-Kreation“, getrieben von allen, die Wissen wollen. Ressourcen und Materialien (ein Blogpost, ein Video, ein Wiki-Eintrag …) kristallisieren dann nur quasi nebenbei aus, mit relativ kurzer Verfallszeit. Und wenn benötigte Inhalte nicht lizenzierte sind, macht das wenig aus: Das Web besteht zum allergrößten Teil aus „sekundären Inhalten“, die paraphrasieren, zusammenfassen und – im Idealfall per Link – verweisen.

Im Web gibt es unendlich viele Ressourcen, aber es ist kein Archiv. Web-Inhalte sind keine dauerhaften „Learning Objects“. Sie sind zugleich immer Impulse, Anstoß für weitere Kettenreaktionen im Netz: Wissen, das nicht im Umlauf ist, ist jetzt schon vergessen. Und wenn man es sich überlegt, stellt man fest: Genau so funktioniert auch das individuelle Lernen.


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Maertin Lindner berät Organisationen und Unternehmen dabei, wie sie Wissens- und Lernprozesse mit den Mitteln des Web neu gestalten können. Autor, Blogger, Speaker.

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