Ortsbezogene Beteiligung mit Ushahidi

Foto „Ushahidi J2ME App“ von <a title="Zum flickr-Profil" href="http://www.flickr.com/photos/whiteafrican/2912773378/">whiteafrican</a> unter <a title="Zum Lizenztext" href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">CC BY 2.0</a>.

Foto „Ushahidi J2ME App“ von whiteafrican unter CC BY 2.0.

Partizipationsprojekte vor Ort und auf digitalen Karten

Partizipationsprojekte, die sich auf den Sozialraum von Jugendlichen beziehen, sind darauf angewiesen, ortsbezogene Informationen zu erheben – gerade für eine Bestandsaufnahme der Lebenswelt von Heranwachsenden. Eine gemeinsame Begehung des Sozialraums gehört zu den klassischen Beteiligungsmethoden; andere Methoden setzen auf die Verwendung von Karten (aus Papier), wo wichtige Punkte markiert und diskutiert werden.

Nun ist der Sozialraum von Jugendlichen genauso wie die Gesellschaft zunehmend mediatisiert und es liegt nahe, in Zeiten von Google Maps, Smartphones und dem mobilen Internet, (ergänzend) auf digitalisierte Methoden zu setzen.

Mit Ushahidi liegt dafür eine umfangreiche, kostenlose, freie und datensensible Lösung vor. In diesem Artikel wird das Tool vorgestellt, gemeinsam mit Anwendungsmöglichkeiten für die Arbeit in der politischen Bildung.

Das Tool

Ushahidi ist eine netzbasierte Software unter freier Lizenz, mit der nach dem Crowdsourcing-Prinzip von vielen Menschen Informationen auf einer digitalen Karte gesammelt werden können.

„Ushahidi“ bedeutet auf Swahili etwa „(Zeug/innen-)Bericht“. Der Name verweist darauf, dass das Produkt eine Entwicklung aus Kenia ist, die rund um die Unruhen anlässlich der Präsident/innenwahl 2007 entstanden ist. Damals wurden Augenzeug/innenberichte über Gewaltakte via Mail und SMS gesammelt und auf einer Google Maps Karte platziert, um Bürger/innen zu informieren und zu warnen. Daher sind Berichte auf einer Ushahidi-Karte nicht nur via Internet möglich, sondern auch per SMS. Auch im aktuellen syrischen Bürgerkrieg hilft Ushahidi dabei, lokale Ereignisse sichtbar zu machen.

Dank der freien Lizenz kann die Software auf einem eigenen Server installiert werden oder auch über eine Vorinstallation, die von der gemeinnützigen Gesellschaft hinter Ushahidi angeboten wird. Mit jeder dieser Installationen entsteht eine individuelle Karte. Wer deren Webadresse kennt, kann im eigenen Browser, mit einer Smartphone-App (Android und iOS), per Mail und (mit besonderem Aufwand) auch per SMS dort Informationen mit Ortsbezug und insbesondere auch Fotos eintragen. Je nach Einstellungen der jeweiligen Installation müssen diese Informationen von einem bzw. einer Moderator/in freigegeben werden.

Immer wenn Daten auf Google Maps dargestellt werden, landen automatisch Nutzer/innendaten bei Google. Wer dagegen Ushahidi nutzt, kann nicht nur über den Verbleib der eigentlichen, eingetragenen Daten sicher sein, sondern kann auch alternative Kartendienste wie etwa OpenStreetMap für die Darstellung wählen, womit die Informationen auch nicht unter der Hand bei Dritten landen.

Anwendungsmöglichkeiten in der (politischen) Bildungsarbeit

Ushahidi kann in der Bildungsarbeit oder im politischen Aktivismus vielfältig angewendet werden. Hier erste Ideen und Anregungen:

Auf der Karte werden Informationen über lokale Events gesammelt. Das kann permanent geschehen im Sinne von Informationen von Jugendlichen für Jugendliche, wo gerade „was los ist“ – oder eventbezogen, etwa zur Informationsweitergabe bei Demos wie z.B. Massenblockaden von Naziaufmärschen.

Ushahidi und seine Karte können genutzt werden zur gemeinschaftlichen Erkundung von Stadtteilen, Eventgeländen, Regierungsvierteln etc. So könnte eine Klasse bei einer Exkursion zunächst die Örtlichkeit erkunden und auf der Karte dokumentieren, anschließend werden die Informationen gemeinsam aufbereitet und besprochen – als Grundlage für weitere Recherchen und Erkundungen.

Im Rahmen der (e)Partizipationsarbeit können Jugendliche mit Hilfe der Anwendung ihre Lebenswelt abbilden: In ihrem Aktionsraum werden auf der Karte die Orte markiert, die cool / unattraktiv / gefährlich / spannend / wichtig sind. Das kann eine Grundlage sein für weitere Beteiligung – etwa zur Verbesserung der Attraktivität einzelner Punkte – oder Informationen liefern für andere Heranwachsende. Wie das konkret aussehen kann, soll das folgende Beispiel zeigen.

Ein konkretes Szenario

In einer Kommune soll die Lebenswelt von Jugendlichen dokumentiert werden und gemeinsam mit den Heranwachsenden jugendrelevante Orte und solche, die aus ihrer Sicht verbesserungswürdig sind, auf einer Karte dokumentiert werden. Hierzu ist im Vorfeld eine Installation von Ushahidi (siehe unten) vorbereitet worden – die konkrete Erkundung soll auf dieser Karte mit Hilfe von Apps auf den Smartphones der Beteiligten stattfinden.

Die Dokumentation mit den Jugendlichen soll in zwei Aktionswochen stattfinden, während derer sie in ihrem Alltag immer wieder Informationen via Ushahidi-App beitragen. Hierfür wird im Vorfeld in Jugendeinrichtungen und Schulen Werbung gemacht, schon in der Konzeptphase bildet sich darüber hinaus ein Koordinationsteam aus interessierten Jugendlichen und Fachkräften.

In einer Auftaktveranstaltung sowie weiteren Aktivierungsveranstaltungen werden die Jugendlichen motiviert, die App bei sich zu installieren, die Funktionsweise wird nach Bedarf erläutert. An verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten finden darüber hinaus Events statt, wo mit spezifischen Gruppen eine gemeinsame Erkundung ihres Lebensraums stattfindet. So treffen sich Skater/innen, Sprayer/innen, Musiker/innen und andere und diskutieren gemeinsam die jeweiligen Sichtweisen und machen vor Ort Fotos, laden diese auf der Ushahidi-Karte hoch und kommentieren ihre Sicht auf die Dinge.

Die Abschlussveranstaltung ist gleichzeitig der Auftakt für den weiteren Beteiligungsprozess: Interessierte / beteiligte Jugendliche diskutieren die Ergebnisse mit Politiker/innen. Auf dieser Basis werden konkrete Absprachen über gemeinsame Arbeitsgruppen, Weiterentwicklungsprozesse und auch schon konkrete Maßnahmen getroffen. Die digitale Karte ist die zentrale Basis für diese Weiterarbeit.

Installation bzw. Registrierung und Nutzung

Ushahidi kann über zwei Wege genutzt werden: niedrigschwellig mit einem eigenen vorinstallierten Zugang auf den Servern der Trägergesellschaft der Software und – etwas aufwändiger, dafür 100% selbstbestimmt  – auf einem eigenen Webserver.

Nutzung einer Vorinstallation auf crowdmap.com

Ein Hinweis vorweg: crowdmap.com ist eine Weiterentwicklung von Ushahidi, die mehr in Richtung einer social community geht. Wer auf dieser Version von crowdmap.com postet, macht das öffentlich und zusammen mit allen anderen Infos auf der Weltkarte. Allerdings gibt es über einen Umweg einen Zugang zur älteren Version, die eine von den übrigen Vorinstallationen getrennte Karte bietet. Diese ältere Version wird allerdings nur noch bis Ende 2013 angeboten.

Hierzu muss man sich zunächst bei crowdmap.com registrieren. Nach einem Login erscheint unter dem Benutzer/innenmenü der Punkt „Crowdmap classic“. Nach einem Klick hierauf wechselt die Darstellung der Website auf das „alte“ Ushahidi. Hier erscheint nun auch ein Link „Sign up for free“. Am Ende dieses Registierungsprozesses steht ein Ushahidi-Zugang mit der Adresse meinzugang.crowdmap.com. Diese ist anschließend genauso weiter nutzbar wie eine eigene Installation (siehe unten: „Erste Schritte“).

Ushahidi auf dem eigenen Server

Ushahidi funktioniert mit gleichen Technologien wie andere webasierte Software und kann daher auf einem Webspace von herkömmlichen Anbietern leicht installiert werden. Voraussetzung ist die Unterstützung von interaktiven Inhalten (PHP) und von Datenbanken (MySQL) (mehr Informationen hier).

Von der Website des Projekts wird die aktuelle Version heruntergeladen, entpackt und per FTP auf den Webspace kopiert. Einige Verzeichnisse müssen ausreichende Rechte zugewiesen bekommen (Genaues im Installations-PDF). Anschließend wird die Website im Browser aufgerufen und es erscheint automatisch eine Auswahl von Installationsskripten. Hier am besten „Basic Installation“ wählen, die entsprechenden Informationen eingeben und schon ist der eigene Zugang nutzbar.

Erste Schritte

Vor einer Nutzung in einem pädagogischen Zusammenhang sollten wichtige Einstellungen überprüft und die Funktionsweise kennengelernt werden.

Wie bei jeder Software empfiehlt sich die detaillierte und konzentrierte Überprüfung aller Einstellungen. Insbesondere sollten aber „Einstellungen > Website“, „Einstellungen > Karte“, „Einstellungen > E-Mail“ sowie „Verwaltung > Kategorien“ überprüft werden, damit die gewünschte Datenschutzsensibilität für das eigene Projekt erreicht wird. Diverse Dokumentationen hierfür sowie für die Benutzung des gesamten Funktionsumfangs finden sich hier und im Wiki.

Nun können via Webformular von angemeldeten oder nicht angemeldeten Nutzer/innen Inhalte bereit gestellt werden – und insbesondere auch via Smartphone-App, die im Google Play Store bzw. im App Store von Apple kostenlos (Links unter http://download.ushahidi.com) bezogen werden kann. Ist die App installiert, muss lediglich die richtige URL eingetragen werden. Bei crowdmap.com ist das meinzugang.crowdmap.com, bei einem eigenen Webspace die zugehörige Webadresse.

Nun ist alles bereit – und Ushahidi kann die Lebenswelten von Jugendlichen und vieles andere dokumentieren.

Erfahrungsberichte?

Haben Sie eigene Erfahrungen mit Ushahidi oder anderen ortsbezogenen Partizipationsprojekten? Wir freuen uns über Kommentare!


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..., Dipl.-Päd., ist Dozent für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich und war zuvor mehrere Jahre als Medienpädagoge in der Jugendarbeit tätig. Er arbeitet an seiner Promotion an der Universität Leipzig zu social media in der Jugendarbeit und hat einen Lehrauftrag der HAWK Hildesheim-Holzminden-Göttingen. In seiner Freizeit engagiert er sich unter anderem im Vorstand der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) und ist Mitherausgeber des Medienpädagogik Praxis-Blog.

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