Webschau Februar 2014

Grafik „Webschau“ von Ralf Appelt für pb21.de unter <a title="Zum Lizenztext" href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/">CC BY 3.0 DE</a>.

Grafik „Webschau“ von Ralf Appelt für pb21.de unter CC BY 3.0 DE.

Darüber spricht das Netz …

Die Webschau im Februar beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie es weitergehen kann, nachdem das Ausmaß der Überwachung des Internets (halbwegs?) bekannt geworden ist. Damit beschäftigt sich  nicht nur Sascha Lobo, sondern auch Konferenzen, Kunstveranstaltungen und die Feuilletons. Außerdem in dieser Webschau: Meldungen zu Medienverboten, zum Snowden-Interview und zur Entwicklung in der Türkei.

Lesetipp: „Einbruch der Dunkelheit“

Philosophen, Künstler, Sozialwissenschaftler und Programmierer erkunden die Theorie und Praxis der Wiedererlangung der Kontrolle in Zeiten digitaler Überwachung. Ende Januar fand in Berlin die Konferenz „Einbruch der Dunkelheit“ statt.

„Die Überwachungsindustrie hat sich in unseren Alltag geschlichen. Deshalb müssen wir jetzt nicht nur Gesetze, sondern auch Gewohnheiten hinterfragen.
Bisher scheint sich lediglich eine begrenzte Anzahl von Akteuren an der Debatte zu beteiligen: Politiker hier, Journalisten und Netzaktivisten da. ‘Einbruch der Dunkelheit’ versucht dieses Spektrum um Akteure aus der digitalen Welt, der Wissenschaft, der Künste und der Subpolitik zu ergänzen.
Diese Öffnung soll die laufende Debatte erweitern und noch andere dazu inspirieren, sich zu beteiligen. Überwachung geht schließlich alle etwas an. Es ist nicht nur die Frage danach, wie groß mein individuelles Bedürfnis ist, Kontrolle über meine persönlichen Daten zu haben. Es ist vor allem auch die Frage danach, zu welchen und zu wessen Bedingungen ich Teil dieser Gesellschaft sein möchte. Wir können nicht erwarten, dass der Staat dieses Problem alleine löst. Wir müssen selbst aktiv werden.“

Eine Einleitung und Video-Mitschnitte finden sich bei der Berliner Gazette.
#einbruchderdunkelheit


Kurzmeldungen

Snowden-Interview: Im Spätabendprogramm versenkt

„Was macht die ARD, wenn sie ein exklusives Interview mit Edward Snowden hat? Das erste Fernsehinterview überhaupt, seit der Whistleblower im Sommer nach Russland geflohen ist? Sie sendet Teile des sechsstündigen Gesprächs spät in der Nacht und lässt vorher Günther Jauch darüber diskutieren.“ Erst nach Kritik wurde auch die nicht-sychronisierte Fassung zur Verfügung gestellt. Nachzulesen u. a. auf sueddeutsche.de und spiegel.de.
#snowden-interview #ard

Transmediale 2014: Digitale Kunst in Zeiten der Überwachung

Es berichtete u. a. spiegel.de: „Fotos von Spionagesatelliten und USB-Kabeln mit Abhörtechnik: Vieles auf dem Kunstfestival Transmediale in Berlin erinnert an eine Hacker-Konferenz. Das ist kein Zufall. Das Digitalkunsttreffen beschäftigt sich mit Massenüberwachung, Elektroschrott und Datenbergen. Die digitale Revolution ist vorbei, die Träume von der vernetzten, besseren Welt sind geplatzt. Stattdessen wachen wir auf in Bergen aus Elektro- und Datenschrott, vollüberwacht durch Konzerne und Geheimdienste.“
#transmediale2014

Türkische Regierung verschärft Zensur im Internet

Bereits in der letzten Webschau hatten wir eine Meldung zum Thema. Nun steht fest: „In der Türkei hat das Parlament einen Gesetzesvorschlag angenommen, der es künftig der Telekommunikations-Aufsichtsbehörde des Landes ermöglicht, Webseiten ohne vorherigen Gerichtsbeschluss vollständig zu sperren. Darüber hinaus wird eine Vorratsdatenspeicherung eingeführt, nach der Nutzerdaten zwei Jahre lang gespeichert werden müssen.“ Mehr auf gulli.de.
#ueberwachung #zensur #tuerkei

EU-Parlamentspräsident warnt vor technologischem Totalitarismus

„Der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, sieht Freiheit und Demokratie von totalitären Tendenzen der digitalen Gesellschaft bedroht. In einem Beitrag für die F.A.Z. fordert er eine Verständigung über die technologische Entwicklung: Wenn der Bürger zum Wirtschaftsobjekt degradiert werde und der Staat ihn unter Generalverdacht stelle, ‘kommt es zu einer gefährlichen Verbindung von neoliberaler und autoritärer Ideologie’. Die digitale Revolution sei eine ähnliche politische Herausforderung für die Humanisierung der technischen Entwicklung, wie es die Industrialisierung im 19. Jahrhundert gewesen sei. Wie seinerzeit werde eine soziale Bewegung gebraucht, welche ‘die Unverletzlichkeit der menschlichen Würde ins Zentrum ihrer Überlegungen stellt und die nicht zulässt, dass der Mensch zum bloßen Objekt degeneriert’.“
#schulz #warnung #totalitarismus

Verbote, die Erste

Anja Besand, Professorin für Didaktik der politischen Bildung an der Technischen Universität Dresden, zum geplanten Facebook-Verbot für Lehrerinnen und Lehrer in Sachsen: „Ich halte nichts von einem generellen Verbot von Facebook-Kontakten zwischen Lehrenden und Lernenden. Soziale Netzwerke gehören heute sowohl zur Lebensrealität von Schülerinnen und Schülern als auch zur Realität von Lehrerinnen und Lehrern. […] Die Nutzung darf aber nicht dazu führen, dass Schülerin­nen und Schüler benachteiligt werden, die möglicherweise aus grund­sätzlichen Erwägungen heraus diese Netzwerke nicht nutzen möchten.
Das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden ist unter den Bedingungen schulischen Lernens eben auch als Machtverhältnis zu beschreiben, das in den entsprechenden Kommunikationsprozessen berücksichtigt werden muss.“
Das gesamte Interview ist auf couragiert-magazin.de zu lesen.
#facebookverbot #lehrerInnen #sachsen 

Sascha Lobo bei Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte

„Alle Welt spricht von NSA, CIA und der totalen Überwachung. Aber wer überwacht eigentlich wen oder was wo, wie und vor allem warum? Tilo Jung geht diesen Fragen auf den Grund. Rede und Antwort steht dabei Autor und Internetaktivist Sascha Lobo, der auch ‘Bundestrainer der Deutschen in Sachen Internet’ getauft wurde.“
#jungundnaiv #lobo

Hyperkonnektivität: Von der multiplen Identität zum totalen Profil

„Unsere digitalen Selbstbilder werden Tag für Tag plastischer. Mal bewusst, mal unbewusst hinterlassen wir im Netz Spuren von Daten. Wir vernetzen unsere multiplen Identitäten miteinander, mit anderen, mit den Dingen. Wir lassen die Technik immer näher an uns heran. Ist das noch eine persönliche Entscheidung? Dabei werden unsere Identitäten immer mehr zu Profilen, gefüttert von Verknüpfungen, Vorlieben, Suchanfragen und Netzwerken. Es entsteht ein aggregiertes Bild, das sich unserer Kontrolle mehr und mehr entzieht. Was wir posten, ist nicht mehr das wichtigste – sondern was wir tun. Und was in uns passiert. Schritte pro Tag, Schlafqualität, Herzfrequenz. Das quantifizierte Selbst.
Wie finden wir die Balance zwischen Privatheit und Vernetzung in der vollvernetzten Welt? Wie und worauf bauen wir unsere Identität? Und was ändert es, wenn wir wissen: Die Kontrolle über unser digitales Profil haben wir längst verloren?“
Das Gespräch zwischen Philip Banse, Prof. Dr. Petra Grimm, Sascha Lobo und Jochen Wegner ist nachzuhören auf breitband.deutschlandradiokultur.de.
#hyperkonnektivitaet

Geschenkt: 100.000 Bilder

Wellcome Images veröffentlicht 100.000 Bilder von der Antike bis in die Gegenwart unter einer Creative Commons Lizenz: „We are delighted to announce that over 100,000 high resolution images including manuscripts, paintings, etchings, early photography and advertisements are now freely available through Wellcome Images.“ ist in der Ankündigung zu lesen.
#creativecommons #wellcome

Innenministerium mahnt FragDenStaat.de ab

„Die Internetseite FragDenStaat.de hat ein internes Gutachten des Innenministeriums zur Europawahl veröffentlicht und dafür eine Abmahnung kassiert. Doch statt 887,03 Euro zu zahlen, will FragDenStaat.de sich wehren.“ Und schreibt auf seiner Homepage: „Nachdem ein Bürger auf FragDenStaat.de eine Aktenauskunft zur Prozenthürde bei der Europawahl beantragt hat, stellte ihm das Innenministerium das Papier – eine Stellungsnahme – zur Verfügung. Gleichzeitig untersagte das Ministerium jedoch unter Berufung auf das Urheberrecht eine Veröffentlichung. Damit wird ein Recht, das zur Förderung von Künstlern und Autoren geschaffen wurde, zum Instrument staatlicher Zensur umfunktioniert. Die Open Knowledge Foundation Deutschland, die FragDenStaat.de betreibt, hat sich deshalb entschlossen, die Abmahnung zurückzuweisen und das Dokument weiterhin öffentlich bereitzustellen.“ Es berichtet u. a. spiegel.de.
#fragdenstaat #innenministerium #abmahnung

Verbote, die Zweite

Der Lehrer Torsten Larbig auf seinem Blog zum Umgang mit digitalen Medien: „Reflektierter Umgang mit der Digitalisierung aber ist etwas anderes als das Verbot der Instrumente, die diese Digitalisierung repräsentieren (Smartphone, Tablet, Laptop, WLan…); reflektierter Umgang mit der Digitalisierung ist etwas anderes als eine Fixierung auf faktisch vorhandene Risiken, die so stark wird, dass die Chancen nicht mehr gesehen werden. Oh nein, es muss sich nicht jeder im Internet bewegen wollen; aber es sollte sich jeder gegebenenfalls verantwortlich und reflektiert im Internet bewegen können. Die Kinder und Jugendlichen suchen sich da ihren Weg. Bislang tun sie dies, ohne dass ihnen dabei selbstverständlich von den Erwachsenen in ihrem Umfeld, von den Institutionen, in denen sie ihre Sozialisation erfahren, Unterstützung über Sorgen um das Kindeswohl und den Jugendschutz hinaus – und somit über Verbote, Einschränkungen, Mahnungen hinaus – zuteil wird.“
#medienverbot


Debatte: „Das Internet ist nicht das, wofür ich es gehalten habe“

Auf faz.de fand der Anstoß zu einer Debatte zum Wesen des Netzes statt: „Lange hielt Sascha Lobo das Internet für den Wegbereiter von Demokratie und Befreiung. Jetzt sieht er, dass er sich geirrt hat.“ Er fordert einen neuen „Netz-Optimismus“, denn die bisherige Form der Netzbegeisterung hätte sich als trügerisch erwiesen, weil sie das Ausmaß der Überwachung falsch eingeschätzt habe. Wenig später antwortet Evgeny Morozov mit dem Artikel „Wir brauchen einen neuen Glauben an die Politik!“ – und eben nicht ans Internet.

Größere Resonanz im Netz ließ nicht lange auf sich warten. #pb21-Autor Martin Lindner schreibt: „Wir brauchen viel mehr Empirie und Selbstversuche, viel weniger pauschale Weltrettungs- und Weltuntergangshypothesen.“ Dem Lobo-Text wird häufig Ungenauigkeit vorgeworfen; das kritisiert Lindner, und auch Michael Seemann schreibt: „Auch ich weiß nicht, was Du meinst, mit Deinen fabulösen Forderungen nach einem neuen Internetoptimismus. Erneuerungen von unhaltbaren Versprechen oder einen echten Neuanfang?“

Die F.A.Z. will die Veröffentlichung von Beiträgen zur Debatte fortsetzen.
#lobo #debatte #intenet #kaputt


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Ute Demuth für pb21.de.
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... interessiert sich dafür, wie sich die wandelnde Mediennutzung und Kultur, Gesellschaft und Politik gegenseitig beeinflussen. Seit Ende der 90er ist sie als Freiberuflerin in der politischen Erwachsenenbildung unterwegs und arbeitet zum Beispiel für das Forum Politische Bildung des DGB Bildungswerks. Außerdem schult und berät sie Betriebs- und Personalräte zum Thema Öffentlichkeitsarbeit und zum Einsatz elektronischer Medien. Sie veröffentlicht regelmäßig zu ihren Themen.

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