PB037: 30.000 Lehrer, 100.000e Materialien. OER in Schwedens Schulen

Per Brahm. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

Per Brahm. Foto privat, nicht unter freier Lizenz.

#pb21-Podcast mit Per Brahm vom schwedischen Learnify

Jeder vierte schwedische Lehrer erstellt, teilt, kombiniert und remixt seine Unterrichtsmaterialien auf der Plattform Learnify. Warum und wie das funktioniert beschreibt Per Brahm im Gespräch mit Jöran Muuß-Merholz.

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Was sind OER?
Open Educational Resources, kurz OER, heißen Lernmaterialien, die unter einer offenen Lizenz angeboten werden. Das heißt das Material darf kopiert, verbreitet und bearbeitet werden.
Themen rund um OER bilden einen Schwerpunkt auf pb21.de. Einen Überblick über die Projekte, HowTo’s und Artikel, die zu OER auf pb21 zu finden sind, bietet das OER-Dossier.

Hunderttausende freie Lernmaterialien, erstellt von 30.000 Lehrern, versammelt auf einer einzigen Plattform. Für die schwedischen Lehrer, die auf der Plattform Learnify unterwegs sind, gehören Open Educational Resources zum Lehreralltag dazu. Auf Learnify finden, verwalten, erstellen und remixen sie Materialien für ihre Schülerinnen und Schüler. Learnify ist nicht nur eine Sammlung von OER-Material, sondern motiviert seine Nutzer dazu Materialien miteinander zu kombinieren. Die Lehrer und Lehrerinnen können aus dem Fundus das für sich und ihre Schüler am Besten passende Material erstellen. Aber nicht nur Lehrende nutzen Learnify: „Teachers like the students to do things for real”, berichtet Per Brahm. Learnify sei so einfach, dass Schülerinnen und Schüler einfach ihr eigenes Lernmaterial erstellen können. Und diese Ergebnisse sind weit entfernt von copy&paste. „They really like and feel responsible to create material that is useful for the rest of the class.“

Per Brahm hat Learnify entwickelt. Seit etwa 15 Jahren arbeitet er in unterschiedlichen Projekten, unter anderem mit der schwedischen Schulbehörde, daran Schule zu verbessern. Seit 2003 entstand kontinuierlich ein Ort für Open Digital Resources. Angefangen mit 25 bereits bestehenden Online-Kursen, die zerteilt als Lernmodule die Basis bildeten, beherbergte Learnify schnell zehntausende Materialien. Seit 2010 ist Learnify kein staatliches Projekt mehr, sondern ein Unternehmen: Für Lehrerinnen und Lehrer ist die Nutzung von Learnify kostenlos. Alle Materialien der Learnify-Bibliothek können miteinander kombiniert werden. Auch eigenes Material kann mit dem integrierten Editor erstellt werden. Learnify ermöglicht seinen Nutzern außerdem das kollaboratives Arbeiten. Per Brahm betont, dass Learnify im Gegensatz zu den meisten Lernplattformen kein geschlossenes System sei. Alle Materialien könnten auch außerhalb der Plattform genutzt werden. Dennoch empfiehlt Brahm Learnify in seiner Funktion als Datenbank zu nutzen und lieber auf Materialien zu verlinken. Diese Arbeitsweise scheint für schwedische Lehrerinnen und Lehrer zu funktionieren: Learnify ist der Ort in Schweden, an dem für ein Viertel der Lehrerinnen und Lehrer der Austausch von Lehrmaterialien statt findet.

Schwedische Lehrerinnen und Lehrer dürfen das Material für ihren Unterricht selbstständig auswählen. Die Learnify-Bibliothek, mittlerweile sind es hunderttausende Materialien, sortiert und organisiert sich durch die Nutzer. Mit Hilfe von „Likes“ und Kommentaren helfen Nutzer anderen Nutzern dabei passendes Material zu finden. Die nationalen Lehrplanstandards in Schweden bilden außerdem die Grundstruktur in der Learnify-Bibliothek.

Learnify unterstützt mit einem Workshop-Angebot darüber hinaus interessierte Lehrer bei ihren ersten Schritten in Schwedens OER-Welt. Mit universitärer Unterstützung entwickelt Learnify Coaching-Konzepte für Lehrerinnen und Lehrer. Über einen Zeitraum von sechs Wochen finden an vier Tagen Workshops statt. Die jeweils zwei Wochen dazwischen nutzen die Teilnehmenden dazu, gemeinsam mit ihren Schülern mit Learnify zu arbeiten. Ziel ist es, dass das Material des dritten Probelaufs aus den letzten beiden Experimentierwochen bereits in der Learnify-Bibliothek veröffentlicht werden kann. Brahm fasst zusammen: „We could compress this to a two days course, but you wouldn’t have half of the effect.“ Im nächsten Schritt soll eine Art peer-to-peer Coaching etabliert werden. Neben den klassischen Vorteilen an dieser Lernform sieht Per Brahm darin auch die Möglichkeit, die Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern, die gutes Material entwickeln, anzuerkennen.

Die Learnify-Materialien werden unter Creative-Commons-Lizenzen veröffentlicht. Learnify bringt seinen Nutzern den Umgang mit diesen Lizenzen bei: Wird beispielsweise ein Element einer externen Website in einen Material gemixt, weist Learnify explizit auf mögliche Rechtsverletzungen hin. Wird über Learnify die Google-Bildersuche angesteuert, wird direkt die CC-Bildersuche aktiviert. Learnify möchte es seinen Nutzern so einfach wie möglich machen das beste Material zu erstellen. Per Brahm weiß aber auch, dass das richtig viel Zeit kostet. An diesem Punkt werde es spannend zu sehen, welche Geschäftsmodelle die traditionellen Verlage entwickeln werden. Etwa 20% der schwedischen Lehrer erstellen ihr Material selbst, für den Rest brauche es Alternativen. Wie diese Alternativen aussehen könnten, ist zur Zeit in Schweden aber ebenso unklar wie in Deutschland. Per Brahm ist sich bisher nur sicher, was er nicht möchte: „We don’t want the old textbook and we don’t want e-learning.“ Er sucht nach einer Mitte zwischen dem Alten und Neuen. „We are trying to find these ways. I think we are on to something, but we are not ready yet.“

Digitale Medien, OER und Schule: Für alle Beteiligten, in Schweden und in Deutschland,  bleibt weiterhin viel zu Lernen. Am wichtigsten dabei sei die Offenheit für Neues. Brahm ist überzeugt: „Es muss inspirierend sein. Und es muss Spaß machen.“


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Tessa hat im August 2013 ihr Lehramtsstudium mit den Unterrichtsfächern Mathematik und Sport an der Universität Hamburg abgeschlossen. Sie hat sich während des Studiums insbesondere mit alternativen Formen von Schule und Lernen auseinandergesetzt. Die Verbindung von Lernen und Digital gehörte zu ihren liebsten Themen, was im Experiment gipfelte, das Studium papierfrei und iPad-zentriert abzuschließen. Tessa beschäftigt sich nun ohne Uni und Schule weiter mit diesen Themen.

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