Storytelling und Würfel – Ideen für die politische Bildung

Foto „Story Cubes – analog und digital“ von Anselm M. Sellen unter <a title="Zum Lizenztext" href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/">CC BY 3.0 DE</a>.

Foto „Story Cubes – analog und digital“ von Anselm M. Sellen unter CC BY 3.0 DE.

Alea iacta est – inzwischen auch digital

Die Idee hinter dem Begriff Storytelling ist sehr alt (und sehr bewährt). Durch digitale Hilfsmittel wie z.B. multifunktionale Würfel muss sie nicht revolutioniert werden, wie es der Begriff „Digitales Storytelling“ manchmal nahelegt. Storytelling kann auch ganz analog bleiben und durch digitale Tools unterstützt bzw. ergänzt werden. Das „zwei-punkt-nullige“ der Idee: Teilnehmende erstellen selbst Geschichten. Story Cubes und die Idee dahinter kann dabei helfen, die ersten Schwellen zu überwinden.

Grundsätzliches zum Storytelling

Das methodische Konzept hinter dem Begriff Storytellings ist – für den Bildungskontext – relativ schnell erklärt. Es geht um das Erzählen von Geschichten zur Vermittlung von Wissen. Oder anders herum, Wissen und (politische) Bildungsinhalte werden in Geschichten verpackt, transportiert und sind so für Zuhörende leichter zu verarbeiten.

Ein wesentlicher Bestandteil bei der Methode des Storytelling ist die Abschaffung des klassischen Zuhörenden. Statt einer passiven Rolle als Konsument werden die Zuhörenden aktiv in das Erzähl-Geschehen eingebunden. Über diesen partizipativen Ansatz wird der Zuhörende selbst zum Storyteller (Geschichtenerzähler) und kann zur Entwicklung einer Geschichte aktiv beitragen. Gehörtes wird so mit- bzw. weitergedacht und Inhalte werden besser verstanden. Zur Bedeutung des Begriffes für die praktische Arbeit in der politischen Bildung sei auf die beiden Artikel auf pb21 verwiesen (Storytelling in der politischen Bildung Teil I & Teil II).

Foto „Die Dinge zum Sprechen bringen!“ von Anselm M. Sellen unter <a title="Zum Lizenztext" href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/">CC BY 3.0 DE</a>.

Foto „Die Dinge zum Sprechen bringen!“ von Anselm M. Sellen unter CC BY 3.0 DE.

Das Storytelling-Tool Story Cubes

In der Spielewelt ist das Storytelling elementarer Bestandteil vieler Formate. Wenige haben das Storytelling so sehr zum Spielprinzip erhoben wie die „Story Cubes“. Das Spielprinzip ist so einfach wie genial: Es werden neun „Story Cubes“ Würfel (Spielwürfel, die statt einer Augenzahl kleine Bilder zeigen) geworfen und jedes der gewürfelten Bilder soll Bestandteil einer spontan zu erzählenden Geschichte werden. So werden Story Cubes zu einem visuellen Geschichtengenerator der kreative Erzähl- und Gedankenprozesse anregen soll. Die haptische Variante der „Geschichtswürfel“ ist auch als App für den Gebrauch auf mobilen Endgeräten verfügbar. Das Spielprinzip bleibt auch in der App-Version vollständig erhalten. Die „Story Cubes“ App gibt es sowohl für iOS als auch für Android gesteuerte Geräte gibt. Die analoge Variante der Würfel kostet ca. 10 €. Zusätzliche Themensets (Reise, Action, Spurensuche etc.) kann man sowohl für die App als auch für das analoge Würfelspiel hinzukaufen. Statt der „Story Cubes“ können auch Alltagsgegenstände verwendet und digitalisiert werden. Inhalte von Büroschubladen, Handtaschen, Spielzeugkisten usw. können nach demselben Prinzip wie die Storycubes gemischt werden und zum Einsatz kommen (s. Bild „Die Dinge zum Sprechen bringen“).

Story Cubes und Storytelling in der politischen Bildung

Das „Geschichtenerzählen“ kann besonders für solche Seminarformate von großem Interesse sein, die sich mit historisch-politischen Zusammenhängen beschäftigen. Kleingruppen könn(t)en zum Beispiel die Aufgabe bekommen, anhand der neun geworfenen Würfelbilder eine Geschichte zu schreiben, die unter dem großen Thema des Seminars bzw. der jeweiligen Einheit steht. Denkbar wären auch Storytelling-Einheiten im Anschluss an ein Zeitzeugen-Gespräch, als thematische Hinführung nach oder vor einem inhaltlichen Vortrag, als Erwartungsabfrage oder am Tagesende zur kreativen und anonymsierten Tagesevaluation. Der Kreativität sind bei dieser Methode kaum Grenzen gesetzt. Die Geschichten können nach ihrer Fertigstellung im Plenum von den Autoren verlesen werden und als Einstieg in Diskussionen oder Refelxionsphasen dienen. Spannende Prozesse können hier in Gang gesetzt werden. Warum wurde welche Perspektive gewählt, wie wurden inhaltliche Elemente aus den vorausgehenden Seminareinheiten verarbeitet bzw. welches Wissen ist im Hinblick auf kommendes schon vorhanden. Durch geschicktes Wählen der Geschichtsparameter (Genre, Personen, Thema, Zeit, historische Szene etc.) kann eine Storytellingeinheit reichhaltige Ergebnisse zutage fördern.

„Story-Cube-Boards“

Die Story Cubes können auch als niederschwelliges Warm-Up für Medienprojekte dienen.  So können geworfene Würfel als Story-Board Vorlage für Medienworkshops verwendet werden. Der Vorteil: neu zusammengesetzte Gruppen müssen eine Geschichte nicht von Grund auf neu erfinden, sondern können gemeinsam die Würfel zu einer Geschichte zusammensetzen, um dann schnell in die Arbeit mit dem Medien (Film, Comic, Musik etc.) einzusteigen.

Kollaboratives Storytelling: Das Impro-Writing

Das Impro-Writing vereint die beiden (theater-)pädagogischen Ansätze des Impro-Theaters und des szenischen Schreibens. In einem Etherpad treffen sich Teilnehmende – jeder mit einem individuell vorbereiteten Charakter – um gemeinsam eine Szene zu schreiben. Ein „Regisseur“ ist verantwortlich für das „Scene Setting“ – er bestimmt, ob die Szene an der Berliner Mauer, im europäischen Parlament oder im Dresden der Nachkriegsjahre spielt. Innerhalb eines vorher vereinbarten Zeitrahmens können die Teilnehmenden sich nun innerhalb der Szene und gemäß ihrer eigenen Charaktere entfalten bzw. miteinander in den Dialog treten. Das Impro-Writing erfordert Übung und ein wenig Erfahrung im non-formalen Bildungsbereich. In Verbindung mit einer sorgfältig vorbereiteten Debriefing-Phase kann es zu einer intensiven (Lern-) Erfahrung werden.

Storytelling und „Story Cubes“ in interkulturellen Kontexten

Besonders in der interkulturellen politischen Projektarbeit stehen viele Bildner immer wieder vor der Herausforderung Gruppendynamiken in Gang zu setzen bzw. diese Dynamiken in ihrer Entwicklung zu begleiten und positiv zu befördern. In diesen interkulturellen Lernkontexten können Storytelling-Einheiten mit den „Story Cubes“ dabei helfen, das Eis zwischen den Teilnehmenden zu brechen. Die „Story Cubes“ können auch in den sozialen Netzwerken als Anstoß zum kollaborativen Geschichtenerählen zum Einsatz kommen. Immer unter der Voraussetzung das es eine gemeinsame Plattform für Teilnehmende gibt (Facebook-Gruppe, Diaspora, Google-Communities, Foren, Moodle, mixxt usw.). Die „Story Cubes“ könnten hier als Bild gepostet und mit der Aufgabe versehen werden, dass jeder der Teilnehmenden einen Satz zu der entstehenden Geschichte hinzufügen darf.

Zur praktischen Umsetzung

In einer Bildungsveranstaltung mit vielen Teilnehmenden bietet sich die App-Variante natürlich an. Mit Hilfe von Airplay Apps könnte live mit der Gruppe gewürfelt werden (In der App werden die Würfel durch das Schütteln des Smartphones oder Tablets durcheinander geworfen.) Alternativ können auch aus der App heraus Screenshots direkt als Grafikdatei exportiert werden. Diese Bilder können dann im Anschluss an eine Datenübertragung (z.B. via Kabel, Mail, Dropbox etc.) über den Beamer gezeigt werden. Wer die App nicht kaufen möchte, aber die Würfel besitzt, kann die geworfenen Würfel natürlich ebenso schnell mit dem Smartphone „digitalisieren“ und das gemachte Bild an die Wand projezieren – oder eben auf eine selbst gebastelte Variante zurückgreifen.

Einladung zum Erfahrungs- und Gedankenaustausch

Das Storytelling – in Gang gesetzt von digitalen oder analogen Hilfsmitteln – ist ein kreativer Prozess und als solcher wenig begrenzt. Wir würden uns deshalb freuen, wenn Sie von der Kommentarfunktion Gebrauch machen würden, um mit uns und anderen politischen Bildnern in den Austausch zu kommen, Ideen zu vertiefen und Erfahrungen zu teilen.


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Anselm M. Sellen für pb21.de.
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Studienleiter und Mitglied des Leitungsteams im Europa-Haus Marienberg (Seminarleitung, Planung und Organisation) – (internationale) Jugendseminare thinkeurope mit europapolitischem Schwerpunkt. Digitale Medien in Bildungskontexten. Auf Twitter unter @amsellen zu finden und zu verfolgen. Anselm bloggt unter amsellen.com Foto von Anselm Sellen unter CC BY 3.0 DE.

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