Gruppen-Bildung VI: Soziale Netzwerke selber aufsetzen

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eine #pb21-Artikelreihe zum Einsatz von digitalen Gruppen für Klassen, Seminare und Projekte – Teil VI

Für viele Bildungseinrichtungen kommt es prinzipiell nicht in Frage, ihre Kommunikation unter das Dach kommerzieller Dienste wie Facebook oder Google unterzuordnen und damit auch ihre Lernenden an diese Dienste zu binden. Wer seine Kommunikationsstruktur möglichst unabhängig gestalten will, muss eine eigene Umgebung schaffen. Das ist durchaus möglich, wenn auch nicht ganz einfach.

Bei einem Treffen, Seminar oder Workshop ist schnell eine Facebook-Gruppe, ein WhatsApp-Gruppenchat oder eine Google+ Community gegründet, um den Kontakt und Austausch zwischen Teilnehmer/innen zu ermöglichen. Allerdings ist die Datenschutzpolitik  von Unternehmen wie Facebook oder Google seit Jahren stark umstritten. Insofern kann es in manchen Projekten rechtlich schwierig sein, eine Gruppe bei den etablierten Diensten einzurichten. Beispielsweise bei einer Zielgruppe von Kindern unter 13 Jahren, die sich noch nicht bei Facebook anmelden dürfen.

Selbst hosten oder gehosted werden?
Mehr Kontrolle über eigene Angebote hat man, wenn man selbst einen Webserver betreibt und die Software eigenständig installiert. Dafür hat man auch einen höheren Aufwand und muss sich selbst um Sicherheits-Updates kümmern. Wer Aufwand abgibt, gibt damit immer auch Kontrolle ab. Eine Gegenüberstellung von Pro- und Contra-Punkten am Beispiel der Blog-Software WordPress findet sich hier.

Was ist die Alternative, wenn man online trotzdem auf Gruppen-Funktionen zur Vernetzung zurückgreifen möchte? In den letzten Jahren hat sich eine ganze Reihe von Software-Angeboten entwickelt, mit welchem man selbstständig ein Soziales Netzwerk auf einem Webserver installieren kann. Der Vorteil: Man behält selbst die Kontrolle über die Daten der Teilnehmer/innen.
Die verschiedenen Software-Angebote befinden sich jedoch in einem sehr unterschiedlichen Reifegrad im Hinblick auf Konzept, Design, Benutzerfreundlichkeit sowie Funktionsumfang. In diesem Artikel sollen einige Lösungen vergleichend vorgestellt werden.

Friendica

Zu den datenschutzfreundlichen Alternativen gehört Friendica, dessen dezentrales Konzept darauf basiert, dass sich viele kleine Server miteinander verbinden, die von verschiedenen Personen oder Institutionen betreut werden. So soll laut Projektleitung von Friendica die Privatsphäre der Nutzer/innen gewahrt bleiben. Für den Einsatz in einem Projekt wäre also das Aufsetzen einer Friendica-Instanz denkbar.

Ein Funktions-Unterschied zu den herkömmlichen Sozialen Netzwerken: Man kann bei Friendica verschiedene soziale Sphären wie etwa Freundeskreis, Verein oder Arbeit voneinander trennen. Für jede Sphäre lässt sich ein eigenes Profil erstellen und den einzelnen Sphären zuordnen. So kann man Freunden beispielsweise mehr Informationen offenbaren als Arbeitskolleg/innen.

Beiträge können wie bei Facebook gewohnt geteilt werden und mit Fotos, Videos oder Dateien versehen werden. Beiträge anderer können mit einem „like“ und „dislike“ versehen werden sowie mit der “Weitersagen”-Funktion weitergeleitet werden. Über so genannte Connectors kann sich friendica mit anderen Sozialen Netzwerken verbinden, um Status-Updates abzusetzen. Das klappt beispielsweise mit Facebook, Diaspora, Tumblr und Twitter.

Friendica Netzwerk-Ansicht: Beitrag erstellen. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Friendica Netzwerk-Ansicht: Beitrag erstellen. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Eine Gruppen-Funktion existiert bei Friendica bisher nicht. Jede/r Nutzer/in kann seine Kontakte selbstständig den Sphären zuordnen. Die geteilten Beiträge sind dann nur für die entsprechende Sphäre sichtbar.

Um eine Friendica-Instanz als privates Netzwerk nur für einen bestimmten Teilnehmer/innen-Kreis zugänglich zu machen, kann die Registrierung so angepasst werden, dass neue Benutzer/innen durch Administrator/innen freigeschaltet werden müssen.

Man installiert die Software auf einem Apache-Webserver mit PHP 5.2 und MySQL 5.x. Dabei müssen die Aufgaben mit Cron oder Scheduled Tasks automatisiert werden, wobei man sich mit einem kostenlosen Account bei Cronjob.de aushelfen lassen kann. Ein Webhoster kann diese Anforderungen in der Regel erfüllen. Bislang gibt es rund 8000 öffentliche Nutzer. Wer nicht selbst ein Netzwerk hosten möchte, kann sich auch in einer Reihe von öffentlichen Netzwerken anmelden.

Eine deutschsprachige Test-Instanz kann hier ausprobiert werden.

Einschätzung: Die Benutzeroberfläche und Menüführung von Friendica ist für Einsteiger gewöhnungsbedürftig und teilweise unintuitiv. Vor dem Praxis-Einsatz von Friendica sollte deshalb Zeit zum Kennenlernen der Funktionen eingeplant werden. Auch die Dialoge wirken teilweise vom Design her altbacken.

Diaspora

Diaspora: Stream-Übersicht. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Diaspora: Stream-Übersicht. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Diaspora bietet alle wesentlichen Funktionen, die auch Facebook und Google+ bieten. Rund 400.000 Nutzer weist das soziale Netzwerk derzeit aus, wobei die Zahl seit zwei Jahren stagniert. Ein Tutorial und ein Wiki erleichtern den Einstieg. Die Anmeldung für einen Account läuft über verschiedene Server, da Diaspora dezentral organisiert ist. Insofern gibt es auch keine zentrale Website für Diaspora.

Die Server, die untereinander Informationen austauschen, heißen Pods. Eine Liste unter http://podupti.me/ verlinkt alle Pods, die Anmeldungen zulassen. Hier kann man sich einen Server aus Deutschland aussuchen, der sich an die deutsche Datenschutzgesetzgebung halten muss. Nutzer/innen können aber auch auf ihrem Server einen eigenen Pod aufsetzen. Für die meisten Nutzer/innen dürfte die Installation jedoch zu kompliziert sein, da Diaspora Software-Pakete wie Ruby, SQLite3, OpenSSL, libcurl usw. verlangt. Hierfür benötigt man einen speziellen Webspace oder muss einen Virtual- oder Root-Server betreiben.

Die sozialen Sphären trennen Nutzer/innen bei Diaspora nach Gruppen, den so genannten „Aspects“ wie etwa „Familie“ und „Arbeit“. Ihnen können unterschiedliche Kontakte zugeordnet werden. Zentral ist der Stream, in dem die Nutzer/innen Beiträge veröffentlichen. Diese können „geliked“ oder empfohlen werden. Beiträge können außerdem mit Hashtags versehen werden, die abonniert werden können. Auch können private Nachrichten ausgetauscht werden. Auch kann man Nachrichten aus Diaspora heraus an andere Dienste wie Facebook, Twitter und Tumblr posten. Als problematisch gilt, dass sich die technische Weiterentwicklung stark verlangsamt hat, seitdem sich die Hauptentwickler zurückgezogen und die Aufgabe an die Community übergeben haben.

Eine Gruppen-Funktion existiert bei Diaspora ebenfalls nicht. Um eine private Gruppe zu realisieren müssen also alle Teilnehmer/innen eines Projekts sich gegenseitig einer sozialen Sphäre zuordnen, wenn sie Inhalte nur diesen Nutzer/innen zugänglich machen wollen.

Ausprobiert werden kann Diaspora bei Geraspora, dem größten deutschen Diaspora-Pod.

Einschätzung: Die Benutzeroberfläche von Diaspora sieht deutlich schöner und aufgeräumter aus als bei Friendica. Da die Installation umfangreicher ist, sind hier allerdings Systemadministrator/innen-Kenntnisse für die Installation notwendig, wenn man nicht auf öffentliche Pods zurückgreifen möchte.

ELGG

ELGG: Stream-Übersicht auf einer Demo-Instanz. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

ELGG: Stream-Übersicht auf einer Demo-Instanz. Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Mit der Open Source Software ELGG kann ebenfalls ein Soziales Netzwerk aufgesetzt werden. Im Gegensatz zu Diaspora und Friendica ist hier kein dezentrales Konzept vorgesehen. Somit eignet sich ELGG für den Einsatz als geschlossenes Soziales Netzwerk für eine Institution oder ein bestimmtes Projekt. Für die Installation wird ein Webserver mit PHP ab Version 5.2 und MySQL ab Version 5 benötigt.

Kontakte können bei ELGG ebenfalls in sozialen Sphären geordnet werden. Statusmeldungen können jedoch nicht in der Sichtbarkeit für bestimmte Kontakte eingeschränkt werden. ELGG kann aber durch eine Vielzahl von Plugins erweitert und individuell angepasst werden. So kann durch das Groups-Plugin ELGG um eine Gruppen-Funktion erweitert werden. Die Gruppen bieten hierbei die Möglichkeit Fotos und Dateien auszutauschen sowie Textdokumente zu bearbeiten und einen Gruppen-Blog einzurichten.

Eine Test-Instanz mit Gruppen-Plugin kann hier ausprobiert werden.

Einschätzung: Das Design von ELGG wirkt modern und die Benutzerführung ist aufgeräumt. Durch das Gruppen-Plugin muss sich ELGG im Funktionsumfang nicht vor Facebook oder Google+ verstecken. Eine detaillierte Auflistung der Funktionen findet sich in der Vergleichstabelle.

Weitere Ansätze

Und was ist mit mixxt?
Die Community-Plattform Mixxt wird gerade im Bildungsbereich in Deutschland von vielen Projekten genutzt. Die Entwickler haben 2014 angekündigt, dass die Software nicht weiterentwickelt, aber ein Nachfolger namens Tixxt veröffentlicht werden wird. Details standen zum Redaktionsschluss noch nicht fest.

Es gibt noch zahlreiche weitere Ansätze, die unterschiedlich stark weiterentwickelt wurden. Einige Aufmerksamkeit erhielt beispielsweise Crabgrass, eine Tool-Sammlung für Online-Aktivisten, die mit der Überwachung ihrer Kommunikation rechnen müssen. So sollen Mailinglisten und Wikis sicherer gemacht werden. Die Entwicklung stagniert jedoch seit Ende 2011.

Etliche Projekte stützen sich zudem auf das Jabber-Protokoll XMPP, auf das viele Instant Messengern setzen. So nutzen etwa Onesocialweb, BuddyCloud, Jappix oder Movim die Funktionen, die XMPP mitbringt wie etwa das Profil, eine individuelle Freundeliste oder die Möglichkeit, Meldungen an andere Kontakte zu senden.

Insgesamt handelt es sich bei den Projekten für Soziale Netzwerke um eine relativ neue Entwicklung. Etliche Projekte, die vor zwei, drei Jahren an den Start gingen, sind allerdings gar nicht mehr aktiv oder wieder bereits offline. Gleichwohl gibt es bereits eine kleine Auswahl von stabil arbeitenden Projekten, die man für ein eigenes Soziales Netzwerk nutzen kann.

Fazit

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Gruppen-Bildung – Facebook-Gruppen, WhatsApp und Co. zum Lernen nutzen!Eine #pb21-Artikelreihe zum Einsatz von digitalen Gruppen für Klassen, Seminare und Projekte: » Überblick

Soll in einem Projekt die Kontrolle über die persönlichen Daten und geteilten Inhalte der Nutzer/innen behalten werden, so bietet sich das Aufsetzen eines eigenen Netzwerks mit den hier vorgestellten Software-Produkten an. Hierbei sollten jedoch zwei wichtige Punkte beachtet werden:

  1. Wie schon in erstem Teil der Artikelreihe angesprochen, besteht bei dem Einsatz von Plattformen, die für Teilnehmer/innen unbekannt sind, die Gefahr der Vernachlässigung. So greifen Teilnehmer/innen eventuell doch auf – für sie bewährte – Kommunikationsstrukturen zurück und bauen eine parallele Gruppe auf.
  2. Der Eigenbetrieb eines Sozialen Netzwerks auf einem eigenen Webspace oder Server kommt mit einer großen Verantwortung daher: Für das Einspielen von sicherheitskritischen Updates und der Wartung der Plattform ist man nun selber zuständig. Im schlimmsten Fall können hier ebenfalls Inhalte und persönliche Daten durch einen Hacker-Angriff entwendet werden. In diesem Kontext sollten auch die Teilnehmer/innen sensibilisiert werden, um sich nicht in totaler Sicherheit auf der Plattform zu wiegen.

Werden diese Punkte beachtet, so steht dem eigenen Sozialen Netzwerk nichts mehr im Weg.


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Matthias Andrasch studiert derzeit "Medienbildung - Audiovisuelle Kultur und Kommunikation" in Magdeburg. Er greift hierbei auf seine Erfahrung als ausgelernter Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung zurück.

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