Bildung von oben: Der techno-pädagogische Komplex

Google Auto auf der Teststrecke (2011) – Foto von <a title="zum Fundort auf Flickr" href="Google Auto auf der Teststrecke">Steve Jurvetson / Flickr</a> unter <a title="Details zur Lizenz" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/">CC BY SA 2.0</a>.

Google Auto auf der Teststrecke (2011). Foto von Steve Jurvetson / Flickr unter CC BY SA 2.0.

Lernen im digitalen Klimawandel – Teil III

Jede Alltags-Technologie hat die Seite, dass etwas  „von oben“ eingerichtet wird, von Ingenieuren und Spezialisten, um es dann der Masse der  „Anwender“ und  „Nutzer“ in die Hand zu geben. Das gilt für Elektrizität, für Fernsehen/Radio/Print und für Computer. Es gilt auch für Autos und Individualverkehr: Zwar sitzt man da selbst am Steuer, aber in einer autogerecht umgebauten Lebenswelt, als Teil von geplanten und gesteuerten Verkehrsströmen. Die technische Zivilisation hat immer zwei Seiten: Steuerung von oben, Ermächtigung von unten. Das gehört zusammen. Inwiefern ist nun „Bildung“ auch eine solche Alltags-Technologie? Und was passiert, wenn der Bildungsapparat sich digitalisiert und vernetzt?

Edtech Unlimited

„Ich glaubte, [das Internet] sei das perfekte Medium der Demokratie, der Emanzipation, der Selbstbefreiung”, schrieb der Netz-Erklärer Sascha Lobo vor einigen Monaten in der FAZ. Er hätte auch hinzufügen können: der Bildung. Tatsächlich gab es ja von Anfang an die Idee, dass die digitalen Netz-Technologien die Bildung revolutionieren würden: von unten, also ohne ein übermächtiges System, das Zugangsberechtigungen und damit Lebenschancen zuteilt.

„Die Bildung und das Netz – Lernen im digitalen Klimawandel“
eine Artikelreihe von Martin Lindner

„Die Bildung und das Netz – Lernen im digitalen Klimawandel“ von Jöran Muuß-Merholz und Melanie Kolkmann unter CC BY 3.0.
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Und es ist ja auch faszinierend. Bis jetzt war ja ein riesiger, komplizierter Bildungsapparat nötig, um Lernende mit allen Ressourcen zu versorgen: eine umfassende Bibliothek, Zugang zum letzten Stand des Wissens der Fachexperten, die Vernetzung mit Fach-Communities und Gleichgesinnten, die Möglichkeit zur eigenen Publikation, um aktiv an diesem Austausch teilzunehmen. Jetzt leistet das alles (und noch mehr) ein kleines Gerät mit Netzzugang.

Und dann die Enttäuschung. „Der Spähskandal und der Kontrollwahn der Konzerne haben alles geändert. Das Internet ist kaputt,” sagt Lobo, und er meint damit die Totalüberwachung durch die NSA und die Totalverdatung durch Facebook, Google und andere Netz-Plattformen. Die euphorische, leicht chaotische Selbermacher-Zeit der Mailinglisten, Wikis und Blogs ist vorbei. Das Netz ist kein Niemandsland mehr. Das Imperium schlägt zurück.

Die Lebenslüge des Internet, die Lobo so schmerzhaft offenlegt, betrifft genauso die Visionen von vernetzter Bildung. Für NSA und BND ist das vielleicht weniger interessant, aber es gibt große Bildungsorganisationen, die hier „Big Data” sammeln, verknüpfen und auswerten wollen. In einer Zeit, in der sonst kaum mehr etwas wächst, gilt nämlich Bildung als ein Wachstumsmarkt der Zukunft. Dieses große Kapitalspiel braucht einen möglichst weltweiten, homogenen Raum, und eben den hat die Netz-Digitalisierung inzwischen hergestellt. Google, Microsoft und Apple beschränken sich längst nicht mehr auf nur Suche, Office und elegante weiße Geräte. In der Netz-Ära wachsen Hardware, Software, Daten zusammen, auch und gerade auf dem Bildungssektor. Wir sollten sehr genau hinschauen, inwiefern das TTIP-Freihandelsabkommen mehr oder weniger versteckt auch Bildung einschließt.

Das alles betrifft auch die Inhalte. Zu den wichtigsten Edtech-Akteuren zählen Giganten wie Pearson und Bertelsmann. Bislang waren das (riesenhafte) Verlagsunternehmen. Jetzt sehen sie ihr Geschäft in allem, was an der Interaktion der „Kunden” und „Nutzer” mit standardisiertem „Content” hängt: Datenauswertung und Messung bis hinunter zum einzelnen Paragraph, bis zu jeder Minute jedes Lehrvideos. Diese Bildungskonzerne verbünden sich gerade mit Unis und Akademien aller Art, die sich selbst seit der Wende zum New Public Management immer mehr als neoliberale „Bildungsunternehmen” begreifen. So entsteht ein mächtiger techno-pädagogischer Komplex: Edtech Unlimited.

Personalisierung durch Massifizierung

Wenn es jemand gibt, der diese Edtech-Bildung von oben in Deutschland symbolisiert, dann ist es Bertelsmann. Die Mutterfirma investiert gerade in Bildung als „die dritte Säule des Geschäfts” und sieht „exzellente Möglichkeiten für private Anbieter, insbesondere im sehr schnell wachsenden Markt für innovative digitale Bildung”. Währenddessen ist die Bertelsmann Stiftung seit 20 Jahren sehr erfolgreich mit ihrem Konzept der „entfesselten Hochschule” für das Globalisierungs-Zeitalter. Und das sollte von Anfang an auch eine „virtuelle Alma Mater” sein (vgl. das neue Programm „Digitalisierung der Bildung”) – nicht zuletzt deshalb, weil Bildung für Eliten und zugleich für alle mit dem alten, umständlichen System schlicht nicht mehr finanzierbar ist.

Manager brauchen Zahlen. Nur was sich messen lässt, lässt sich managen. Also müssen alle Bildungsverläufe irgendwie in Daten übersetzt werden, die man dann wieder in Euro und Cent bewertet. Das ist die administrative Seite des Edtech-Kapitalismus. Das passt großartig zu einem Internet, das inzwischen immer mehr und immer feinere Daten liefert. Während früher die e-Learning-Kurse nur sehr grob feststellen konnten, dass schematische Aufgaben gelöst wurde, am liebsten als Multiple Choice, erfasst der neueste e-Learning-Standard, die Tin Can API (auch SCORM 2.0), alle Nutzeraktivitäten, und zwar nicht nur innerhalb eines „Kurses”, sondern potenziell im ganzen Netz, einschließlich Blogs, Videos und Social Media.

Das mündet notwendig in die didaktische Allmachtsphantasie, die seit den 1950er Jahren mit Computern und „künstlicher Intelligenz” verknüpft ist: Wenn man künftig alle Lerneraktivitäten verfolgen und aufzeichnen kann, dann muss man doch für alle Irrenden jederzeit den richtigen Pfad anbieten können. Und mehr noch: Die freundliche Netz-Intelligenz richtet es so ein, dass die Pfade sich jederzeit magisch den Bedürfnissen der Lerner anpassen! Adaptive Learning ist das vollmundige Versprechen von kleinen deutschen Startups wie Bettermarks und großen Silicon Valley-Hoffnungsträgern wie Knewton. Auch die Massenkurse im Netz, die MOOCs, wollen darauf hinaus.

„Personalisierung durch Massifizierung”, sagt Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung und einflussreicher Geschäftsführer des Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Gemeint ist: Je mehr Daten, desto mehr individuelle Abstimmung auf die einzelne Person. Genau das ist ja auch die Idee hinter den Facebook-Algorithmen: Weil es auch die kleinsten Regungen aufzeichnet und mit Big Data abgleicht, erkennt das System deine Konsumwünsche, bevor du selbst sie ausdrücken kannst. Und für NSA und BND heißt das: Ich werde durch meine Verhaltensmuster als potenzieller Terrorist erkennbar, bevor ich je an Terror gedacht habe. Jetzt muss man nur noch „Neigung zum Terror” durch „Begabung” ersetzten, dann hat man die Bildungsvision, auf die derzeit im Silicon Valley die Risikokapitalgeber Hunderte Millionen Dollar setzen

Bildung und Technik: Es ist kompliziert

Das Feindbild scheint also klar: Auf der einen Seite steht alles, was das freie, gebildete Individuum fördert. Die Gute Alte Bildung, Codewort Humboldt. Und auf der anderen Seite staatliche Kontrolle, SAP-Management und Internet-Kapitalismus. Google, Big Data und Künstliche Intelligenz. Ministerien, Hochschulrektorenkonferenz und Bertelsmann. Aber ganz so einfach ist es eben auch wieder nicht. Die Maschine, der Apparat und die Verdatung unterjochen den Menschen nicht nur, sie befreien ihn auch.

Seit Bildung „Bildung” heißt, also seit dem Aufklärungszeitalter, gibt es ein Bildungssystem. Und das ist gut so: Niemand bildet sich einfach so, auf eigene Faust, weil die Begabung sich Bahn bricht. Für alle, die nicht von vornherein privilegiert sind, braucht es einen Apparat. Das öffentliche Schulsystem entwickelte sich nicht zufällig zusammen mit dem bürokratischen Apparat, und für beide gilt Max Webers Erkenntnis, dass die ständig beklagten Nachteile nicht von den Vorteilen zu trennen sind: Formalisiert, neutral, rationalisiert. Wissen, das gedruckt vorliegt, in Bibliotheken, die nicht privat sind. Gleiche Aufgaben für alle. Anonyme Bewertung mit Noten, nicht persönliche Empfehlungsschreiben. Ein Klassenzimmer, in dem nicht der Stand die Sitzordnung diktiert.

Sogar die schematischen PISA-Tests, die ohne Digitalisierung undenkbar wären, haben zwei Seiten. Einerseits verschärfen sie das pseudoeffiziente „Teaching to the Test”, andererseits machen sie aber die versteckten Filtermechanismen erst sichtbar, mit denen bis heute unser bürgerliches Gesellschaftsssystem für die naturgegebene Oben/Unten-Ordnung sorgt. Auch die umfassende Verdatung hat solche Effekte: Vor dem Algorithmus sind alle gleich. Heute verfügt fast jede/r daheim über dieselbe Technologie wie der Chef eines Milliardenkonzerns.

Und so kommt es, dass bei näherem Hinsehen die Fronten kreuz und quer verlaufen: Haifisch-Kapitalisten aus dem Silicon Valley kritisieren das verkalkte Bildungssystem. Wertkonservative wettern nicht zu Unrecht gegen die Verdatung und Monetarisierung. Einige emanzipatorische Bildungs-Pioniere versuchen, Denkfiguren der Neoliberalen umzufunktionieren. Andere verbünden sich gegen die digitale Technokratie mit reformverweigernden Professoren, die sich um ihre Privilegien sorgen. Universitätsrektoren im Managerwahn umarmen das Internet und schwärmen von „Humboldt 2.0”. Digitale Avantgardisten schreiben Manifeste über den Untergang des Abendlands in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Und alle haben irgendwie Recht.

Indieweb

Es ist verwirrend, aber so ist das eben, wenn eine Epoche zerbricht und die neue Epoche sich noch nicht ausgeformt hat. Die alten ideologischen Muster, mit denen wir uns die Welt erklärt haben, passen nicht mehr. Für die, die am Ideal von Bildung als Emanzipation festhalten, gibt es eigentlich nur einen verlässlichen Test, wenn man wissen will, ob eine Person oder Institution auf der richtigen Seite steht: „Wie hältst du’s mit dem Web?“

Das World Wide Web ist ein verselbständigter Teil des Internet: Alles, was man einzeln mit dem Browser aufrufen kann und was Links hat. Die Nutzeroberfläche für Normalmenschen, die besondere Form der digitalen Vernetzung, die dem Wesen von Bildung am besten entspricht. Das Web läuft mit normaler Sprache und visuellen Metaphern. Es gibt keine besonderen technischen und finanziellen Hürden. Im Prinzip kann jede/r lernen, es zu benutzen. Alles ist für alle offen erreichbar. Alles ist mit allem vernetzt. Alle können sich nehmen, was sie für sich selbst brauchen, und alle können jederzeit etwas hinzuzufügen, mit einfacher, kostenloser Standard-Software.

Pearson, Knewton, Google und die NSA wollen das nicht unbedingt verhindern. Sie wollen vor allem aus diesem Stoff ihre Big Data-Zaubertränke brauen. Man darf nicht alles glauben, was sie anderen und sich selbst über deren Magie erzählen, da ist sehr viel Bullshit dabei, aber ob es nun funktioniert oder nicht: Unsere Daten werden tatsächlich gesammelt. Und es ist wahr, dass Kontrollwahn plus Allmachtsphantasien eine große Gefahr sind, auch und gerade für Bildung im digitalen Zeitalter. Gerade formt sich deshalb eine Indieweb-Gegenbewegung aus amerikanischen Software-Entwicklern und Geisteswissenschaftlern, Netz-Enthusiasten und Veteranen des „e-Learning 2.0”.

Sascha Lobo hat schon Recht: In vieler Hinsicht ist das Internet wirklich kaputt. Das entwertet aber nicht die vielen realen Emanzipationserfahrungen, die das Web weiterhin unzähligen Einzelnen eröffnet, jeden Tag. Das Netz ist die neueste und vielleicht tiefgehendste Erscheinungsform des Widerspruchs, der seit 250 Jahren die Techno-Moderne vorantreibt. Noch gibt es ein richtiges Leben im falschen. Venceremos!


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Maertin Lindner berät Organisationen und Unternehmen dabei, wie sie Wissens- und Lernprozesse mit den Mitteln des Web neu gestalten können. Autor, Blogger, Speaker.

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