Ist der Beutelsbacher Konsens noch zu retten?

Foto von Adam Tinworth unter CC BY ND 2.0.

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Digitale Werkzeuge zur Partizipation – Teil III

Zum Abschluss der dreiteiligen Reihe zu Partizipationssystemen möchten wir auf pb21 mit Ihnen über aktionsorientierte politische Bildung diskutieren. Sie lässt sich nur schwer mit dem Beutelsbacher Konsens vereinbaren, so unser Autor Guido Brombach. Wie soll politische Bildung mit dem Widerspruch umgehen? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare.

In der Zeitschrift „Außerschulische Bildung. Materialien zur politischen Jugend- und Erwachsenenbildung“, Heft 2-2011, wird die aktionsorientierte politische Bildung im Zusammenhang mit dem Beutelsbacher Konsens diskutiert. Zwar liegt der Schwerpunkt des Beitrags auf neuen Lernformaten und dem Lernen mit digitalen Medien. Doch der damit verbundene schwer aufzulösende Widerspruch zwischen Beutelsbach und praktischen Partizipationserfahrungen wird nicht diskutiert. An dieser Stelle möchten wir ansetzen.

Die allgemein offene politische Bildung, die zumeist von den Landeszentralen oder der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert wird, unterliegt dem Beutelsbacher Konsens. Der Beutelsbacher Konsens ist eine Vereinbarung politischer Bildner_innen aus den 70-er Jahren. In drei Sätzen wird für die politische Bildung ein Überwältigungverbot, ein Kontroversitätsgebot und Partizipationsbefähigung gefordert.

Das Überwältigungsverbot sichert die Pluralität der politischen Strömungen. Das Kontroversitätsgebot schafft die Grundlage für die Abwägung unterschiedlicher Positionen: „Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers diskutiert werden“. Im dritten Satz wird gefordert, dass politische Bildung die Befähigung zur Partizipation fördern soll. Praktische Erfahrungen der Partizipation werden nicht erwähnt.

Der Leitfaden aus den 70ern war vor allem für die schulische politische Bildung formuliert worden. Aber auch die außerschulische Bildung hat die Leitsätze für ihre Arbeit anerkannt.

Digitale Medien sind Partizipationsmaschinen

Laut Beutelsbacher Konsens soll politische Bildung den politischen Willensbildungsprozess vorbereiten. Diese Zielsetzung schließt „in sehr starkem Maße die Betonung operationaler Fähigkeiten ein“. Gleichzeitig darf politische Bildung aber selbst nicht zu einer Entscheidung für eine konkrete Handlungsoption beitragen. Aber wie sollen die nötigen Kompetenzen vermittelt werden, wenn sie nicht auch praktisch angewandt werden können?

Benedikt Widmaier schreibt dazu in der oben zitierten Veröffentlichung (Link): „Dass entsprechende praxisorientierte Trainingskonzepte in der Politischen Bildung kaum existieren, hat eben auch mit der Schere ‘Beutelsbacher Konsens’ in den Köpfen der politischen Bildner/-innen zu tun.“

In der prä-digitalen Zeit dienten das Planspiel und die Simulation als handlungsorientierte Methoden bei der Vermittlung von Partizipationskompetenz. Widmaier zitiert eine Studie von Biedermann, der zufolge „partizipativem Erleben in alltäglichen Lebenswelten […] in keiner Weise eine direkte Hinführung zum Politischen zugesprochen werden kann.“ D.h. politische Partizipation schlummert weniger im Facebook-Like-Button, sondern setzt ein Interesse am Politischen selbst voraus. Die Frage ist, ob in Zeiten digital gestützter politischer Teilhabe und deren Einzug in die Seminare der politischen Bildung am Beutelsbacher Konsens in aller Konsequenz festgehalten werden kann.

Der Einsatz des Internets in den Seminaren beschränkt sich längst nicht mehr darauf, Quellen für den Meinungsbildungsprozess zu recherchieren. Das Netz ist vielmehr gleichzeitig Medium der Artikulation politischer Interessen. Das heißt, die Auseinandersetzung mit den Inhalten ist in vielen Fällen mit einer Positionierung des Lesenden verbunden. Der Einsatz der hier im Blog thematisierten Werkzeuge geht geradezu davon aus, dass im Social Web bzw. „Web 2.0“ eine Trennung in Rezipieren und Handeln oft gar nicht mehr möglich ist – und wenn doch, dann sind die Handlungsoptionen nur einen Klick entfernt.

Ist politisches Handeln im Seminar denn wirklich Teufelszeug?

Gehen wir davon aus, dass der politische Sachverhalt von allen Seiten beleuchtet wird, gehen wir weiter davon aus, dass die Teilnehmenden die unterschiedlichen Positionen diskutieren und dabei abwägen, sich vielleicht sogar positionieren. Kann man dann Partizipationskompetenz vermitteln ohne zu operationalisieren? Kann man das Politische ohne den öffentlichen Raum, in dem es sich manifestiert, überhaupt vermitteln?

Die Integration der Partizipation in die politische Bildungsarbeit setzt voraus, dass auch politische Einflussnahme seitens der Teilnehmenden in das Seminar integriert wird. Diese Handlungsorientierung kann auch dazu beitragen, die in Seminaren häufig verbreitete postmodernen Beliebigkeit zu benden, d.h. Diskussionsbeiträge wie: „Das muss doch jeder selber wissen“. Die politische Handlung vollzieht sich öffentlich im Seminar. Für den Diskurs und den damit verbundenen Meinungsbildungsprozess ergibt sich die Pflicht, Verantwortung für die eigene Entscheidung zu übernehmen.

Als Beispiel soll das Petitionswerkzeug des Bundestags angeführt werden. Es bleibt natürlich jedem Teilnehmenden im Seminar überlassen, eine Petition mitzuzeichnen oder nicht. Es zeitigt aber direkte Auswirkungen für den gesellschaftlichen Diskurs. Alle, die eine Petition mitzeichnen, sind anschließend öffentlich über die Webseite des Bundestags einsehbar. Im Gegensatz zur geheimen Wahl steht also hier der Name öffentlich für eine politische Positionierung, und diese ist als solche auch im Seminar diskutierbar. Durch die konkrete Partizipation wird auch die Enthaltung als eine politische Meinungsäußerung artikuliert. Aus dem „das muss ja jeder selber wissen“ ist politisches Handeln geworden und nicht bloß graue, im Seminar diskutierte Theorie.

Die oben skizzierte Argumentation wirft Fragen auf. Zum Beispiel: Wo sind die Grenzen der konkreter politischer Handlungen im Rahmen einer Bildungsveranstaltung? Insbesondere wenn sie durch Steuermittel gefördert wird?

Der Besuch einer Demo wäre als Teil einer öffentlich geförderten politischen Bildungsveranstaltung undenkbar, weil sie dem Überwältigungsverbot und dem Kontroversitätsgebot widerspricht. Hier werden die Teilnehmenden als Teil der Veranstaltung zu einer politischen Positionierung gezwungen.

Sich im Seminar als Fan einer Partei auf Facebook zu bekennen wäre dagegen sicherlich unproblematisch – oder? Wie sieht es bei der Unterstützung einer Online-Petition beim Deutschen Bundestag aus? Sicherlich käme es auf die Rahmenbedingungen an. Welche Formen des politischen Handelns sind ihrer Meinung nach bedenkenlos in ein Seminar der politischen Bildung integrierbar?


In der Reihe „Digitale Werkzeuge zur Partizipation“ erschien als Teil I der Artikel „Bürgerbeteiligung im Online-Zeitalter“ und als Teil II „Demokratie lernen mit Liquid Feedback“.


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Guido Brombach für pb21.de.
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Guido Brombach arbeitet als Bildungsreferent für das DGB Bildungswerk. Dort ist er verantwortlich für den Bereich Digitale Kommunikation, Lernen und Medien. Er bemüht sich um die Harmonisierung zwischen der analogen und der digitalen Welt.

Kategorien: Artikel, Bildung im digitalen Wandel, Partizipation Schlagworte: , ,