Gegen Monokulturen, für mehr Vielfalt im Netz

Aktivistin Rena Tangens. Foto von Veit Mette, nicht unter freier Lizenz.

Aktivistin Rena Tangens. Foto von Veit Mette, nicht unter freier Lizenz.

Auf der Suche nach Alternativen zu Facebook

Es vergeht kaum ein Tag, an dem Google, Facebook oder Twitter nicht beunruhigende Nachrichten produzieren. Nicht in dem Sinne, dass sie etwa für Machthaber in autokratischen Ländern ungemütlich werden würden, sondern indem sie ihre Nutzer mit Änderungen von Geschäftsbedingungen, Layout oder dem Einrichten von Filtern gängeln. Netzaktivisten wollen nun ein dezentrales, freies soziales Netzwerk aufbauen und damit eine unabhängige Alternative bieten. pb21 sprach mit Rena Tangens vom Bielefelder Datenschutzverein FoeBud und anderen Aktivisten.

Facebook etwa führt ein neues Layout-Format namens Timeline für alle Nutzer ein, das sämtliche Nachrichten und Postings auf einer übersichtlichen Zeitleiste anordnet. Längst vergessen geglaubte Peinlichkeiten können damit wieder für unerwünschte Aufmerksamkeit sorgen. Google wiederum fasst rund 70 Datenschutzerklärungen in 10 zusammen, um Nutzerdaten aus rund 60 Diensten in einem einzigen Nutzerprofil zusammenführen zu können. Die Nutzer müssen zustimmen, oder sie verlieren den Zugriff auf ihr Konto. Twitter wiederum will in einigen Ländern bestimmte Tweets zensieren, da es eben in verschiedenen Ländern unterschiedliche Auffassungen von der Meinungsfreiheit gäbe. Die Argumentation: Würden wir uns in diesen Ländern nicht anpassen, könnten wir dort unseren Dienst nicht anbieten.

Angesichts dieser ständig wachsenden Irritationen kamen Ende 2011 einige Datenschutz- und Netzaktivisten auf die Idee, ein Soziales Netzwerk zu entwickeln, das den Nutzern wieder mehr Selbstbestimmung und mehr Freiheit zurückgibt. Unter dem Titel „Social Swarm“ haben sich nun Netzaktivisten, Programmierer und Entwickler zusammengefunden, die gemeinsam eine Lösung erarbeiten wollen. Sie koordinieren ihre Arbeit über ein Wiki und mehrere Mailinglisten.

Rena Tangens vom Bielefelder Datenschutzverein FoeBud hat die Gründung von „Social Swarm“ mit angestoßen. Ihr Ziel: Nutzer sollen unabhängiger werden von den oftmals willkürlich erscheinenden Entscheidungen von Internetkonzernen wie Facebook und Google. Tangens: „Wir wollen die Vielfalt im Netz erhalten, da die gegenwärtige Monokultur eine große Gefahr für das Netz, für die Demokratie und für eine offene Gesellschaft ist.“ Die Idee ist, ein soziales Netzwerk zu entwickeln, in dem Nutzer komplett über ihr Daten verfügen und in dem sie vertraulich kommunizieren können. Viele Aktivisten sollen im „sozialen Schwarm“ eine bessere Alternative finden als es eine zentral gesteuerte Entwicklung könnte.

Wie der künftige Dienst aussehen könnte, zeigt sich zurzeit an dem Projekt SecuShare, das die Übermittlung von digitalen Daten sicherer machen will. Mit verschiedenen symmetrischen und asymmetrischen Krypto-Protokollen sollen die Daten so von Nutzer zu Nutzer übertragen werden, dass kein Betreiber weiß, über was sich die Nutzer austauschen. Eine Art Vorratsdatenspeicherung, wie sie Facebook derzeit noch betreibt, soll auf diese ausgeschlossen werden. Bei Facebook können Nutzer nämlich einmal übermittelte Daten nicht mehr löschen, sondern deren Anzeige lediglich unterdrücken.

Entwickler Carlo v. Loesch, ebenfalls einer der Initiatoren von „Social Swarm“, will die Verschlüsselung derart lückenlos gestalten, dass Nachrichten „weder für Gateways, noch für Server einsehbar sind“. Dabei soll nicht nur die Kommunikation über Internetrechnern, sondern auch über Mobiltelefone sicherer werden. SecuShare ist nur eine mögliche Lösung, denn es gibt auch andere Projekte wie etwa RetroShare, die ebenfalls die Kommunikation zwischen zwei, ja sogar zwischen mehreren Partnern verschlüsseln, um jegliche Überwachungs- und Zensurversuche zu unterlaufen.

Eine andere Idee, die etwa Rena Tangens verfolgt, besteht darin, eine verteilte Kommunikation auf Basis verschiedener existierender sozialer Netzwerke zu unterstützen. Sie erklärt das so: „Wenn man sich beispielsweise bei Identica einloggt, soll man über offene Schnittstellen mit denjenigen kommunizieren können, die sich bei Diaspora angemeldet haben.“

Weil der Quellcode der Software für den Microbloggingdienst Identica und das soziale Netzwerk Diaspora offen liegen, können deren offene Kommunikationsschnittstellen von anderen Software-Projekten genutzt werden. Auch die Software, die von den Social-Swarm-Programmierern erstellt wird, soll einmal Open-Source-Software sein.

Der Gedanke der dezentralen Nutzung, die keinen zentralen Betreiber mehr kennt, bestehe jedoch darin, so v. Loesch, dass die Nutzerdaten auf noch sehr viel mehr Servern gespeichert werden müssen. Zwar sollen sie verschlüsselt werden, doch je mehr Dienste genutzt und aufgesetzt werden, desto unsicherer könne das System auch werden.

Aber auch dieses Problem könnte mit Hilfe der „Schwarmintelligenz“ gelöst werden. Letztlich geht es darum, so erklärt Rena Tangens, dass „mit dem Wissen und Können vieler Leute etwas geschaffen wird, was Vielfalt hat, was die Ideen von vielen beherbergt. Über eine dezentrale Datenhaltung soll das Netz wieder in Nutzerhand gestellt werden.“


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freie IT- und Medienjournalistin. Ihre Berichterstattung befasst sich mit dem Leben in der Informationsgesellschaft und all seinen Chancen und Schwierigkeiten. Sie bloggt in ihrem Gruppenblog KoopTech über das revolutionäre Potential kooperativer Technologien bzw. von Social Media sowie über Whistleblowing, Leaking, Presse- und Meinungsfreiheit und andere Themen der deliberative Demokratie auf ihrer privaten Website. (Foto: H. Lohmeyer / Jokers)

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