PB013: „Medienverbot“ in der Schule?

eine Diskussion an der Theodor-Storm-Schule Husum

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Die Mauer muss weg!“, skandierten einige Hundert Schüler an der Theodor-Storm-Schule in Husum bei einem Protest in ihrer Pausenhalle. „Freiheit statt Angst!“ und „Medienverbote gehören verboten!“ war auf Plakaten zu lesen. Was war passiert? An dem Husumer Gymnasium ist den Schülern die Nutzung digitaler Medien weitgehend untersagt. Keine mp3-Player, kein Handy und Smartphone, kein Laptop darf außerhalb einer dafür eingerichteten „Medienzone“ genutzt werden. Die Schüler gingen dagegen auf die Barrikaden. Nach Flashmobs und Demonstrationen interessierte sich nicht nur die regionale Presse für das „Medienverbot“. Auch der Chaos Computer Club schaltete sich in Form eines offenen Briefs an Ministerin für Bildung und Wissenschaft des Landes Schleswig-Holsteins ein.

pb21.de hat die Betroffenen zu einer Diskussion an einen (runden) Tisch eingeladen und das Gespräch aufgezeichnet. Es diskutieren: Brigitte Bluhme (Elternvertreterin), Sibylle Karschin (Schulleitung), Michel Schröder (Schülervertretung). Die Fragen für pb21.de stellte Jöran Muuß-Merholz.

Unten finden Sie einen Kommentar von Jöran Muuß-Merholz und eine Fotogalerie von den Protestaktionen der Schüler. Außerdem bitten wir um Ihre Meinung (als Kommentar): Wie soll mit digitalen Medien in Schülerhand umgegangen werden?

Kommentar

An und für sich seien die ganzen neuen Medien ja gar nicht so schlimm, so klingt es bei Schulleitung und Elternvertreterin manchmal durch. Aber reicht es nicht, wenn sie am Nachmittag, außerhalb der Schule zum Einsatz kommen? Könnte die Schule nicht einfach so bleiben wie bisher, ein Ort der direkten Kommunikation?

Jeder der in letzter Zeit auf einem Pausenhof (ohne Medienverbot) unterwegs war, wird sofort verstehen, was die Schulleiterin meint, wenn sie „bewahren und schützen“ möchte. Smartphone und Co. fressen Aufmerksamkeit und bedeuten Kontrollverlust für die etablierten Routinen von Schule. Auch Cyber-Bullying und unkontrollierte Fotoverbreitung sind ernsthafte Probleme.

Doch beim Aussperren und Verbieten bleibt die zentrale Frage ohne Antwort: Wann wo und mit wem lernen die Schüler denn dann den souveränen Umgang mit diesen Medien? Im Gespräch wird es angedeutet: Die Schule endet am Nachmittag – DANACH darf jeder selbstbestimmt mit dem Gerät machen, was er will. Gleichzeitig klagt die Schulleitung selber, dass auch viele Erwachsene nicht die notwendigen Kompetenzen für einen souveränen Umgang mit digitalen Medien haben – woher auch?

Sicher ist: die neuen Technologien werden nicht wieder weggehen. Sie werden sogar noch kleiner und allgegenwärtiger werden, noch „unsichtbarer“ und unkontrollierbarer. Die Schule hat also nur die Wahl, ob sie die Schüler beim Umgang damit kompetent begleitet und unterstützt oder ob sie ihre Medienkompetenz auf sich alleine gestellt mittels Versuch und Irrtum entwickeln. (Übrigens: Die Lehrer an der Schule dürfen, auch im Unterricht, genau die Geräte nutzen, die den Schülern verboten sind.)

Die heftigen Diskussionen in Husum sind gleichzeitig Anlass zur Hoffnung. Die Schule hat Probleme im Umgang mit Medien – aber sie hat sicher keine Probleme in Sachen Streitkultur, Mitgestaltung und Dialog. Das ist die große Chance für die Tausenden von Bildungseinrichtungen (nicht nur Schulen), in denen 2013 über Mediennutzung und Medienverbote gestritten wird. Es gibt in vielen Fragen keinen Wissensvorsprung der Pädagogen gegenüber ihren Schülern; es gibt keine „richtigen“ Antworten, die nur noch umgesetzt werden müssen. Angesichts des digitalen Wandels braucht es Dialog und Verständigung über gemeinsame Werte, braucht es Streit, gemeinsames Aushandeln, Kompromisse. Die Situtation ist wie geschaffen für die politische Bildung!

Während die Schule auf ihrer Website keine Informationen zum Thema anbietet, haben die Schülervertreter eine umfangreiche Website mit Positionspapieren, Presseberichten und mehr zusammengestellt.

Argumente, Einfallsreichtum und Materialien der Schüler zeugen von allem, was moderner politischer Bildung wichtig ist. Unter Nutzung ihrer Medien (Website, Twitter, Facebook und schuelerVZ), aufbauend auf Sachargumenten, Kreativität und Engagement bringen die Schüler sich ein, wollen die sie betreffenden Dinge mit gestalten, an ihrer (Schul-)Öffentlichkeit nach ihren Vorstellungen teilhaben. Sitzt man mit Schulleitung und Elternvertretung am Tisch, bekommt man sogar den Eindruck, dass sie stolz auf die Aktivitäten der Schüler sind. Und mit was? Mit Recht.

Fotos und Plakate


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Jöran ist Diplom-Pädagoge und freiberuflich in verschiedenen Bildungsbereichen aktiv. Am liebsten mag er Schnittmengen aus 1. Bildung / Lernen, 2. Medien / Kommunikation und 3. Management / Organisation.

Kategorien: Bildung im digitalen Wandel, Podcasts Schlagworte: , , , , , , , , , ,