„Tod an der Berliner Mauer“ – eine mobile App zwischen Krimi, Politik und Bildung

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Das Thema mobiles Lernen und  die Idee des Educachings wurden bereits auf pb21.de vorgestellt. Ende Februar 2013 wurde die  App „Tod an der Mauer“ zum transmedialen Storytelling veröffentlicht. Die App ist eine Co-Produktion von Guido Brombach, DGB Bildungswerk Bund der auch pb21.de mitgegründet hat und Sprylab, ein Softwareunternehmen, dass ich auf die Entwicklung von Apps spezialisiert hat. Er erklärt in diesem Artikel das Konzept der App und zeigt Einsatzszenarien für Seminare, aber auch für den individuellen Einsatz auf.

WebTalk

Zu diesem Thema gibt es einen #pb21-WebTalk. Am 16.05.2013 (Do) um 20.30 Uhr wird Guido Brombach eine Präsentation geben und Fragen und Kommentare beantworten.

Was ist transmediales Storytelling?

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Es handelt sich um das Erzählen von Geschichten, bei denen das Smartphone so weit einbettet ist, dass es mit der Umwelt scheinbar verschmilzt. Ein sogenannter Augmented Reality Modus, bei dem in das Kamerabild des Handys zusätzliche Bilder eingeblendet werden, die dann in der analogen Welt integriert zu sein scheinen, lassen die zu erzählende Geschichte mit ihren Protagonisten konkret werden. Für historische Ereignisse ergeben sich aus diesem Ansatz ganz neue Möglichkeiten der Vermittlung. Jenseits von Jahreszahlen und Fakten werden die Lebensumstände und der individuelle Blick historischer Personen wichtig. Die historische Quelle bekommt einen lokalen und zeitlichen Bezug, und wird Teil eines Zusammenhangs.

Die historischen Protagonisten treten in einen Dialog mit dem Spieler. Die Dialoge sollen helfen, die historischen Umstände im Gespräch aktiv anzueignen.

Tod an der Mauer

Die Geschichte

In der App geht es um die Flucht der Familie Müller in den Westen. Reihnhold Huhn, ein ostdeutscher Grenzpolizist wurde bei der Verhinderung der Flucht von einem Schuss tödlich getroffen. Das tragische Unglück wird zu einer politischen Auseinandersetzung zweier Systeme hochstilisiert.

Die komplette Geschichte ist auf Chronik der Mauer nachzulesen. Die Orte des Geschehens sind auf der oben stehenden Karte eingezeichnet.

In einer App übernimmt der Spieler die Rolle einer/s Journalist_in. Die Geschichte beginnt mit dem Anruf einer Redakteurin, die den Spielenden auffordert den Fall zu recherchieren, um zu dem bevorstehenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts 38 Jahre nach dem Ereignis Stellung beziehen zu können.

In einem Inventory, dem Ort, an dem die gesammelten Beweise eingesehen werden können, kann ein Fernsehbeitrag noch einmal angeschaut werden, oder auch eine Tatortskizze (pdf) noch einmal betrachtet werden.

Neben der historischen Nacherzählung, gespickt mit diversen multimedialen Quellen wie zum Beispiel Radio und Fernsehbeiträgen, ging es in der Konzeption der ortsbasierten Geschichte auch um eine Positionierung des Teilnehmenden. Deshalb wurde nach der Darlegung aller Fakten eine Weiche eingebaut, bei der man sich entweder für die Darstellung des Westens oder die des Ostens entscheiden muss. Im Verlaufe des Weges werden dann die entsprechenden Vermutungen mit weiteren Quellen angereichert, die die vorhergehenden Vermutungen in Frage stellen. Welchen Weg der Spielende auch immer am Ende eingeschlagen hat, er wird sich mit widersprechenden Beweisen auseinandersetzen müssen.

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Die Geschichte über den Tod an der Mauer findet am 06.07.2000 ein Ende, denn an diesem Tag wird Rudolf Müller vom Bundesverfassungsgericht des Mordes an Reinhold Huhn verurteilt. In der Urteilsbegründung heißt ist: Dem Recht auf Leben wird ein höherer Wert beigemessen als dem Recht des Rudolf Müller auf Schutz seiner Freiheit.

Die Technik

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Die App wurde mit dem kommerziellen Anbieter Sprylab umgesetzt. Mit dem von ihm entwickelten Tripeditor wurde die Geschichte Tod an der Mauer entwickelt. Mit ein wenig Einarbeitung kann man selbst Geschichten schreiben, die dann in einer App namens Tripventure auf das Smartphone heruntergeladen werden können. Danach kann die Geschichte ohne Internetverbindung gespielt werden. Das GPS-Modul muss im Handy aktiviert sein, um die aktuelle Position des Spielenden bestimmen zu können.

Der Tripeditor ist eine browserbasierte Anwendung und deshalb unabhängig vom Betriebssystem. Dennoch ist die Bedienung nicht intuitiv und braucht eine längere Einführung. Dafür sind aber die Möglichkeiten sehr vielfältig. Jenseits des vorgestellten Konzepts wären auch ganz andere Spiele möglich, bei denen zum Beispiel zwei Teams mit- oder auch gegeneinander spielen.

Einzelspieler und Seminarvariante

Die Geschichte wurde in zwei Versionen veröffentlicht. Die Einzelspielervariante steht innerhalb der Tripventure-App für Apple-Geräte und Geräte mit dem Android-Betriebssystem zur Verfügung. Sie wurde für Berliner Tourist/innen entwickelt, die eine Facette der Stadt auf eigene Faust entdecken wollen. In dieser App ist die Reflektion in die App integriert. Am Ende der Geschichte soll ein Artikel geschrieben werden, der auf der schon oben erwähnten Internetseite tod-an-der-mauer.de veröffentlicht wird.

In der Seminarspielervariante (Version für iOS und Android) endet die Geschichte mit der Verkündigung des Urteils beim Bundesverfassungsgericht. Die anschließende Nachbearbeitung findet im Seminar statt. Im Grunde thematisiert das Spiel drei große Themen:

  • Wahrheit in politischen Krisen: Wie kann man Wahrheit und Lüge voneinander unterscheiden, wenn es nur eine Quelle für Informationen gibt, nämlich den Staat? Ist die Wahrheit heute, in Zeiten des Internets einfacher zu finden, weil das Volk zu Zeugen gemacht werden kann, und diesen Zeugen auch eine Stimme verliehen werden kann? Welche Rolle haben in diesem Zusammenhang Whistleblower, also Menschen, die geheime Informationen preisgeben? Sind sie Verräter oder Wahrheitskundgeber?
  • Freiheit und Leben: Hätten sie ähnlich gehandelt wie Rudolf Müller, oder verurteilen sie die Ermordung von Reinhold Huhn? Können sie das Urteil des Bundesverfassungsgerichts nachvollziehen?
  • Die Freiheit des Menschen wird von den meisten Ländern und Kulturen sehr unterschiedlich ausgelegt, so war es auch mit den beiden sich gegenüberstehenden Systemen Ost und West. Gilt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts für jedes Land und jede Zeit, ist es also eher ein moralischer Grundsatz? Oder ist die Freiheit des Menschen, zum Beispiel in diktatorischen Systemen, über das Leben zu stellen?

Fazit

Das Spiel ist der Versuch, ein historisches Ereignis mit Hilfe der digitalen Möglichkeiten neu zu erzählen und dabei die historischen Quellen miteinander und dem historischen Orte zu verknüpfen. Erst wenn man an der Zimmerstraße 56 steht und die Straße bis zum heutigen Springergebäude zurückblickt, wird klar, was für eine beachtliche menschliche Leistung es ist, einen 30 m langen Tunnel mit Schaufel und Eimer zu graben. Auch wenn heute an der Zimmerstraße keine Mauer zu sehen ist, lässt sich das Areal erahnen, wo die Mauer und der Todesstreifen war. Bis heute sind, vom richtigen Standort aus betrachtet, Ost und West in Berlin deutlich zu unterscheiden.

Das Spiel betrachtet einen Spezialfall, die Aufgabe der Seminarleitenden wird es sein, daraus Verallgemeinerungen abzuleiten und grundsätzliche Fragen zu stellen.


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Kategorien: Artikel, Dienste & Werkzeuge, Geocaching & mobiles Lernen, Video Schlagworte: , , , , , , , , , , , , , , ,