Massenkurse im Internet: Wirklich eine Bildungsrevolution?

Das Menetekel. Mittelalterliche Handschrift via <a title="Zu Wikimedia Commons" href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Speculum_Darmstadt_2505_69r_Menetekel.jpg">Wikimedia Commons</a> unter Public Domain.

Das Menetekel. Mittelalterliche Handschrift via Wikimedia Commons unter Public Domain.

Massenhaft, offen, online: Das MOOC-Menetekel

2012 sprach man von einem Tsunami von MOOCs, der über die englischsprachige Bildungslandschaft hereinbrach: Firmen wurden mit viel Kapital aus dem Boden gestampft und fieberhaft Internet-Massenkurse produziert, offen für alle Interessenten in der ganzen Welt.

2013 sind MOOCs auch in Deutschland angekommen und werden an Hochschulen, auf Konferenzen und in Massenmedien diskutiert. Sind die Kurse ein großer Hype oder tatsächlich eine Revolution für die Bildungslandschaft?

Was ist neu an MOOCs?

Im Gegensatz zum herkömmlichen E-Learning setzen die MOOCs gezielt auf die neuen Mittel des „Web 2.0“:

  • selbst gedrehte Videoclips im Youtube-Format,
  • ein entspannter Tonfall ohne Autoritätsgefälle,
  • Feedback und Vernetzung über soziale Medien,
  • offener Zugang (mehr hier auf pb21) für alle.

In den USA heißt es, nach diesen MOOCs werde nichts mehr sein wie zuvor. Aber offen sind auch die wichtigsten Fragen: Ist das nicht bloß ein Hype, der nächstes Jahr schon wieder vorbei ist? Betrifft das auch deutsche Bildungsanbieter abseits der Universitäten? Wann ist so ein Projekt wirklich sinnvoll? Und wie offen kann und muss es wirklich sein?

Deutschland erreichte die MOOC-Welle erst einmal in milderer Form: Der vhsMOOC des Bundesverbands der Volkshochschulen zeigt und erforscht z.B. seit Mitte September 2013, wie die VHS digitale Medien integrieren können. Im Oktober hat der Changemaker-MOOC zu Social Entrepreneurship begonnen, einer von 10 Pilot-MOOCs auf der neuen iVersity-Plattform. Das Media Literacy Lab an der Mainzer Universität veranstaltet hier medienpädagogische Online-Kurse im MOOC-Stil. Und hier sind zum Vergleich die MOOCs der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität auf der amerikanischen Coursera-Plattform.

Das kleine M-O-C der MOOCs

  • MOOC ist die Abkürzung für „Massive Open Online Course“. Ursprünglich steckt darin eine Anspielung auf massenhafte Online-Rollenspiele wie „World of Warcraft“ (englisch abgekürzt mit MMORPG).
  • Ein MOOC ist ein offenes Lern-Event im Internet, mit im Prinzip unbegrenzt vielen TeilnehmerInnen (500, 5000, 50000 oder 150000). Es gibt weder Teilnahmebeschränkung noch Teilnahmeverpflichtung.
  • Für gelungene deutschsprachige MOOCs sind eher Teilnahmezahlen zwischen 500 und 4000 realistisch.„Kurs“ bedeutet vor allem: Anfang und Ende sind markiert. Der Rhythmus ist wöchentlich. Die typische Dauer ist 6 – 12 Wochen. Der Zeitaufwand der liegt zwischen ca. 1 – 4 Std./Woche.
  • MOOCs sind „offen“, d.h. dem Ideal „Bildung für alle, überall“ verpflichtet. Es gibt möglichst wenige technische und institutionelle Hürden für die Teilnahme wie auch für den Zugang zu den Inhalten. Alles wird knapp, klar und jargonfrei präsentiert.
  • MOOCs finden im Web statt: Man braucht nur einen Browser und die Adresse, um teilzunehmen.
  • MOOCs zielen auf Netzwerk-Effekte: Durch massenhafte Beteiligung und Internet-Kommunikation soll ein besonderer Schwung entstehen, der die vereinzelten Lernenden vor ihren Bildschirmen mitreißt.

Wie offen müssen MOOCs sein?

Das erste O steht für „offen“. Beim ersten Online-Kurs, der MOOC genannt wurde, waren damit drei Ebenen gemeint:

  • Es gibt keine Hürden für die Teilnahme. Alle, die wollen, können gratis mitmachen.
  • Es gibt keine Abschottung nach außen. Die Aktivitäten sind für alle Interessierten offen sichtbar. (Das ist bei vielen Universitäts-MOOCs derzeit nicht ohne weiteres der Fall.)
  • Es gibt keine urheberrechtlich geschützten Inhalte. Alles eingesetzte und erarbeitete Material ist offen zugänglich, kopierbar und weiterverwertbar. (Auch das ist keineswegs die Regel.)

Am umstrittensten ist das dritte Merkmal: Reicht es, offenen Zugang zu allen Materialien gewähren, oder müssen tatsächlich auch alle Inhalte ohne jede Beschränkung allen zur freien Verfügung stehen? Das ist die Frage nach den OER, den Open Educational Resources. Viele real existierende MOOCs geben etwa das Material zwar mit einer CC-Lizenz („Creative Commons“) frei, machen dabei aber doch noch Einschränkungen. Das betrifft v.a. die „kommerzielle Nutzung“, die aber bereits z.B. gegeben ist, wenn eine Webseite Anzeigen hat, und/oder die Erlaubnis, das Material zu verändern und auszuschlachten.

Neben der juristischen Seite gibt es auch eine praktische: Für Internetnutzer sind Inhalte dann (wenigstens privat) nutzbar, wenn sie zerlegt sind in möglichst viele, direkt zugängliche Module („Microcontent“) und wenn sie in gebräuchlichen Web-Formaten vorliegen. Dann kann man sich nämlich leicht mit Copy/Paste, Screenshots u.ä. etwas herausschneiden und so für den persönlichen Wissensprozess aneignen.

Letztlich geht es immer darum, wie gut der Geist der „Offenheit“ gewahrt ist. Das Schlagwort „offen“ im Zusammenhang mit Bildung und dem Web kommt von der Open Source (OS)-Bewegung der 1990er Jahre her. Der Programmiercode gehört in solchen Software-Projekten wie z.B. Linux oder Firefox allen und niemandem. Jeder kann den Code einsehen, kopieren und weiterentwickeln. Wikipedia benutzte dann die OS-Software Mediawiki, um das enzyklopädische Ideal der Aufklärung mit der Ethik der Internet-Programmierer zu verschmelzen: Das Wissen und die Ideen der Menschheit sollen demnach Allgemeingut sein, eben „creative commons“.

Warum soll man einen MOOC machen?

Das weiß eigentlich niemand so genau. Es ist ein riesiges Experimentierfeld. Im Prinzip gibt es zwei Motivationen:

Bildungsinstitutionen wollen ihre Marke stärken. Große „Elite-Universitäten“ wie die Münchner TU und LMU haben auch die Idee, dass sie einmal über eigene MOOCs die besten StudentInnen identifizieren und aussuchen können. Die übrigen Unis könnten dann mittelfristig zu regionalen Außenstellen werden, zu Abnehmern für die Premium-MOOCs und Repetitorien für die weniger guten Studierenden. Auch das private Hasso Plattner-Institut oder die öffentliche Leuphana-Universität (Leuphana Digital School) sehen ihre MOOC-Pionierrolle als Vorbereitung auf den kommenden harten Wettbewerb.

Daneben gibt es viele idealistische MOOC-Macher, die viel unbezahlte Arbeit in MOOC-Projekte investieren, weil sie tatsächlich auf eigene Faust experimentieren, die Lehre verbessern und dem Ideal der Bildung für alle näherkommen wollen. Dort werden nicht einfach Vorlesungs-Clips mit Multiple Choice-Fragen kombiniert: z.B. die Projekte des deutschen MOOC-Pioniers Jörn Loviscach, der Mathemooc oder der deutschsprachige MOOC-Maker Course.)

In der Praxis sind die Übergänge fließend. Am interessantesten für freie Bildungsträger ist vielleicht der vhsMOOC der Volkshochschulen: kein Vorlesungs-MOOC, sondern eine Art kollaboratives Massen-Seminar mit offenem Ausgang. Dabei entsprechen sich Form und Inhalt: Es geht darum, wie man den Netzwerk-Charakter der VHS für die digitale Zukunft nutzen kann. Dazu gibt es Input von Experten, vor allem aber soll der „Inhalt“ erst im Kursverlauf entstehen.

Sie überlegen, ob ein MOOC-Projekt für Sie in Frage kommt? Hier sind ein paar Tipps und eine Checkliste.

Mene, Mene, Tekel, Upharsin: Steht in der Bildung eine Revolution an? Kommentar von Martin Lindner

In den USA gelten die MOOCs als Menetekel für alle Bildungsanbieter. Wer einfach nur Standardinhalte in höchstens durchschnittlicher Qualität weitergibt, dem droht demnach der Untergang, weil jetzt MOOCs, die von den Besten ihres Fachs gemacht werden, das viel besser können. Wer hier zu spät kommt und sich nicht schnell seine besondere Nische sucht, den bestraft das Leben.

Das könnte weite Teile des Bildungs- und Weiterbildungssystems auch in Deutschland betreffen: Etwa die vielen bestenfalls mittelmäßigen Ingenieurs- und Wirtschafts-Studiengänge, aber auch Anbieter von tertiärer Bildung (z.B. für Gesundheitsberufe) oder die vielen verstreuten Weiterbildungs-Institutionen, von den VHS bis zur Dekra, deren Klientel bis jetzt kaum Alternativen hatte.

Ob das „Jahr der MOOCs“ (2012/2013) jetzt wirklich den revolutionären Bruch in der Bildungslandschaft markiert, den seit 15 Jahren alle beschwören oder befürchten, ist schwer zu sagen. Natürlich sind MOOCs jetzt gerade ein Hype, und in jedem Hype-Kreislauf folgt auf den überhitzten Höhepunkt das tiefe „Tal der Desillusion“, bevor es (wenn überhaupt) langsam wieder hochgeht zum „Plateau der Produktivität“.

Modell für die Adaption neuer Hype-Technologien („Gartner Hype-Zyklus“); Grafik via Wikimedia Commons unter CC-BY-SA 3.0

Modell für die Adaption neuer Hype-Technologien („Gartner Hype-Zyklus“); Grafik via Wikimedia Commons unter CC BY SA 3.0.

Aber wie auch immer es damit weitergeht, zweierlei ist ziemlich sicher:

  • Das soziale Web wird immer mehr eine selbstverständliche Erfahrung für alle Lernenden und WissenwollerInnen. Damit verändert sich das Spielfeld ganz grundlegend. Und wir stehen damit immer noch am Anfang!
  • Das bedeutet ganz sicher eine existenzielle Herausforderung für alle Bildungsanbieter, und alle werden darauf in den nächsten fünf Jahren eine neue und überzeugende Antwort finden müssen.

Es kann gut sein, dass in zwei Jahren niemand mehr von MOOCs spricht. Aber was dahintersteckt, bleibt ganz sicher aktuell: die neuen Formen von offenem, web-basierten und vernetzten Lernen. Wer hier nicht sich aktiv engagiert und experimentiert, zieht den Kürzeren. Im Augenblick sind MOOCs der beste Weg, damit weiterzukommen.


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Maertin Lindner berät Organisationen und Unternehmen dabei, wie sie Wissens- und Lernprozesse mit den Mitteln des Web neu gestalten können. Autor, Blogger, Speaker.

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