Wie Veranstaltungsberichte sich nicht wie Sachberichte lesen

Foto „Sachbericht“ von Jöran Muuß-Merholz und Tessa Moje unter <a title="Zum Lizenztext" href="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/">CC BY 3.0 DE</a>.

Foto „Sachbericht“ von Jöran Muuß-Merholz und Tessa Moje unter CC BY 3.0 DE.

Herausfordernde Textarten in vier Schritten meistern

Veranstaltungen sind eine schöne Sache – für die, die dabei waren. Es ist eine hohe Kunst, sie schön und interessant für diejenigen darzustellen, die nicht dabei waren. Und diese Kunst beginnt mit Verzicht: Verzicht auf Chronologie, auf wichtige Personen und auf viele Worte.

Dieser Artikel zeigt ihnen die vier wichtigsten Schritte und liefert dazu noch ein Notfall-Kit für alle, die über Veranstaltungen schreiben müssen, ohne dabei gewesen zu sein.

Wir beginnen mit einer Warnung …

Vorsicht, Veranstaltungsbericht!

Schreiben Sie doch mal was Nettes für unsere Website über diese schöne Veranstaltung!“ Erfahrene Nebenbei-Schreiber gehen bei diesem Satz in Deckung. Es ist wirklich nicht einfach, gut über Veranstaltungen zu schreiben. Gut bedeutet hier, dass auch die Lesenden etwas davon haben, die nicht teilgenommen haben. Typische Veranstaltungsberichte arbeiten sich mit schwer zu ertragender Langsamkeit vom Grußwort, dem ersten Redner über die Kaffeepause zu weiteren zweifelhaften Höhepunkten vor oder werfen in inhaltlicher Tiefe noch mal alle Fragen der Veranstaltung auf, ohne sie zu beantworten.

Die schlechte Nachricht: Ein guter Veranstaltungsbericht, der dem Leserinteresse gerecht wird, braucht etwas Zeit und auch Vorbereitung. Die gute Nachricht: Dieser Artikel zeigt, wie das Schritt-für-Schritt geht.

Schritt 1: Die Vorbereitung

Im Idealfall erfährt der Autor schon *vor* der Veranstaltung, dass er darüber schreiben muss. Neben dem Artikel sollten auch immer andere Darstellungsformen in Erwägung gezogen werden, z.B. ein Interview mit einem interessanten Redner oder eine kleine Video-Reportage. Während Interviews wenig Arbeit machen, wenn sie gut vorbereitet sind, erfordern Video-Reportagen dann schon wieder mehr Aufwand. Muss es nun also der geschriebene Artikel sein, entscheidet man sich schon vor der Veranstaltung für eine Länge („Schreiben Sie mal“ gilt nicht). Denn das hat große Auswirkungen auf die Arbeitsweise vor Ort, beispielsweise darauf, wie viele Zitate einzusammeln sind.

Vor der Veranstaltung hat sich der Autor über das Programm informiert und interessante Punkte gefunden, auf die er sich konzentrieren möchte. Wichtig ist, den Lesern da draußen etwas Neues erzählen zu können. Das ist nicht immer einfach, wenn nur schon arg strapazierte Positionen wiedergegeben werden, aber dann muss man halt länger suchen. Es lohnt sich auch immer, die Themen und Protagonisten vorher zu recherchieren, denn da kann ja durchaus noch was Interessantes dabei sein, was man beispielsweise bei der Veranstaltung erfragen könnte. Idealerweise hat der Autor dort keine andere Rolle, moderiert nicht, stellt keine Stühle oder betreut parallel den Social-Media-Auftritt.  Der Autor nimmt teil und schreibt möglichst viele gute Zitate mit, und zwar der Redner/innen und des Publikums. Die Zitate werden wörtlich mitgeschrieben. Protipp: Man verlasse sich besser nicht auf Video- oder Audio-Aufzeichnungen. Zum einen ist es sehr mühsam und zeitaufwendig, sich alles noch einmal anzuhören, zum anderen sind die Aufzeichnungen nicht immer oder nicht gleich verfügbar. Das eigene Gedächtnis ist in diesem Fall auch keine große Hilfe. Das Mitschreiben guter Zitate ist eine der wichtigsten Aufgaben des Autors: Man nimmt eher zu viel als zu wenig mit und hat mit einem vollen Block schon den Großteil seines Artikels. Zu den Zitaten gehören natürlich die entsprechenden Namen in korrekter Schreibweise.

Wie alle anderen Texte auch haben Veranstaltungsberichte eine Zielgruppe und an deren Kenntnisstand, Erwartungen und Interessen muss sich der Autor orientieren.

Schritt 2: Auf der Suche nach der Einen

Nach der Veranstaltung wird die Kernbotschaft des Artikels ausgesucht. Je vielfältiger die Veranstaltung im Hinblick auf Protagonisten und Methoden war, desto schwieriger ist das. Die Kernbotschaft hängt eng mit dem Ziel des Artikels zusammen: Sollen die Lesenden zur nächsten Veranstaltung kommen, wird eher der Nutzwert herausgestellt. Geht es eher darum zu zeigen, wie herausragend der Veranstalter ist, wird man vielleicht Atmosphäre und Stimmung in den Vordergrund stellen.

Es gibt Aspekte, die sich in keinem Fall für eine Kernbotschaft eignen: „hat eröffnet“, „hat stattgefunden“, „wurde diskutiert“ und ähnliche Äußerungen. Eine Kernbotschaft kann immer nur etwas sein, was für die Lesenden neu und interessant ist, es darf niemals eine Frage sein. Die Kernbotschaft kann ein kleines inhaltliches Detail sein, es muss nicht das große Ergebnis sein.

Schritt 3: Wer darf alles mitspielen?

Der Lesende will wissen, was Interessantes passiert ist und nicht, wer da war. Wer nichts inhaltlich beigetragen hat, was den Relevanzkriterien entspricht, kommt also nicht in den Artikel. Da agiert man als Autor als Anwalt seiner Leser, die sich nicht seitenweise durch Zusammenfassungen einzelner Redebeiträge wühlen wollen. Hier muss man sich immer wieder vor Augen halten, dass man für die schreibt, die nicht da waren und nicht für die, die sich schon immer mal lesen wollten.

Je nach Länge des Beitrags werden einige Akteure ausgewählt, bei denen es sich aus inhaltlichen Gründen lohnt, sie vorkommen zu lassen. Große Namen sind keine Garantie für gute Beiträge. Mehr als drei Namen merkt sich ohnehin kein Leser, auch nicht wenn es sich um eine mehrtägige Tagung handelte. Wer vom Podium aus prägnant und gut formuliert, hat mit seinen Zitaten einen Platz im Artikel gewonnen. Zitiert werden dürfen nicht nur die Redner, auch Zuhörer oder Veranstalter dürfen zu Wort kommen. Zitate machen den Text lebendig – und müssen immer gut sein.

Schritt 4: Weg mit der Zeit

Eine der größten Fehler bei Veranstaltungsberichten ist der chronologische Aufbau. Bei dieser Art von Texten gilt wie bei vielen anderen journalistischen Texten: Das Wichtigste muss nach vorne. Wichtig ist das, was der Autor aus der Zuschauerperspektive für die Lesenden für wichtig hält – nicht, was der Veranstalter sich mal dazu überlegt hat. So kann das zweistündige Einführungsstatement auch völlig unter den Tisch fallen, wenn es inhaltlich nichts Neues bietet. Es ist dem Lesenden auch vollkommen egal, ob er das Schlusswort vor dem Einführungsvortrag erfährt. Der Lesende will Ergebnisse; Uhrzeiten und Reihenfolgen und was sich der Veranstalter wohl dabei gedacht hat, interessieren ihn schlicht nicht.

Der Autor arbeitet sich von der Kernbotschaft über die Inhalte vor, die das Ziel des Beitrags stützen und mit Hilfe interessanter Details erklärt werden. Dabei spielen die Vorkenntnisse und die Erwartungen der anvisierten Leserschaft eine große Rolle. Geht es um ein Thema, das dort bereits hinreichend diskutiert wurde, kann man sich auch auf wenige neue Aspekte beschränken und die ausführen.

Bonus: Das Notfall-Kit

Veranstaltungsberichte sind schwierig, noch schwieriger sind sie, wenn man als Autor/in erst im Nachhinein erfährt, dass man schreiben muss und vielleicht noch nicht mal vor Ort war. Oft ist das auch noch ganz eilig. Hier muss man aus Gesprächen mit Anwesenden die wichtigen Punkte versuchen herauszuarbeiten. Man muss so lange fragen, bis man etwas Interessantes gefunden hat, an dem man den Artikel „aufhängen“ kann. Hat man auf diesem Weg Protagonisten ausfindig gemacht, die man präsentieren kann, lohnt es sich anzurufen und ihnen durch konkrete Fragen weitere Details zu entlocken. So entsteht ein kleinerer Informationspool, als wenn man selbst anwesend gewesen wäre, aber man kann trotzdem interessant berichten. Der Versuchung, aus seinem Bericht ein kommentiertes Veranstaltungsprogramm zu machen, sollte man in jedem Fall widerstehen.

Prüfstein: Ist der Veranstaltungsbericht lesefreundlich?

Ein guter Veranstaltungsbericht lässt den Lesenden bereuen, nicht dabei gewesen zu sein, ist nicht zu lang und motiviert, sich mit einzelnen Aspekten des Themas weiter zu beschäftigen. Oder, wie Jöran Muuß-Merholz, Redaktionskoordinator von pb21.de, gerne sagt: „Ein guter Veranstaltungsbericht ist das Gegenteil von einem Sachbericht, den man für die Verwendung von Fördermitteln schreiben würde.“ 😉


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Dipl.-Psychologin Maria-Christina Nimmerfroh ist tätig als Fachjournalistin für IT und Medien, als Dozentin in der politischen Erwachsenenbildung und als Lehrbeauftragte an Hochschulen. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte liegen im Bereich Marketing/Öffentlichkeitsarbeit für Non-Profit-Organisationen, Organisationsentwicklung, Hochschuldidaktik und Wirtschaftspsychologie, insbesondere Markt- und Konsumpsychologie. Im Bereich Online-Lernen ist sie seit 1998 unterwegs und bildet auch selbst Online-Seminarleiter aus. Aktuell hat Maria-Christina Nimmerfroh Lehraufträge an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg am Fachbereich Wirtschaft und an der Bonner Akademie inne und führt für politische Stiftungen Online- und Präsenzseminare durch.

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