„YouTuber gegen Nazis“ – ein Interview mit den Machern

Blumio - Hey Mr. Nazi. Screenshot aus Youtube-Video (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Blumio – Hey Mr. Nazi. Screenshot aus Youtube-Video (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Hinter den Kulissen einer bpb-Kampagne via YouTube – Teil I

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat gemeinsam mit bekannten YouTube-Künstlern eine Kampagne zum Abbau von Fremdenfeindlichkeit umgesetzt. Die Projektverantwortliche Wiebke Kohl berichtet im #pb21-Interview über die Hintergründe und den Erfolg der Kampagne.

Was ist die Kampagne „YouTuber gegen Nazis“? Welche Ziele verfolgte das Projekt?

„YouTuber gegen Nazis“ ist eine Online-Kampagne der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. Die Idee ist, die Reichweite und Prominenz bekannter YouTuber wie DieAussenseiter, LeFloid, Y-Titty, AlexiBexi, MaximNoise, Bullshit TV und andere zu nutzen, um ein klares Zeichen gegen Nazis, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Jugendliche und junge Erwachsene sollen so animiert werden, Gesicht zu zeigen und eigene Beiträge zum Thema einzureichen.

Ziel der Kampagne ist es, für mehr Toleranz einzustehen und den eigenen Standpunkt klar zu machen. Die professionellen Künstler machen das, indem sie jeweils den Song von Blumio „Hey, Mr. Nazi“ (auf Youtube bisher mehr als 12 Mio. Abrufe) neu texten und interpretieren. Sie schildern in ihren Texten eigene Erfahrungen zum Thema und fordern die Community auf, selbst Beiträge einzureichen.

 

Kommentar zur Kampagne

Der Medienpädagoge und #pb21-Autor Daniel Seitz analysiert die Kampagne in diesem Artikel auf pb21.de mit dem Blick eines Außenstehenden.

Warum wurde die Kampagne über YouTube geplant und umgesetzt? An wen ist die Kampagne gerichtet?

Die Kampagne richtet sich insbesondere an Jugendliche und junge Erwachsene, wir freuen uns aber über Interessenten und Mitmacher aus allen Altersgruppen. Jugendliche und junge Erwachsene nutzen das Internet und hier zunehmend Videoportale wie z.B. YouTube in besonderem Maße; hier verbringen sie viel Zeit, tauschen sich aus und informieren sich. Gleichzeitig ist das Netz aber auch eine sehr beliebte Agitationsfläche von Rechtsextremen, die versuchen, hier – mitunter subtil und nicht für jeden erkennbar – für ihre Ideologien zu werben und neue Mitglieder anzusprechen. Aus unserer Sicht bietet es sich daher an, das Thema in diesem Umfeld zu platzieren und mit einer eindeutigen Botschaft zu besetzen – unterstützt durch anerkannte Künstler, die über eine große Reichweite und Akzeptanz in der Zielgruppe verfügen. Mit dieser Idee und diesem Anliegen konnten sich die meisten YouTuber, die wir gefragt haben, identifizieren und sie fanden die Aktion unterstützenswert. Leider haben sich diesmal ausschließlich männliche Künstler an der Aktion beteiligt. Beim nächsten Mal werden wir unsere Bemühungen verstärken, auch Künstlerinnen zum Mitmachen zu animieren – denn auch für sie ist das Thema von großer Relevanz.

 

Wie wurden die YouTuber ausgewählt?

Wir haben geschaut, welche YouTuber sich auch mit gesellschaftlichen oder politischen Themen auseinandersetzen und bei Jugendlichen beliebt sind. Diese Künstler haben wir angesprochen und gefragt, ob sie sich einbringen möchten. Es gab aber auch Künstler, die von unserer Idee erfahren haben und auf uns zugekommen sind und von sich aus mitwirken wollten.

Mit den Agenturen der Künstler kooperieren wir nicht, aber über sie läuft der Kontakt zu den Künstlern. Eine wichtige Rolle nimmt für uns die Agentur Gesamtkunstwerk Entertainment GmbH in Köln ein, die zum einen mit der Idee für die Kampagne auf uns zukam, zum anderen auch die Abstimmung mit den Künstleragenturen und die Koordination übernommen hat.

 

Welche Gründe beeinflussten die Stückauswahl „Hey, Mr. Nazi?“?

Bei der Konzeption ist es uns besonders wichtig, kein „Nazi-Bashing“ zu betreiben, eine bestimmte Gruppe zu beschimpfen oder den oft zitierten „pädagogischen Zeigefinger“ zu heben. Das ist natürlich ein schmaler Grat, zumal die Haltung vieler Personen bei diesem Thema (glücklicherweise) recht deutlich ist. Wichtiger erscheint uns, eine konstruktive, jugendgerechte Auseinandersetzung mit den Themen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zu initiieren, die auf Augenhöhe geführt wird und eine möglichst niedrige Hemmschwelle zum Mitmachen in den Ausdrucksformen für die Community bietet. Der Song von Blumio löst diese Ansprüche aus unserer Sicht sehr gut ein, da er an unterschiedlichen Stellen immer wieder herausstellt, dass eine Einstellungsveränderung und der Weg zurück immer möglich sind. Daher hat es uns sehr gefreut, dass Blumio uns ohne Zögern, die Nutzung des Songs für die Kampagne gestattet hat.

 

Playlist „YouTuber gegen Nazis“ von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, nicht unter freier Lizenz.

 

Ist die Kampagne erfolgreich? Wie ist die Stimmung des Feedbacks?

Bisher sind wir sehr zufrieden mit dem Verlauf der Kampagne. Die Videos der beteiligten Künstler wurden bis heute ungefähr 2,5 Millionen Mal angeklickt. Die Reichweite hat sich zusätzlich dadurch erhöht, dass auch die Community aktiv geworden ist und weitere Künstler auf die Aktion verwiesen haben. Nimmt man alle Beiträge zusammen, haben wir bisher ca. 3 Millionen Views mit der Aktion erreicht. Das freut uns sehr! Eine Übersicht aller Videos gibt es auf www.bpb.de/youtubergegennazis. Es gibt ein Storify zum Thema „Was sagt das Netz?“, hier sind auch alle Mitmachbeiträge aufgenommen.

 

Wie wird das Mitmachangebot angenommen?

Das Mitmachangebot wird aus unserer Sicht gut angenommen. Uns haben zahlreiche Beiträge erreicht, die den Song covern, Statements einsprechen, Erfahrungen schildern, Remixe aufnehmen oder einfach auf die Aktion verweisen. Alle setzen dabei ein klares Zeichen im Sinne der Kampagne. Daneben hat die Community natürlich auf YouTube und Facebook die Möglichkeiten genutzt und eifrig kommentiert.

 

Wie gestaltet sich der Austausch im Netz? Ist viel Moderation nötig?

Als wir die Kampagne gestartet haben, hatten wir vor Augen, dass wir möglicherweise mit tendenziösen oder gar rechtsextremen, rassistischen Kommentaren konfrontiert sein würden. Das ist für uns als Bundeszentrale nicht ganz einfach, denn obwohl der eigentliche Traffic in den Kanälen der Künstler läuft, die auch dafür verantwortlich sind, trägt die Kampagne unseren Namen. Selbstverständlich ist, dass offene Mitmachformate in der politischen Bildung immer auch die „Gefahr“ bieten, Ergebnisse hervorzubringen, die den eigentlichen Sinn nicht treffen. Das gehört aber dazu und wenn man so will, muss man dieses Risiko einfach mit kalkulieren. Wer einen Diskurs in einem offenen Umfeld anstößt, muss auch damit rechnen, dass er mit ganz unterschiedlichen Meinungen konfrontiert wird. Meinungsvielfalt und Kontroversität sind nicht nur gut und gewünscht, sondern Ziele politischer Bildung, so lange wie sich die Diskussion in bestimmten Grenzen bewegt.

Außerhalb dieser Grenzen liegen menschenverachtende, rechtsextreme oder rassistische Kommentierungen, die wir nicht ohne weiteres stehen lassen wollen und können. Sie erreichen uns – wenn auch in der Unterzahl – leider ebenfalls. Über einen transparenten Moderatoren-Account löschen wir solche Kommentare (z.B. Holocaust-Leugnungen oder ähnliches) in Absprache mit den Künstlern. Das sind aber zum Glück echte Ausnahmen. Tendenziöse Kommentare kommentieren wir auch nach Absprache mit den Künstlern, wenn es nötig wird. Oft müssen wir aber gar nicht „Feuerwehr“ spielen, sondern die Community steuert die Diskussion und toleriert entsprechende Kommentare einfach nicht. Das ist natürlich ideal!

 

Die Kooperation mit der bpb bleibt relativ unauffällig. War dies Absicht?

In der Tat haben wir bewusst auf eine herausgehobene Präsenz der bpb im Rahmen der Kampagne verzichtet. Das liegt einerseits daran, dass bei der Aktion nicht der Werbeeffekt für die bpb, sondern das thematische Anliegen im Vordergrund steht, andererseits daran, dass wir nicht zu stark in das Feld der Jugendlichen eindringen wollten, das schwächt ehrfahrungsgemäß eher die Glaubwürdigkeit, als dass es sie stärkt. Wir sind bei allen Videos aus Gründen der Transparenz benannt und haben auf unsere Aktionsseite verlinkt, haben auch eine offizielle Pressemitteilung verschickt, aber ansonsten sind auch die Künstler frei darin, uns in ihren Statements zu benennen oder nicht.

 

Welchen Eindruck haben Sie zur langfristigen Wirkung der Kampagne?

Ganz klar ist, dass der größte Traffic gerade bei YouTube in den ersten Tagen nach Upload stattfindet, das sehen wir immer wieder. Gleichzeitig ist eine solche Kampagne schon alleine deshalb von langfristiger Wirkung, weil die Videos immer und überall verfügbar bleiben. Auch jetzt – fast sechs Wochen nach dem Start der Kampagne – erreichen uns noch neue Beiträge. Das Thema als solches bleibt ja – leider – weiter aktuell.

 

Wäre die Kampagne auch in einem anderen Format denkbar gewesen?

Dass Aktivitäten solcher Natur auch in anderen Formate denkbar sind, zeigen bekannte Kampagnen wie etwa „Arsch huh, Zäng ussenander“, „Deine Stimme gegen Armut“ oder aus den 1980er Jahren „We are the world“. Hier haben sich Musiker und Künstler zusammengeschlossen, andere wie etwa die Anti-Rassismus-Kampagne der FIFA „Say No To Racism“ setzen auf prominente Statements von Sportlern.

In unserem Fall muss die Antwort aber ganz klar „jein“ lauten: Bei unserer Kampagne haben wir natürlich auf die YouTube-Künstler als Vorbilder und Reichweitengaranten gesetzt, gleichzeitig nimmt die Aktivierung und das Mitmachen der Community für uns einen hohen Stellenwert ein. Anders als bei Konzerten oder der Ausstrahlung von Fernseh-Spots bietet YouTube einen bisher einzigartigen Rückkanal mit viel mehr Potenzial und steht damit auf einer anderen Ebene.

 

Inwiefern ist YouTube ein Format, das in der politischen Bildung eine Rolle spielt/spielen wird?
Laut der aktuellen JIM-Studie nutzen 74% der Heranwachsenden YouTube regelmäßig, es ist damit gar nicht mehr wegzudenken aus ihrem Alltag. Aber Social-Web-Angebote dienen nicht nur der reinen Unterhaltung, sondern bieten vor allem neue Möglichkeiten der Information und Meinungsbildung sowie Beteiligung. Wie das Internet an sich, spielt auch YouTube aus unserer Sicht bereits eine Rolle in der politischen Bildung. Kampagnen wie „YouTuber gegen Nazis“ oder eine Kampagne, die wir 2013 zum Thema Partizipation mit den YouTubern „ApeCrime“ realisiert haben, zeigen, dass neue Zielgruppen mobilisiert werden können. Wir erreichen bei YouTube überwiegend junges Publikum und es ist hervorzuheben, dass solche Formate die Hürde, sich politisch zu beteiligen und öffentlich zu äußern, relativ niedrig halten. Das bietet die Chance, verstärkt auch Zielgruppen einzubinden, die sich sonst eher zurückhalten und wenig beteiligen. Die Bedeutung von YouTube in dieser Hinsicht wird sicherlich in Zukunft weiter steigen.

 

Vielen Dank für das Gespräch!


Zum gleichen Thema auf pb21.de:

Der Medienpädagoge und #pb21-Autor Daniel Seitz analysiert die Kampagne mit dem Blick eines Außenstehenden.


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Tessa hat im August 2013 ihr Lehramtsstudium mit den Unterrichtsfächern Mathematik und Sport an der Universität Hamburg abgeschlossen. Sie hat sich während des Studiums insbesondere mit alternativen Formen von Schule und Lernen auseinandergesetzt. Die Verbindung von Lernen und Digital gehörte zu ihren liebsten Themen, was im Experiment gipfelte, das Studium papierfrei und iPad-zentriert abzuschließen. Tessa beschäftigt sich nun ohne Uni und Schule weiter mit diesen Themen.

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