Planspiel für die Europabildung: „Die Vereinigten Staaten von Europa“

Foto von Karsten Lucke unter CC BY 3.0.

Foto von Karsten Lucke unter CC BY 3.0.

Ein kostenloses Spiel für Unterricht, Seminare und Projektarbeit

Die Europäische Union – ein trockenes Thema, gerade für junge Menschen? Theoretisch vielleicht. Dabei kann die Beschäftigung mit der EU durchaus Spaß machen. Dabei unterstützt ein neues Planspiel, das bei pb21.de kostenlos zum Download bereit steht. Mit Spielspaß und Kreativität, strategischem und rhetorischem Geschick kann man die EU über das europäische Planspiel „Die Vereinigten Staaten von Europa“ erkunden. Themen wie z.B. die Forderung nach einem europaweiten freien WLAN-Netz verbinden jugendliche Interessen und die Institutionen der EU.

Die Vereinigten Staaten von Europa – ein europäische Planspiel

  • mit 10-30 Teilnehmer/innen spielbar
  • Spiellänge ca. 3 Stunden mit der Option zu verlängern
  • Vorbereitungszeit: je nach Möglichkeit 1 bis 3 Stunden
  • für diverse Zielgruppen einsetzbar: Schüler/inne, Studenten/innen, Erwachsenenbildung
  • Simulation des Europäischen Konvents
  • 6 Forderungen aus 3 Teilbereichen, große inhaltliche Bandbreite
  • individuell modifizierbar in Länge und Inhalt
  • steht kostenlos als OER zur Verfügung (PDF-, ODT-, DOCX-Formate)
  • Download, Anleitung und Support verfügbar

Das Grundszenario des Planspiels

Das Planspiel Vereinigten Staaten von Europa (VSE) hat im Gegensatz zu den meisten anderen Lernangeboten nicht den klassischen Gesetzgebungsprozess der EU zum Inhalt. Es wird darauf verzichtet, eine EU-Richtlinie durch verschiedene EU-Institutionen entstehen zu lassen. Zum einen gibt es bereits viele europäische Planspiele, die diesen Gesetzgebungsprozess simulieren, zum anderen zwingt eine Richtlinienkonstruktion dazu, wichtige politische Aspekte wie z.B. die EU-Erweiterung auszuklammern.

Deshalb ist das Grundszenario des Planspiels der Europäische Konvent, der nach Art. 48 des Vertrages von Lissabon zusammentreten kann, um entscheidende europäische Weichenstellungen für die Zukunft der EU auszuhandeln. In diesem Europäischen Konvent gibt es keine inhaltlichen oder strukturellen Denkverbote. Außerdem sind im Konvent sowohl die Mitgliedstaaten als auch die EU-Kommission und das Europäische Parlament vertreten, so dass die unterschiedlichen europäischen und nationalen Perspektiven und Widersprüche herausgearbeitet werden können.

In den Konventsverhandlungen geht es darum, sechs von der EU-Kommission vorgelegte Forderungen durchzuverhandeln. Die sechs Forderungen sind drei Themenbereichen zugeordnet:

  • „EU-Institutionen“
  • „EU-Bürgerschaft“ und
  • „Langfristige Ziele der EU“

Die Rollen im Planspiel

Dem Europäischen Konvent gehören an:

  • die EU-Kommission (als Verfasser der sechs Forderungen)
  • das Europäische Parlament
  • sieben EU-Mitgliedstaaten
  • das Präsidium des Europäischen Rates (Leitung des Konvents)

Damit gibt es insgesamt 10 Rollenprofile. Das Planspiel kann mit kleinen und großen Gruppen gespielt werden (10-30 Personen). Grundsätzlich gilt aber „je mehr desto besser“, weil Teams sich ergänzen und unterstützen können. Jedes der 10 Rollenprofile ist ausgelegt auf max. 3 „Simulanten“. VSE eignet sich sowohl für Schulklassen als auch für Seminare an Universitäten.

Der simulierte Konflikt der „Vereinigten Staaten von Europa“

Die sechs Forderungen, die während der „VSE“ verhandelt werden, lauten im Einzelnen:

Institutionelle Forderungen

  • Die Einigung auf eine offizielle europäische Hauptstadt mit Sitz aller europäischen Institutionen
  • Die Direktwahl eines repräsentativen EU-Präsidenten

Bürgerschaftliche Forderungen

  • Installation eines europaweiten freien WLAN-Netzes
  • Die Einführung eines obligatorischen europäischen sozialen Jahres in der EU (ESJ)

Langfristige Ziele der EU

  • Die europaweite Abschaffung der Atomenergie
  • Eine Definition der Grenzen der Europäischen Union

Die EU-Kommission stellt als Motor der europäischen Integration diese Forderungen und möchte alle sechs im Konvent positiv beschieden wissen. In allen sechs Verhandlungskapiteln entstehen immer wieder neue Konfliktsituationen zwischen den verschiedenen Rollenprofilen. Es gibt Mitgliedstaaten, die bestimmte Forderungen der Kommission unterstützen, dafür andere ablehnen bzw. eigene Zusatzforderung einbringen. So entstehen immer wieder neue Bündnisse und Konfliktlinien, die die Simulation bis zum letzten Verhandlungspunkt spannend und abwechslungsreich machen. Ein entscheidendes Detail: jedes einzelne Verhandlungskapitel, gleich ob mit einem abweichenden Kompromiss oder in seiner ursprünglichen Form, kann nur einstimmig angenommen kann. Jede einzelne Rolle  kann somit eine Vetoposition einnehmen (ausgenommen ist das Präsidium, das den Konvent leitet).

Spielphasen

Für das Spiel sollten ca. 3 Stunden eingeplant werden. Diese Zeit kann, muss aber nicht verlängert werden.

Einführung und Planspielauftakt

Nach der Einführung in das Grundszenario des Planspiels durch die Seminarleitung /  Lehrkraft kommt es zum eigentlichen Spielauftakt:

  • Aufteilung in die unterschiedlichen Rollenprofile
  • Wahl des Konventspräsidium aus der Mitte der Teilnehmenden in geheimer Wahl
  • Vereidigung der/die Präsident/in

Dieses Szenario kann erweitert, ausgebaut und an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden, um eine würdige Planspielatmosphäre zu erzielen (Die europäische Hymne könnte eingespielt werden, eine Flagge gehisst werden, die Vereidigung kann durch einen Zeremonienmeister vorgenommen werden etc.)

Rollenstudium

An die Verteilung der Rollen schließt sich das wichtige Rollenstudium an. Es ist wichtig, dass sich die Teilnehmenden erst einmal mit ihren eigenen Rollen vertraut machen. Jede Spielrolle muss sich aufbauend auf den eigenen Rollenunterlagen weitere Argumente für die eigene Position erarbeiten. Deshalb kann das Rollenstudium folgende Aspekte beinhalten:

  • zusätzliche Argumente recherchieren und / oder kreativ konstruieren
  • möglichen Gegenpositionen der anderen Parteien vorausahnen
  • Gegenargumente entwerfen, um sich strategisch auf andere einzustellen
  • Hintergrundgespräche mit anderen Rollen, um Bündnisse und Allianzen zu schmieden

Die begleitenden Lehrkräfte oder Seminarleitungen sind in dieser Phase nur für Fach- und Verständnisfragen zuständig. Die Rollenstrategie und Vorbereitung liegt in den Händen der Teilnehmenden, die sich ihre Ausgangslage für die Konventsverhandlungen möglichst eigenständig schaffen sollen.

Verhandlungsphase

Es folgt die Verhandlungsphase, in der die sechs Forderungen durchgespielt werden. Details dazu finden sich in den Spielunterlagen.

Evaluation

Um die anvisierten Lernziele für die Teilnehmenden sichtbar und transparent zu machen, muss die Simulation am Ende evaluiert und die erzielten Ergebnisse (gleich ob positiv oder negativ) eingeordnet und besprochen werden.

VSE plant Evaluationsprozesse auch schon während der Simulation ein. Nach jedem abgeschlossenen Verhandlungskapitel sind die einzelnen Rollenprofile (= Spielgruppen) aufgefordert, sich selbst einzuschätzen. Das bedeutet, dass jede Rolle ihr erzieltes Ergebnis mit den eigenen Rollenvorgaben abgleicht. Auf dieser Grundlage treffen die Teilnehmenden eine Selbsteinschätzung, ob sie

  • ihr Ziel gar nicht (0%)
  • eher nicht (25%)
  • eher ja (75%) oder
  • voll umfänglich (100%)

erreicht haben. Diese Selbstevaluation wird auf einem Spielplan durch entsprechende Spielsteine (in unserem Fall Duplosteine) visualisiert – jede Gruppe erhält demnach 0-3 Steine – je nach Selbsteinschätzung. Auf dem Spielplan kann jede Rolle den eigenen Verhandlungserfolg nachvollziehen. Die Visualisierung der Ergebnisse fördert den Spielcharakter und damit die Motivation im nächsten Kapitel an den Erfolg anzuknüpfen, eventuell doch einen Kompromiss einzugehen oder auch die eigene Position vehementer zu verteidigen.

Unabhängig von den Selbstevaluations-Phasen steht am Ende des Planspiels eine Gesamtauswertung. Hier werden Dynamiken der Simulation reflektiert und die Lernerfolge in Worte gefasst. Die Evaluation ist ein entscheidender Baustein der Simulation, um den Teilnehmenden zu ermöglichen Geschehnisse und Situationen aus der Simulation einzuordnen. Ziel ist das ganzheitliche Nachzeichnen und die Bewusstmachung des Lernprozesses in allen seinen Facetten.

Hintergrund

Lernen durch Simulation

Es ist Aufgabe der politischen Bildung, komplexe politische, soziale und kulturelle Sachverhalte zu vermitteln. Immer wieder taucht daher die Frage auf: „Mit welchen Methoden ermöglichen wir Teilnehmenden den Zugang und die Auseinandersetzung mit politischen Themen?“

In der politischen Bildung kennen wir eine Bandbreite von methodischen Zugängen, um dieses Ziel zu erreichen. Eine sehr bewährte Methode ist die politische Simulation: das Planspiel.

Planspiele gibt es zu den verschiedensten Themengebieten und in unterschiedlichen methodischen Differenzierungen.

Definition von Planspielen nach Wikipedia:

Planspiel bezeichnet eine Methode zur Simulation komplexer realer (soziotechnischer) Systeme. (…) Mit Planspielen kann man nahezu alle Soziotechnischen Systeme simulieren. Ein Beispiel ist die Lösung konfliktreicher Situationen mit vielen Akteuren. Auf der Grundlage eines Szenarios übernimmt jeder Teilnehmende eine zugewiesene Rolle. In diesen Rollen (s. Rollenspiel) versuchen sie, ihre spezifischen Interessen zu vertreten. Im Gegensatz zu bloßen Rollenspielen agieren die Teilnehmenden dabei in der Regel in Kleingruppen. Sie erhalten oft ein Gruppen- bzw. Rollenprofil, das Informationen über den Ablauf des Planspiels, ihre jeweiligen Rollen im Entscheidungsprozess sowie spezifische Interessen und Positionen in Bezug auf den Konfliktgegenstand enthält.

Europa ist komplex – die Simulation hilft dem Verständnis

Das Grundproblem in der europapolitischen Bildung ist die Komplexität der Europäischen Union. Hier liegt mit Sicherheit ein Grund dafür, dass Europa bei Bürger/innen und Lernenden oft auf wenig Interesse stößt. Diese Tatsache ist umso erstaunlicher, da europäische Politik bzw. europäische Entscheidungen unsere Lebenswirklichkeiten längst durchdrungen haben. Die Simulation VSE soll zu einer Sensibilisierung für diese Tatsache beitragen.

Zielgruppen und Lernziele

Die Simulation VSE richtet sich in erster Linie an junge Menschen, Schüler/innen und Studenten/innen, ist aber auch für Multiplikatoren-Fortbildungen geeignet. Jugendliche sollten mind. 15 Jahre alt sein, um bei der Simulation nicht nur dabei zu sein, sondern um wirklich teilnehmen bzw. teilgeben zu können. Nach oben gibt es keine Altersgrenze. Oberstufenschüler/innen können VSE ebenso simulieren wie Student/innen, Angehörige der Bundeswehr, Multiplikator/inen etc. Je nach Alter variieren Lerneffekte, Lernebenen und die inhaltliche Tiefe der Diskussionen, nicht aber die Spielbarkeit als solche.

Ein Ziel steht beim Einsatz der Simulation im Fokus: Ein Gefühl für europäische Politik soll entwickelt und europäische Entscheidungsprozesse mit all ihren Hürden sollen deutlich werden. Teilnehmende erleben zentrale europäische Konflikte – den Alltag europäischer Politik.

Weitere wichtige Lernziele könne folgendermaßen zusammengefasst werden:

  • Entwicklung politischer Empathie
  • Aktivierung von Wissen über europäische Politik
  • Internalisierung der europäischen  Prozesse
  • Erleben physischer Grenzbereiche (Zeitdruck, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche)
  • Training von guter Internetrecherche
  • Finden und Abwägen von Argumenten sowie das Voraussagen von Gegenargumenten
  • Schulung analytischen und kreativen Denkens
  • Ausbau rhetorischer Fähigkeiten
  • Kunst des Debattierens
  • Aufbau von Selbstvertrauen
  • Entwicklung der Fähigkeit vor Gruppen zu sprechen
  • Einstehen für die eine eigene Position
  • Ausbildung von Kompromissfähigkeit und das Arbeiten in Teams
  • Auseinandersetzung mit europäischen Zukunftsthemen

Downloads

Rollenprofile

Anleitungen

Zusatzmaterial

Spiel Gesamt als Zip


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Anselm Maria Sellen und Karsten Lucke für pb21.de.
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Studienleiter und Mitglied des Leitungsteams im Europa-Haus Marienberg (Seminarleitung, Planung und Organisation) – (internationale) Jugendseminare thinkeurope mit europapolitischem Schwerpunkt. Digitale Medien in Bildungskontexten. Auf Twitter unter @amsellen zu finden und zu verfolgen. Anselm bloggt unter amsellen.com Foto von Anselm Sellen unter CC BY 3.0 DE.

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