PB041: Ein „PISA für OER“ – Open Education Benchmarking

Leonhard Dobusch und Jöran Muuß-Merholz. Foto von Kathrin Sele unter <a title="Zum Lizenztext" href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a>.

Leonhard Dobusch und Jöran Muuß-Merholz. Foto von Kathrin Sele unter CC BY 4.0.

#pb21-Podcast mit Prof. Leonhard Dobusch

Das Thema Open Educational Resources (OER) ist in der Politik angekommen. Über einige Good-Will-Erklärungen hinaus ist allerdings in den 16 Bundesländern wenig passiert – bisher. Nun wurde in Berlin die Studie „Open Education in Berlin: Benchmark und Potentiale“ vorgestellt. Prof. Dr. Leonhard Dobusch ist Autor der Studie. Im Gespräch mit Jöran Muuß-Merholz berichtet er von seinem Vergleich der OER-Aktivitäten der 16 Bundesländer. Außerdem stellt er Zukunftsszenarien und Handlungsempfehlungen vor, die Politik und Verwaltung für OER leiten könnten.

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Die Studie
„Open Education in Berlin: Benchmark und Potentiale“ (Studie als pdf | Summary als docx) wurde von der Technologie Stiftung Berlin (TSB) finanziert. Die Autor/innen sind Leonhard Dobusch, Maximilian Heimstädt und Jennifer Hill.

Viel Luft nach oben

Die Studie berücksichtigte sowohl den Bereich Schule wie auch Hochschule. Zunächst wurden nach einem Katalog das Vorhandensein von möglichen OER-Maßnahmen überprüft. Dabei wurden 80 Prozent aller Fragen nach konkreten OER-Aktivitäten verneint. Das Fazit der Studie: „OER ist in Deutschland noch nicht im Bildungsalltag angekommen.“ Allerdings gibt es zwischen den Bundesländern große Unterschiede. In Berlin, Brandenburg und Niedersachsen konnten immerhin jeweils mehr als drei OER-Aktivitäten dokumentiert werden.

Digitale Offenheit
Teil 1 der Studie wurde im Rahmen des Projekts [do:index] erhoben. Der Digital Openness Index / Digitale Offenheitsindex misst und vergleicht im deutschsprachigen Bereich die staatlichen Aktivitäten in den Bereichen Open Data, Open Source, Open Infrastructure, Open Policy und Open Education.

16 Bundesländer im Vergleich

Ganz vorne im Ranking – von Muuß-Merholz als „PISA für OER“ bezeichnet – stehen Berlin und Brandenburg, allerdings mussten auch hier noch über die Hälfte der Fragen verneint werden. Für den Hochschulbereich sieht Dobusch einen Ansatz mit Hebelwirkung in einem großen Wettbewerb. Dieser könnte nach dem Vorbild des Wettbewerbs „MOOC Productions Fellowship“ des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft mit der Plattform iversity organisiert sein. Als besonders erschwerende Bedingungen im Bereich Hochschule identifiziert Dobusch das Fehlen von Ansprechpartnern und Unterstützung für Lehrende in Sachen OER. Als infrastrukturelles Problem kommt hinzu, dass offene Lizenzierungen in verbreiteten Kursmanagementsysteme wie (das offene) Moodle oder (das proprietäre) Blackboard noch unzureichend berücksichtigt sind.

Für den Bereich Schule hält Dobusch eine Umstellung der Finanzierung von Lehr-Lern-Materialien und möglicherweise auch eine Zertifizierung für hilfreich. Darüber hinaus sei auch das bestehende Urheberrecht nicht auf Seiten von OER. Dobusch berichtet, dass gerade die Bildungsmedienverlage am stärksten die Schwierigkeiten mit den bestehenden Regelungen im Urheberrecht hervorhoben.

Leonhard Dobusch ist Juniorprofessor für Organisationstheorie an der FU Berlin. Er twittert als @leonidobusch und bloggt auf netzpolitik.org.

Drei Zukunftsszenarien für Berlin

Dobusch sieht auch in Berlin noch viel Luft nach oben. Zwar gäbe es einige vorbildliche Einzelinitiativen wie den Schulbuch-o-mat, über den ein freies Schulbuch für das Fach Biologie entwickelt wurde. Aber in die Breite kann OER seiner Einschätzung nach nur über eine Veränderung der Rahmenbedingungen gelangen. Um die Handlungsoptionen für den Bereich OER auszuloten, führten die Wissenschaftler Interviews mit allen Stakeholdern im Bereich Bildungsmaterialien (wobei Dobusch von einer sehr zurückhaltenden Mitwirkung der Schulverlage berichtet). Daraus wurden Szenarien für die Weiterentwicklung von OER im Schulbereich entwicklet. Als Handlungsoptionen entstanden so drei aufeinander aufbauende Szenarien (Kopie aus der Zusammenfassung der Studie):

  • Schulbücher. Foto von Jöran Muuß-Merholz unter <a title="Zum Lizenztext" href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a>.

    Schulbücher. Foto von Jöran Muuß-Merholz unter CC BY 4.0.

    Szenario 1 „Graswurzeln düngen“: Klares Bekenntnis der SenBJW zu OER, Veranstaltung von OER-Wettbewerben, OER als Fokusthema für Lehrkräftefortbildung sowie Benennung und Ausbildung von OER-Ansprechpartner/innen an Schulen.

  • Szenario 2 „OER Mainstreamen“: Entwicklung lehrplankonformer OER-Lernmittel für ein MINT-Fach der Mittelstufe, Veröffentlichung eines Kriterienkatalogs für OER-Lernmittel durch die SenBJW zur Ermöglichung von OER-Vorfinanzierung im Rahmen des bestehenden, dezentralen Einsatzes von Lernmittelbudgets.
  • Szenario 3 „Vorrang für OER“: Schaffung einer Stabsstelle OER in der SenBJW, Aufbau eines Berliner OER-Portals sowie monetäre Anreize für finanzielle Beteiligung an OER-Vorfinanzierung durch Schulen in Form eines OER-Bonus.

Dobusch sieht eine Reihe von „Kollateralnutzen“, die mit der Verbreitung von OER einhergehen. Der Kern sei aber, dass durch das Teilen von Inhalten in der Wissensalmende eine „positive Spirale“ zur Verbreitung und Verbesserung der Materialien in Gang gesetzt werden könne.

Mehr zu OER
Open Educational Resources, kurz OER, heißen Lernmaterialien, die unter einer offenen Lizenz angeboten werden. Das heißt das Material darf kopiert, verbreitet und bearbeitet werden.
Themen rund um OER bilden einen Schwerpunkt auf pb21.de. Einen Überblick über die Projekte, HowTo’s und Artikel, die zu OER auf pb21 zu finden sind, bietet das OER-Dossier.

Hilft eine OER-Plattform?

Angenehm überrascht zeigt sich Dobusch durch die Resonanzen auf die Studie. Von Seiten der Berliner Administration seien möglicherweise sogar Maßnahmen zu erwarten, die finanzielle Ressourcen benötigten. Positiv sei auch das mediale Interesse zu bewerten. So schrieb z.B. die Berliner Zeitung am 14.5.2014: „Digitale Plattform revolutioniert das Lernen“. Dort steht eine Plattform im Mittelpunkt, auf der OER gesammelt und gebündelt wird, möglicherweise in der Trägerschaft des Medienforums Berlin. Leonhard Dobusch ist da allerdings skeptisch: „Eine Plattform sollte eher am Ende stehen. Zunächst geht es darum, die Finanzierung umzustellen und dafür zu sorgen, dass Gelder für die Entwicklung von OER da sind.“

Insgesamt zeigt sich Dobusch aber sehr optimistisch: „Ich habe das Gefühl, das Thema nimmt in Deutschland enorm an Fahrt auf.“ In mehreren Bundesländern könne man in den nächsten Jahren mit verstärkten Aktivitäten rechnen.


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Jöran ist Diplom-Pädagoge und freiberuflich in verschiedenen Bildungsbereichen aktiv. Am liebsten mag er Schnittmengen aus 1. Bildung / Lernen, 2. Medien / Kommunikation und 3. Management / Organisation.

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