PB046: Digitale Medien in der Schule? Selbstverständlich!

Jöran Muuß-Merholz mit Charis Pape und Dietmar Johlen. Foto von Blanche Fabri unter <a title="Zum Lizenztext" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">CC BY 4.0</a>.

Jöran Muuß-Merholz mit Charis Pape und Dietmar Johlen. Foto von Blanche Fabri unter CC BY 4.0.

#pb21-Podcast mit der bemerkenswerten Oskar-von-Miller-Schule

Den Unterricht komplett umkrempeln – das hat sich die Oskar-von-Miller-Schule in Kassel vor sieben Jahren vorgenommen und bis heute umgesetzt. Die Schüler arbeiten jetzt mit großer Selbständigkeit und hoher Output-Orientierung. Digitale Lernumgebungen, digitale Materialien und selbst-erstellte digitale Ergebnisse sind selbstverständliche Grundlagen des neuen Lernens geworden. Der Lehrer Dietmar Johlen und die Schülerin Charis Pape erklären im #pb21-Podcast mit Jöran Muuß-Merholz das, was man früher „Unterricht“ nannte.

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Extended Podcast-Version
Dieser Podcast ist auch in einer Video-Fassung verfügbar. Darin sieht man nicht nur die Gesprächspartner, sondern auch die digitalen Lernumgebungen der Schule.

Video „Digitale Medien in der Schule? Selbstverständlich!“ von Jöran Muuß-Merholz unter CC BY 3.0.

An der Oskar-von-Miller-Schule, einer Berufsbildenden Schule in Kassel, begann der Umbruch 2005. Der Unterricht sollte grundlegend so verändert werden, dass die Schüler selbstständig lernen und dabei individuell unterstützt werden. „Wir bauen den Unterricht so lange um, bis genau das für unsere Schülerinnen und Schüler möglich wird.“ beschreibt Dietmar Johlen die damalige Stimmung im Kollegium. Johlen war bis 2012 Abteilungsleiter in Kassel.

Das Lernschrittkonzept

Digitale Medien sind heute zwar selbstverständlicher Teil des Unterrichts, aber am Anfang stand die Didaktik. Das von den hessischen Machern „Lernschrittkonzept“ getaufte Konzept verspricht den „Weg in eine neue Lehr- und Lernkultur“ (die Konzeption als pdf-Broschüre). Die Medien kamen dann im zweiten Schritt hinzu, um die Umsetzung der Ziele zu unterstützen.

Dietmar Johlen und die Schülerin Charis Pape, die an der Oskar-von-Miller-Schule eine zweijährige Ausbildung in der Informationstechnik absolviert, erklären den Wochenrhythmus an ihrer Schule: In jeder Woche beschäftigen die Schüler sich mit einem Schwerpunktthema. Am Montagmorgen recherchieren sie dazu. Einerseits stellen die Lehrer im Lernmanagementsystem (LMS) Materialien, Checklisten und Aufgabenvorschläge zur Verfügung. (Die Schule nutzt Moodle als LMS.) Die Schüler dürfen und sollen aber auch frei nach interessanten Themenaspekten forschen, die sie im Laufe der Woche vertiefen möchten. An die Sichtung der Materialien schließt die Lernschrittplanung an. In ihrem digitalen Portfolio (hier wird Mahara genutzt) planen die Schüler ihre Lernziele, die angestrebten Lernwege und mögliche Ergebnisse. Im Verlauf der Woche können sich die Schüler ganz auf ihre Arbeiten konzentrieren. Die Recherche und Aufbereitung der Inhalte ist dabei nur eine Hälfte des Lernweges. Jeder Schüler muss zu den bearbeiteten Inhalten selbst Wissensprodukte erstellen, z.B. eine Website, ein Podcast, ein Video oder andere, in der Regel digitale Werke. Der Unterricht ist weder durch einzelne Unterrichtsstunden noch bestimmte Pausenzeiten vorstrukturiert. Zum Abschluss der Woche bespricht jeder Schüler mit seinem Lehrer die erarbeiteten Materialien.

Mehr zum Thema
Lesen Sie zu diesem Thema auch einen Kommentar von Jöran Muuß-Merholz: „Es gibt keine digitale Didaktik!“ 

Über das Lernen an der Oskar-von-Miller Schule auf der re:publica 2014:

Video „re:publica 2014 – Lehrst Du noch oder lernst Du schon?“ von re:publica, nicht unter freier Lizenz.

Moodle und Mahara

Moodle und Mahara sind die zentralen Plattformen der Oskar-von-Miller-Schule. Moodle wird von den Lehrkräften gemeinsam als Team verwaltet. Das heißt: für jeden Themenbereich gibt es nur einen Moodle-Raum (und nicht etwas einen pro Lehrkraft). Dies fordere und fördere den Teamgeist der Lehrkräfte, aber auch die Qualität der Materialien, berichtet Dietmar Johlen.

Die Materialien werden dabei in der Regel nur verlinkt. Es wird auf Textquellen im Internet verwiesen, auf Videos, Mindmaps oder andere Quellen. Die Vernetzung mache die Aktualisierung der Materialien einfach. Es müssen keine Dokumente offline angepasst und erneut hochgeladen werden. Alle wird direkt im jeweiligen Online-Dienst bearbeitet. Auch traditionelle Schulbücher können Teil der Materialien sein. Insbesondere wird außerdem Wert darauf gelegt, dass die Lizenzen der Materialien klar sind. Die meisten Unterlagen dürfen im Sinne von OER weiterverwendet werden.

Was sind OER?
Open Educational Resources, kurz OER, heißen Lernmaterialien, die unter einer offenen Lizenz angeboten werden. Das heißt das Material darf kopiert, verbreitet und bearbeitet werden.
Themen rund um OER bilden einen Schwerpunkt auf pb21.de. Einen Überblick über die Projekte, HowTo’s und Artikel, die zu OER auf pb21 zu finden sind, bietet das OER-Dossier.

Über Lizenzen machen sich an der Oskar-von-Miller-Schule nicht nur die Lehrer Gedanken. Die Schüler erstellen im Verlauf ihrer Arbeitswoche viele Materialien und können selbst entscheiden, ob sie diese für Mitschüler oder noch mehr Menschen unter einer freien Lizenz zur Verfügung stellen. Die Schüler organisieren dies mit der Portfolio-Software Mahara. Diese macht das Teilen von Materialien, aber auch das Durchsuchen der Unterlagen von Mitschülern einfach. Schüler bearbeiten so nicht nur ihr Wochenthema und erstellen ihre eigenen Produkte. Die Plattform unterstützt sie dabei, sich mit Lizenzfragen und Urheberrechten auseinanderzusetzen, sie hilft beim Austausch mit Mitschülern aus anderen Klassen und bietet gleichzeitig eine Dokumentation des gesamten Kompetenzerwerbs jeden einzelnen Schülers. Die Schüler führen in Mahara durchgehend ihr Bewertungsportfolio, das auch Grundlage der wöchentlichen Fachgespräche ist. Außerdem können zusätzliche Bewerbungsportfolios angelegt werden. Hier können Bewerbungsunterlagen und Arbeitsproben auf einfache Weise z.B. mit potenziellen Arbeitgebern geteilt werden.

„Wende im Kopf“

Dietmar Johlen weiß, dass die Veränderung der Unterrichtskultur nicht leicht ist. „Das ist eine Wende, die im Kopf passieren muss.“ Dazu brauche es viel Kommunikation. Die neuen Regeln und Rituale werden auch weiterhin zwischen allen Beteiligten an der Schule verhandelt. Für die Seite der Lehrer lässt sich aber sagen, dass sich der Weg lohnt. Es mache Spaß sich als Lehrer seinen Schülern ganz individuell widmen und Inputs auf Nachfrage von Schülern vorbereiten zu können.
Charis Pape ist übrigens der Meinung, das der Einsatz digitaler Medien in der Schule nur dann scheitert, wenn diese zu wenig genutzt werden. Sie kennt ihre Vorteile beim selbstständigen Lernen: „Nur Selbstmachen führt dazu, dass ich die Dinge wirklich verstehe.“


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Tessa hat im August 2013 ihr Lehramtsstudium mit den Unterrichtsfächern Mathematik und Sport an der Universität Hamburg abgeschlossen. Sie hat sich während des Studiums insbesondere mit alternativen Formen von Schule und Lernen auseinandergesetzt. Die Verbindung von Lernen und Digital gehörte zu ihren liebsten Themen, was im Experiment gipfelte, das Studium papierfrei und iPad-zentriert abzuschließen. Tessa beschäftigt sich nun ohne Uni und Schule weiter mit diesen Themen.

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