PB047: „YouTuber sind die neuen Beatles“

Video „YouTuber sind die neuen Beatles“ von Tessa Moje und Jöran Muuß-Merholz unter CC BY 3.0.

#pb21-Podcast mit Daniel Seitz und Lars Gräßer

YouTube-Stars rufen heute die gleichen Reaktionen hervor wie einst die Beatles. Denn YouTube ist keine Videoplattform sondern ein Soziales Netzwerk. Also muss YouTube Teil von Jugendbildung sein. Über diese und weitere YouTube-Phänomene sprechen der Medienpädagoge Daniel Seitz und der Medienforscher Lars Gräßer mit Jöran Muuß-Merholz.

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Lars Gräßer

Lars Gräßer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Grimme-Institut und beschäftigt sich dort mit Medienbildung. YouTube faszinierte ihn schon lange privat, bevor es für ihn auch beruflich zum Thema wurde.

 

Daniel Seitz

Daniel Seitz ist Medienpädagoge und Gründer der Agentur Mediale Pfade. Er beschäftigt sich mit Medienbildung als Anteil von politischer Teilhabe, Selbstentfaltung und Kreativität. Für pb21 schreibt Daniel regelmäßig, unter anderem auch über YouTube als Netzwerk.

YouTube ist auf den ersten Blick eine Videoplattform im Internet. Doch Daniel Seitz ist sich sicher: Erst die Community macht YouTube zu dem, was es ist. Lars Gräßer ergänzt, dass es auf YouTube in erster Linie um Kommunikation, also den Austausch untereinander geht. Kommunikation auf YouTube findet auf verschiedenen Ebenen statt: Videos können kommentiert, „geliked” oder auch „gedisliked” werden, die Videos von Personen und Institutionen können abonniert und damit regelmäßig verfolgt werden.

Jugendliche bei YouTube

Jugendliche und Erwachsene nutzen YouTube ganz unterschiedlich: Erwachsene nutzen YouTube erst seit kurzem und gerne auch als Informations-Plattform.Lars Gräßer fasst zusammen: „Ich lerne Stricken, Ich baue ein Bett, …”. Für Jugendliche sind Kommunikation und unterhaltende Inhalte die wichtigsten Elemente im Netz. YouTube lässt beide Ebenen verschwimmen und kombiniert damit zwei wichtige Prozesse, die Jugendliche in der Pubertät erleben: Sie entdecken sich und ihre Fähigkeiten und möchten sich austauschen. Daniel Seitz beschreibt das Agieren von Jugendlichen auf YouTube folgendermaßen: „Für den Jugendlichen ist es das Natürlichste auf der Welt: Wenn ich was Neues lernen will, geh ich auf YouTube, denn dort ist sicher jemand, der das gleiche schon mal gemacht hat.” Vielen Jugendlichen gefalle es, wenn sie keinen anstrengenden Text lesen müssen, um Neues zu Lernen. Auf YouTube zeigt es ihnen ein Gleichaltriger einfach. Für die Jugendlichen wird es so selbstverständlich, selbst auch Inhalte zu produzieren und zu veröffentlichen. „Wenn andere das machen, dann ist es doch cool, wenn ich das auch mache.” Die Produktion und Veröffentlichung von Videos sei mittlerweile sehr nah dran an der Lebenswelt der Jugendlichen. Die Bandbreite der Inhalte, die auf YouTube veröffentlicht werden, ist enorm. Einerseits gibt es simple, schnell produzierte Videos von Jugendlichen, „quick and dirty“, wie Lars Gräßer diese nennt, auf der anderen Seite agieren auf YouTube mittlerweile professionelle Web-Video-Künstler.

Lernort YouTube

Screenshot (fällt nicht unter eine freie Lizenz).

Dieser Artikel ist Teil eines #pb21-Themenschwerpunktes.

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YouTuber

Diese YouTuber produzieren ihre Videos schon lange nicht mehr selbst im Kinderzimmer. Sogenannte Netzwerke organisieren, produzieren und unterstützen die YouTube-Stars. Diese „Popstars des neuen Jahrhunderts” erreichen Reichweiten, die bisher nur einigen Fernsehinhalten vorbehalten waren. Lars Gräßer beschreibt, was passiert, wenn jugendliche Fans und YouTuber bei Veranstaltungen aufeinander treffen: „Schreiende Jugendliche, so etwas hab ich vorher noch nie erlebt, es ist wirklich unfassbar, was für Reaktionen diese großen YouTube-Stars erzeugen.” Auch professionelle YouTuber werden durch ihre Community gestützt. Daniel Seitz beschreibt das harte Geschäft auf YouTube: Wenn sich die Community nicht mehr eingebunden fühlt, werden die Zugriffszahlen schnell weniger. Der Reiz der YouTube-Stars sei der, dass sie (vermeintlich) erreichbar sind. Wobei es einige Beispiele, wie zum Beispiel YTITTY gibt, deren Macher mittlerweile zu Bühnenstars geworden sind. (Viele Informationen zum professionellen YouTube trägt Bertram Gugel auf seiner Website zusammen.)

Jugendbildung

Wie passt YouTube nun in die Jugendbildung? In der Jugendbildung ist YouTube laut Lars Gräßer nur sehr bedingt angekommen. Vielmehr ist YouTube eine Herausforderung für die Medienpädagogik. Jugendarbeit hat eine lange Tradition in der Videoarbeit, ebenso konnten in den letzten Jahren eine Menge Fragen bezüglich Social Media geklärt werden, aber „die Verquickung”, sagt Daniel Seitz, „bringt uns zu ganz neuen Fragestellungen, denen wir nachgehen müssen.” In die Praxis müssten sich die Medienpädagogen jetzt hineinstürzen. Denn mit Blick auf den Stellenwert von YouTube unter Jugendlichen, würde niemand ernsthaft bezweifeln, dass Medienpädagogen sich nicht mit YouTube beschäftigen müssen.

Wird YouTube im Zusammenhang mit Jugendbildung diskutiert, wird oftmals über die auf den ersten Blick raue Kommentarkultur gesprochen. Daniel Seitz plädiert aber dafür genau hinzuschauen: Die YouTube-Community regele die Kommunikation selbständig. Je nachdem, wie ein Künstler sich in die Diskussion in seinem YouTube-Kanal einbringt, kann dieser die Kommentarkultur mitgestalten. Auf YouTube entstünden außerdem äußerst interessante Diskussionen, zum Beispiel wenn Jugendliche selbst medienpädagogische Projekte mit Minecraft diskutieren.

Jugendarbeit sollte immer auch als ein geschützter Raum möglich sein können. Eine Veröffentlichung auf YouTube könne daher nicht pauschal das Ziel aller Videoarbeit in der Medienpädagogik sein. Die Entwicklungen des Webvideos dürften aber auch nicht ignoriert werden. Daniel Seitz findet, dass der Umgang mit Öffentlichkeit, Urheberrecht und Persönlichkeitsrecht als spannende Fragen direkt mit in YouTube-Projekte einbezogen werden können. Lars Gräßer stellt aber auch fest, dass „manchmal der nicht-öffentliche Raum die einfache Antwort ist.“

Alles in allem muss YouTube als Handlungsfeld Jugendlicher auch in der medienpädagogischen Arbeit berücksichtigt werden und die Leistungen der Jugendlichen dort anerkannt werden: Jugendliche, die Inhalte selbst produzieren und gleichzeitig die Kommunikation in der eigenen Community pflegen, bringen eine Menge beeindruckender Kompetenzen mit.

Für diejenigen, die einen Eindruck von YouTube-Stars, ihrer Arbeit und den neuen Video-Formaten, die diese Jugendlichen entwickeln, bekommen möchten, empfehlen Lars Gräßer und Daniel Seitz Dr. Allwissend aus dem Wissensbereich, den Beauty-Channel daaruum und aus der let’s play-Szene PewDiePie.

PS: Danke an die Fachtagung „Ich zeig’s Dir… – YouTube-Fachtag“ des Bremer ServiceBureau Jugendinformation, an deren Rand wir dieses Interview aufzeichnen durften.


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Tessa hat im August 2013 ihr Lehramtsstudium mit den Unterrichtsfächern Mathematik und Sport an der Universität Hamburg abgeschlossen. Sie hat sich während des Studiums insbesondere mit alternativen Formen von Schule und Lernen auseinandergesetzt. Die Verbindung von Lernen und Digital gehörte zu ihren liebsten Themen, was im Experiment gipfelte, das Studium papierfrei und iPad-zentriert abzuschließen. Tessa beschäftigt sich nun ohne Uni und Schule weiter mit diesen Themen.

Kategorien: Bildung im digitalen Wandel, Dienste & Werkzeuge, Podcasts, Positionen & Debatten, Web-Video & Livestreaming Schlagworte: , , , , , , , , , , , , , , , ,