Bildung 2025: Vier düstere Szenarien (und ein kleiner Lichtblick)

Lernen im digitalen Klimawandel – Teil V

Foto „Indiana Governor, National Guard respond to tornado destruction [Image 6 of 24]“ von <a href="https://www.flickr.com/photos/dvids/6956044669">DVIDSHUB</a> unter <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a>.

Foto „Indiana Governor, National Guard respond to tornado destruction [Image 6 of 24]“ von DVIDSHUB unter CC BY 2.0.

Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Auf dem Feld der Bildung wird sich in den kommenden Jahren viel verändern. Und es wird nicht davon abhängen, dass sich alle nachdenklichen Akteure nach einer gründlichen Diskussion auf vernünftige Eckpunkte verständigen. Wir werden überrollt werden, wie immer. Wie wird unsere Bildungslandschaft im Jahr 2025 aussehen? Einiges lässt sich da durchaus vorhersagen. Die Kräfte, die da am Werk sind, prägen jetzt schon unsere Bildungslandschaft. Im Folgenden skizziert Martin Lindner vier Zukunftsszenarien. In jedem Fall wird eine wichtige Tendenz als dominant angenommen, die jetzt schon erkennbar ist. Was ergibt sich, wenn man das zu Ende denkt?

Wir stecken ja mitten drin in einer verworrenen Umbruchszeit. Das betrifft auch die Bildung, aber sie ist nur Teil von größeren Zusammenhängen: Digitalisierung, Globalisierung, Vernetzung. Die Gesellschaft wird sich sehr schnell weiterentwickeln, und damit auch die Spielräume und Sachzwänge, die die Bildungserfahrungen für jede/n Einzelne/n prägen. Ein Weg, um hier klarer zu sehen, sind Zukunftsszenarien. Man identifiziert also die mächtigsten Kraftlinien, die jetzt gerade untergründig am Werk sind. Indem man jeweils eine davon als dominant setzt, ergeben sich verschiedene Bildungswelten.

Der amerikanische „Edu-Futurist“ Bryan Alexander, hat das für die US-Situation durchgespielt. Im Folgenden entwerfe ich vier spezielle Szenarien für Bildung im Deutschland von 2025. Das ist ein bisschen so wie in diesen schwarzseherischen Science Fiction-Filmen, schon künstlich zugespitzt, aber leider durchaus nicht unrealistisch. Was genau passiert, hängt nicht zuletzt von technologischen Entwicklungen und der Frage ab, wieviel weniger Geld dann für die öffentliche Bildung zur Verfügung steht. (Dass es mehr wird, kann man ausschließen.) Aber es werden wohl noch andere Faktoren mitspielen. Hoffentlich ja auch die kollektive Vernunft, an die dieser Blogpost appelliert.

Szenario 1: Latein ist das neue Latein

Foto „Staatsbibliothek Berlin“ von <a href="http://www.flickr.com/photos/froutes/2168692895">Michael Mertens</a> unter <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/">CC SA BY 2.0</a>.

Foto „Staatsbibliothek Berlin“ von Michael Mertens unter CC SA BY 2.0.

2025 ist unser Bildungssystem so gefestigt wie nie zuvor: Universitäten und Gymnasien stehen in Blüte, Humboldt ist wieder Leitfigur. Der Widerstand der Lehrer und Universitätsdozenten gegen das Gerede von der „Bildungsrevolution“ war immer größer geworden. Während ringsum in Europa, USA und Asien die permanente Technologie-Revolution besinnungslos weitertobt, verweigert sich das alternde Deutschland der Globalisierungs-Rhetorik. Internat statt Internet. Schüler gehen in Anzug und Krawatte und erwarten von den Lehrenden, dass sie ihre Rolle mit Autorität und Charisma ausfüllen. Man liest wieder Cicero und lernt Gedichte.

Der wichtigste Treiber ist sozialpsychologisch: Eine Gegenreaktion des deutschen Wohlstandsbürgertums. Das ist aber nur möglich, weil um 2020 ein neues deutsches Wirtschaftswunder dafür Spielraum geschaffen hat. Das Selbstbewusstsein der Elite speist sich daraus, dass Deutschland nun unangefochtenes Führungsland in der EU ist. Deutsche dominieren die Konzernzentralen und die EU-Schlüsselstellen (die Grenzen verschwimmen). Ein Teil der Bildungselite übernimmt dort Leitungsfunktionen. Was dazu nötig ist, wird aber nicht im Bildungssystem gelernt, sondern in persönlichen Mentor-Beziehungen.

Digitale Technik ist natürlich allgegenwärtig, aber eher verpönt. Papier-Bücher erleben eine Renaissance, aber dort sind auch dünne Kunststoffseiten eingebunden, die als Screens funktionieren. Es gibt ein eigenes deutsches Bildungs-Netz mit hochwertigen Inhalten in komplizierter, nebensatzreicher Sprache. Die MINT-Welle ist vorbei, jedenfalls bei den oberen 15% der Gesellschaft, die jetzt in der „Höheren Bildung“ wieder unter sich sind. Nur Angehörige der unteren Gesellschaftsschichten fuchteln noch mit ihren Geräten herum. Sie werden dafür ausgebildet, die vollautomatisierte Infrastruktur am Laufen zu halten.

Ingenieur-Schulen sind die neue Realschule. Sie bereiten ab der 5. Klasse die geschrumpfte Mittelklasse (nicht mehr als 20% der Bevölkerung) auf Aufgaben in Industrie und HiTech-Handwerk vor. Sie bieten eine Mischung aus mehrwöchigen Präsenz-Schulungen, bei denen besonders viel Wert auf Disziplin gelegt wird, und Online-Lehre in englischer Sprache. Auch dieser Unterricht ist streng geregelt, Star-Professoren stehen im Zentrum. Ständige Prüfungen filtern diejenigen heraus, für die es noch gute Arbeitsplätze gibt. Die meisten anderen bekommen prekäre 1-Euro-Jobs. Programmieren wird nur noch an den früheren Hauptschulen gelehrt. Das ist (wie auch Web-Design) inzwischen ein prekärer Unterklassen-Job, denn automatisierte Entwicklungsumgebungen, die ständig verbessert werden, machen menschliche Arbeit auch hier weitgehend überflüssig.

Szenario 2: Standort Standort über Alles

Foto „SAP Meeting Room“ von <a href="https://www.flickr.com/photos/bezrukov/2560809487/in/pool-meetingrooms" title="Zur Bildquelle auf flickr">Vladislav Bezrukov</a> unter <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/" title="Zum Lizenztext">CC BY 2.0</a>.

Foto „SAP Meeting Room“ von Vladislav Bezrukov unter CC BY 2.0.

Die radikalen Bildungsreformen, die deutsche Spitzenmanager und Politiker seit den 1990er Jahren anmahnen, sind 2025 endlich abgeschlossen. Die Hochschulen werden mit Managermethoden aus Großkonzernen geführt. SAP-Effizienz ist das Leitbild, sowohl was die Finanzen als auch was die Lernergebnisse angeht, die ständig detalliert gemessen werden. Die Weichen stellen EU und OECD. Noten wurden abgeschafft und durch ein umfassendes Punktesystem für lebenslanges Lernen ersetzt.

Die Ziele der Digitalen Agenda wurden durch gezielte Exzellenz-Förderung weit übertroffen. Die erwachsen gewordene Generation Y verbindet nun die Tugenden der neuen deutschen Wirtschaftswunder-Generation mit der innovativen Energie des Silicon Isar Valley und dem unermüdlichen Lernwillen der Koreaner. Die deutsche Autoindustrie hat den Angriff von Google, Tesla und den Chinesen abgewehrt und ist stärker und innovativer als je zuvor, mit Industrie 4.0-Technologien, die von Spitzenforschern an der TU München und den Fraunhofer-Instituten entwickelt wurden. SAP hat sich neu erfunden und ist nun so etwas wie das Google des Internet of Things.

Wenn Deutschland im globalen Wettbewerb bestehen will, müssen alle studieren: 2025 ist das beinahe umgesetzt. Wegen des strengen Sparkurses und der enormen Zahl der Studierenden geht das natürlich nur, indem die Masse weitgehend auf Online-Bildung umgestellt wurde. Präsenzlehre ist nur für die Besten verfügbar, die sich im jährlichen Wettbewerb um MINT-Elitestipendien durchsetzen. Ansonsten wird erwartet, dass sich motivierte Studierende in lokalen Lerngruppen sammeln. Die ständigen Prüfungen werden mehr und mehr automatisiert, auch Freitexte werden automatisch benotet. Daneben durchläuft jede/r einmal pro Jahr ein Assessment-Center, das Soft Skills und Durchsetzungsvermögen testet.

Zusammen mit den Bildungskonzernen Pearson und Coursera wurden die MOOC-Plattformen zu einem allumfassenden, intelligenten LMS-System perfektioniert, das den Lernprozess von klein an begleitet und dokumentiert. Mit dem neuen SCORM 4.0-Standard wird jeder Klick und Blick aufgezeichnet, um die persönliche adaptive Lernumgebung immer weiter zu verfeinern. So ist auch dafür gesorgt, dass sich das Lehrangebot permanent weiter optimiert. Kollaboration in Teams wird dabei großgeschrieben, das spielt für Innovation und Wettbewerb eine Schlüsselrolle. Die Zusammensetzung der Semester-Lernteams wird nach neuesten psychologischen Erkenntnissen vom System festgelegt. Jede/r bekommt so genau die Herausforderungen, die für sie/ihn persönlich passen.

Lernende sind immer online, aber es gibt kein Konzentrationsproblem mehr. In der neuen IT-Welt wird das wilde, wirre Internet von smarten Algorithmen herausgefiltert. Im Übrigen hat niemand mehr Zeit dafür: Ab 16 muss jede/r die Teilnahme an fünf großen Lernprojekten nachweisen. Der Masterabschluss mit spätestens 24 Jahren ist für alle qualifizierten Arbeitsplätze Voraussetzung. Danach ist ständige formale Weiterbildung mit Zertifikaten im Drei-Jahres-Rhythmus selbstverständlich, geschieht aber auf eigene Verantwortung und Rechnung.

Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs ist das Geld für öffentliche Aufgaben noch knapper geworden. So viel wie möglich wird über die Wirtschaft kofinanziert. Die Grenzen zwischen Lernen und Arbeiten verschwimmen: Lehrinhalte werden laufend auf reale Anforderungen der Wirtschaft abgestimmt, umgekehrt ist in alle digitalisierten Arbeitsvorgänge das permanente Weiterlernen schon eingebaut. Auch hier sammelt man laufend Qualifizierungspunkte, die über die Höhe der Bonuszahlungen entscheiden.

Szenario 3: Google Apple Cyber Campus

Man  mit Datenbrille

Foto „Orlovsky and Oculus Rift“ von Sergey Galyonkin unter CC BY SA 2.0.

2025 hat sich herausgestellt, dass der wirkungsvollste Treiber in der Bildungswelt gar nicht die Planer und Manager sind, sondern die Konsumenten-Elektronik. Das Internet ist dabei immer unwichtiger geworden, an seine Stelle tritt  augmented computing, d.h. überall in der physischen Welt sind multimediale Datenschnittstellen. Es entsteht eine allgegenwärtige zweite Schicht von Information, Kommunikation und Wissen, zu der man mit Daten-Brillen (Weiterentwicklungen von Google Glass und Oculus Rift) und smarten Mobilgeräten (die schon lange kein „Telefon“ mehr sind) jederzeit Zugang hat. Davon profitieren alle, denn diese Geräte kann sich jeder leisten.

Die wirtschaftliche Lage ist schwierig, Europa wird immer weiter an den Rand gedrängt. Die Schul- und Universitäts-Infrastruktur verfällt immer weiter, aber das ist nicht so schlimm. Ohne digitale Brille betrachtet, sieht zwar alles immer heruntergekommener aus. Die öffentlichen Gelder reichen gerade dafür, die Dächer abzudichten. Aber man muss ja auch die Bauten, Labore und Bibliotheken gar nicht mehr teuer unterhalten. Alles wird simuliert und virtuell in den Raum projiziert, sowohl für die studierende Elite, die sich Präsenzphasen noch leisten kann, als auch für die ärmere Mehrheit, die Schulen und Hochschulen vor allem in virtueller Ko-Präsenz besucht. Viele sind nur noch ein- oder zweimal pro Woche vor Ort. Sonst ist es für die Mehrheit ein bisschen so wie früher Second Life, nur eben sehr viel „echter“.

Bei der digitalen Infrastruktur und beim Content springen Google, Facebook, Apple und Amazon ein, die inzwischen auch die herkömmlichen Verlage geschluckt haben. Didaktisch spielt Gamification die entscheidende Rolle: Das Design von Bildungsprozessen orientiert sich am Muster von Online-Rollenspielen. Lehrende werden nur noch wenige gebraucht, vor allem als Online-Tutoren und Coaches. Die alten Strukturen für Verwaltung und Logistik werden abgebaut. An die Stelle der Mensa treten Starbucks und vegane Fastfood-Ketten, an die Stelle von Studentenheimen die AirBnB-Zimmervermittlung. Die Stimmung ist gut, unerreichbares Vorbild und Modell aller Bildungsinstitutionen ist der Google-Campus.

Szenario 4: Nach der großen Krise

Szene aus "Stalker" (Spielfim)

Screenshot aus „Stalker“ von Andrej Tarkovsky (1979), Spielfilm in voller Länge online gestellt von der Produktionsfirma Mosfilm (Link zu Youtube), nicht unter einer freien Lizenz.

Globalisierung, Automatisierung und Digitalisierung haben bis 2025 unsere Wirtschaft und Gesellschaft noch schneller aufgelöst als erwartet. Schulen und Hochschulen haben sich derweil als unreformierbar erwiesen. Das lag an allen Beteiligten: Lehrende, Studierende, Politiker, Bürgertum. Das alte Bildungssystem hatte eine wichtige symbolische Funktion. Im großen Umbruch klammerten sich alle so lang an ihren gewohnten Rollen und Routinen, wie es irgendwie ging. Aber nach der Finanzkrise 2022 und dem großen Zusammenbruch der Eurozone war dieses System dann schlicht nicht mehr finanzierbar.

An seine Stelle ist nichts Bestimmtes getreten. Der ausgedünnte Bildungsbetrieb wird immer weiter zurückgefahren und ist inhaltlich völlig veraltet. Überall gibt es zwei oder drei Pioniere, die auf eigene Faust mit neuen Lehr- und Lernformen experimentieren, aber sie bekommen weiterhin kaum Unterstützung. Die offizielle Lehrerbildung wurde de facto ersetzt durch selbstorganisierte Netzwerke (Edchat, Educamp). Es gibt immer mehr Quereinsteiger und Einspringer, die auf Stundenbasis bezahlt werden, in Mindestlohnhöhe. An den Hochschulen, abgesehen von den etwa 10 „Exzellenzuniversitäten“, ist die Situation nicht viel besser. Die Lehrpläne sind kaum verändert, die Zertifikate inzwischen fast bedeutungslos. Viele fragen sich, wozu sie überhaupt ein teures Studium aufnehmen sollen.

Die Wirtschaft schrumpft und fällt als Sponsor aus. Mitten im Auflösungsprozess wird überall improvisiert, so gut es geht. In manchen Regionen bilden sich Selbsthilfegruppen, von Landkreisen gefördert und/oder durch Crowdfunding finanziert, oft rund um Volkshochschulen und Bibliotheken, die ebenfalls nach einer neuen Rolle suchen. Mühsam formt sich ein Graswurzel-Netzwerk deutschsprachiger Bildungsaktivisten, die nicht an herkömmliche Bildungsinstitutionen gebunden sind, inspiriert von englischsprachigen Open Education-Netzwerken, in denen Geisteswissenschaftler und Open Source-Entwickler sich schon lange zusammengeschlossen haben.

Weil die offiziellen Bildungsinstitutionen versagen, muss jede/r sich auf eigene Faust darum kümmern, die neue Welt zu verstehen und sich für die neue prekäre Arbeitswelt vorzubereiten. Die glänzenden neuen Bildungstechnologien haben sich alle als Flops erwiesen. Weder MOOC-Massenkurse noch „adaptive Lernplattformen“ sind dem Hype auch nur annähernd gerecht geworden. Alle sind wieder zurückgeworfen auf das wilde, unübersichtliche Internet. Die Breitbandinfrastruktur in Deutschland ist immer noch schlechter als fast überall sonst in der Welt, aber für Text und niedrig aufgelöste Streaming-Videos reicht es. Es kommt zu einer Renaissance von Wikis, Blogs und dem Indieweb. Für Bildung muss das nicht unbedingt ein Nachteil sein: Das Web hat ja von Anfang an gezeigt, dass weniger oft mehr ist. —

Zugegeben, das ist alles ziemlich schwarz gemalt. Am allerwahrscheinlichsten ist es natürlich, dass alles ungefähr so bleibt, wie es ist, während die Welt sich weiter massiv verändert. Das wäre dann eine undeutliche Mischung dieser vier Szenarien, aber ohne große Krise, die alles schlagartig verschärft und verdeutlicht. Auch nicht sehr beruhigend.

Und wo bleibt das Positive? Schwer zu sagen. Wo ist ein absehbarer Überschuss an Energien, an Optimismus, schon auch an Geld? Wo entstehen zivilgesellschaftliche Initiativen aus echten Bedürfnissen heraus, die nicht in eine vermeintlich bessere Vergangenheit zurückwollen? Und wie verbinden sich diese Initiativen, wie überschreiten sie die kritische Schwelle, an der sie sich gegenseitig verstärken? Wie könnte sich ein politischer Wille formieren? Schreiben Sie die Antworten unten in die Kommentare. Oder ins Web.


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Maertin Lindner berät Organisationen und Unternehmen dabei, wie sie Wissens- und Lernprozesse mit den Mitteln des Web neu gestalten können. Autor, Blogger, Speaker.

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