Freie Materialien remixen – will das überhaupt jemand?

Foto „VSE PLanspiel“ von Karsten Lucke unter CC BY 3.0.

Foto „VSE PLanspiel“ von Karsten Lucke unter CC BY 3.0.

Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus einem gescheiterten OER-Projekt

OER ist im Trend – immer mehr Bildungsmaterialien erscheinen unter einer freien Lizenz. Dahinter steht nicht nur die Idee, dass die Inhalte frei weitergenutzt, kopiert und verändert werden können. Die „Königsdisziplin“ von OER sieht vor, dass Dritte die Veränderungen wieder veröffentlichen und OER so kontinuierlich weiterentwickelt wird. Da das in der Praxis bisher aber so gut wie gar nicht geschieht, haben wir im Frühjahr 2014 gezielt einen Aufruf zum OER-Remix gestartet – und sind damit gescheitert. Welche Schlüsse kann man daraus ziehen?

Das Europahaus Marienberg hatte gemeinsam mit pb21.de im Frühjahr 2014 ein Planspiel zur europapolitischen Bildung veröffentlicht. (Die gesamte Vorgeschichte wird im letzten Drittel dieses Artikels beschrieben.) Gleichzeitig wurden die Leser/innen zur Bearbeitung und Wiederveröffentlichung aufgerufen, wofür persönlicher Support angeboten wurde. Während der entsprechende Beitrag in den sechs Monaten bis heute ca. 2.000 mal aufgerufen wurde, ist keine einzige Bearbeitung daraus entstanden. Korrekter gesagt: Zumindest wissen wir von keiner Bearbeitung. Das schließt natürlich nicht aus, dass Menschen die Materialien 1. genutzt und ggf. 2. verändert haben. Nur 3. die Wiederveröffentlichung gibt es bisher nicht. Was bedeutet das und woran kann es liegen?

Es ist noch nicht vorbei
Zwar gibt es ab sofort über pb21 keinen persönlichen Support mehr für die Arbeit mit den Planspiel-Materialien. Aber selbstverständlich bleiben die Materialien weiterhin OER – können also frei genutzt, verändert und auch in veränderter Form weitergegeben werden. Diese Geschichte muss also noch nicht vorbei sein … 

OER braucht Pioniergeist – genau jetzt!

Bevor die kritische Reflexion in den Vordergrund rückt, soll eine grundsätzliche Feststellung eingeflochten werden. Im unteren Teil wird die Frage aufgeworfen, inwiefern OER aufgrund der in diesem Teilprojekt gemachten Erfahrungen für „tot erklärt werden kann“. Es gibt einige Fehler bzw. nicht vorab einzukalkulierende Faktoren, die in diesem speziellen Fall zu negativen Erfahrungen geführt haben. Das ist sehr gut so. Und es wäre auch verwunderlich, wenn sich auf einem neuen Gebiet wie den OER sofort ausschließlich Erfolge einstellen. Wenn die politische Bildung und die Träger, die diese anbieten und umsetzen, sofort auf eine Erfolgsgeschichte nach der anderen mit OER schreiben würden, dann könnte man dies sehr schnell in das Alltagsgeschäft einbauen und in der bewährten Arbeit mitfließen lassen. Das dies noch nicht der Fall ist, zeigt das hier beschriebene Beispiel. Das ist umso mehr ein Grund dafür mit mehr Anstrengung, mit mehr Engagement und letztlich auch mit mehr finanzieller Ausstattung in dieses „unerforschte“ Feld zu investieren. Einer muss immer anfangen, sich eine blutige Nase holen, aufstehen, noch einmal probieren, wieder hinfallen, um dann nach und nach die Schwachstellen und Defizite auszumerzen. So kann eine breitere Masse am Ende mit den gewonnenen Erfahrungen in die aktive und gewinnbringende Nutzung einsteigen. Es ist ein  Prozess, der anfangen muss. Die negativen Erfahrungen aus diesem Planspielprojekt sollten animieren und Mut zur Fortsetzung geben, anstatt zu glauben, dass nun alles für immer vorbei ist und OER in keinem Fall einen Mehrwert für die politische Bildung bedeutet. Es sei nur an die Kritiker erinnert, die zu Beginn der Implementierung von Social Media und digitalen Tools in die politische Bildung, das Glas halb leer und nicht halb voll gesehen haben. Ein Blick in die heutige Landschaft politischer Bildung verrät in vielen Bereichen, dass sie nicht recht behalten haben, auch aufgrund von Prozessen, den OER erst noch gehen müssen.

Nun sechs Thesen, was in einem OER-Prozess nicht nach Plan laufen kann und worauf die Beteiligten achten sollten:

  1. These: OER-Beteiligung bedeutet Einsatz von eigenen Ressourcen, die nicht vorhanden sind

Eine grundlegende Einschätzung ist, dass die Ressourcen zu einer wirklichen Teilnahme oft nicht vorhanden sind. Mögliche Teilnehmer/innen sind von der Arbeit innerhalb des Prozesses abgeschreckt. Es besteht durchaus Interesse, das Bildungsmaterial zu benutzen und im eigenen Umfeld einzusetzen. Darüber hinaus aber auch für Dritte Weiterentwicklungen vorzunehmen, diese zu dokumentieren und unter CC-Lizenzen dann wieder zur Verfügung zu stellen, stellt offensichtlich eine Hürde dar, weil der Arbeitsaufwand hoch ist. Das schließt allerdings nicht aus, dass Anwender/innen von OER-Bildungsmaterialien diese tatsächlich nutzen und auch adaptieren. Dieser Entwicklungsprozess bleibt dann aber oft in den eigenen vier Wänden verhaftet. Eine verwendbare Dokumentation für neue Nutzer findet nicht statt.

  1. These: Der Umgang mit CC-Lizenzen erzeugt Unsicherheit

In diesem Testlauf gab es Stimmen, die auf eine mangelnde Kenntnis mit dem Umgang mit CC-Lizenzen hinwiesen: Was ist erlaubt, wie setze ich es tatsächlich um, was darf ich ändern? Das sind offensichtlich Fragestellungen, die für viele Bildungsengagierte nicht in vollem Umfang klar und deutlich sind und die hemmend auf eine Veröffentlichung wirken. Daraus lässt sich schließen, dass eine breitere Masse einer kostenfreien Nutzung neuer Materialien durchaus positiv gegenübersteht. Ein Engagement zu einer aktiven Weiterentwicklung ist dann nur bei sehr wenigen Protagonisten vorhanden.

  1. These: Das Internet regelt nicht alles von selbst.

Das OER-Projekt war ein sehr offener Prozess, der ohne vorhandene Partnerstruktur gestartet wurde. Das bedeutet, dass die OER-Materialien online zur Verfügung gestellt wurden, in der Annahme, dass sich Partner finden, die das Planspiel spielen und als OER-Projekt weiterentwickeln. Es wäre sicher erfolgversprechender gewesen, wenn zusätzlich zu der offenen Ansprache an alle Interessierten, auch ein engerer Kreis vorhanden gewesen wäre, der sich sicher um eine Realisierung gekümmert hätte. So wären zumindest Ergebnisse für das Planspiel entwickelt worden. Der Glaube, dass die pure Zurverfügungstellung im Internet automatisch ein Interesse und eine Umsetzung garantiert, hat sich nicht bestätigt.

  1. These: Face-to-Face-Begegnung bleibt ein wichtiger Aspekt

Anknüpfend an die letzte These ist und bleibt es wichtig, dass sich die Partner in einem Projekt auch persönlich treffen, um eine nachhaltigere Verpflichtung gegenüber dem Projekt zu generieren.

Letztlich ist der gesamte Prozess digital realisiert worden – das Planspiel und die dazugehörigen Materialen mittels Dateien, die Erklärung des OER-Prozesses sowie der Aufruf zur Teilnahme an diesem Prozess. Inwiefern eine Präsenzveranstaltung geholfen hätte, kann sicher nur vermutet werden. Dennoch zeigen unterschiedliche Erfahrungen, dass viele Menschen besser und nachhaltiger kooperieren, wenn in den Prozess zumindest ein persönliches Treffen eingeflochten ist. Bei allen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation und gar der Möglichkeit des kollaborativen digitalen Zusammenarbeitens, erzeugen persönliche Treffen sehr oft eine ganz andere Dynamik und Vebindlichkeit, nachhaltig in dem Prozess engagiert zu sein und zu bleiben.

  1. These: Die Projektmultiplikation kann eine Gefahrenstelle sein

Die Frage nach der Multiplikation eines solchen Prozesses muss natürlich auch immer hinterfragt werden. Das Projekt hatte selbstverständlich Budgetrestriktionen, die uns eine Werbung in dem Maße erlaubte wie es realisiert worden ist. Das bedeutet gleichzeitig, dass wir nicht sicher sein können, dass wir all diejenigen erreicht haben, die potentiell auch Interesse hätten haben können. Die Erreichbarkeit der möglichen Zielgruppe muss daher immer sehr stark durchdacht und kritisch überprüft werden. Eine Optimierung ist sicher über eine konkretere Projektpartnerschaft zu erzielen.

  1. These: Es braucht kritische Masse

Häufig wird argumentiert, dass die allermeisten Menschen Inhalte passiv nutzen (90%), ein kleinerer Teil sie aktiv nutzt (9%) und ein noch kleinerer Teil die Inhalte aktiv er-/bearbeitet (1%; vgl. „Ein-Prozent-Regel“). Es scheint plausibel, dass es eine gewisse kritische Masse braucht, damit einige „sehr Aktive“ dabei sind. Hinzu kommt, dass das Thema „Ein Planspiel für die Europabildung“ nicht unbedingt ein Millionenpublikum anspricht. Insofern mag auch im Fehlen der kritischen Masse ein Grund dafür liegen, dass das Remix-Projekt gescheitert ist.

Ist OER-Remix damit tot?

Sechs Thesen, die alle negativen Erfahrungen in sich bündeln. Ist OER damit tot? Keineswegs, denn wir betrachten nicht das Tool der Open Educational Resources als gescheitert, sondern lediglich diesen speziellen Prozess. Sicher gibt es keine Garantie, dass eine andere Herangehensweise erfolgreicher gewesen wäre. Außerdem ist nicht auszuschließen, dass das Planspiel im Jahr 2015 und 2016 vielleicht doch noch Adaptionen und Entwicklungen erfährt, die aber erst dann dokumentierbar sein werden. Das Material bleibt auf pb21.de weiter verfügbar und lädt zum Spielen und zur Weiterentwicklung ein. In der geplanten Zeitvorstellung ist es nicht möglich gewesen. Mittlerweile gibt es bestimmte Punkte innerhalb des Planspiels, die sich beim Spielen im Europahaus Marienberg herauskristallisiert haben, die ergänzt oder geändert werden könnten. Da es beim Urheber des Spiels möglich ist, wird dies auch durch andere Protagonisten möglich sein. Die Möglichkeit OER gewinnbringend zu nutzen, bleibt unseres Erachtens eine große Chance für die Bildungslandschaft, auch wenn der Prozess immer ein offener und in Teilen unkalkulierbarer Weg bleibt.


Die Vorgeschichte – Die Entstehung des OER-Projektes

Das Planspiel „Die Vereinigten Staaten von Europa“ wurde durch das Team des Europahauses konzipiert und realisiert. Um das Spiel nicht in seiner ursprünglichen Variante erstarren zu lassen, sondern einer breiteren Kritik zu unterwerfen, entstand die Idee, das Spiel in einen OER-Prozess einzubinden. Ziel war es, möglichst viele unterschiedliche Protagonisten und Zielgruppen die Simulation spielen zu lassen. Es sollte ein kritisches Hinterfragen und im Idealfall eine inhaltliche Weiterentwicklung stattfinden.

Kick-off mit zwei Artikeln, Erklärvideo, Webtalk und massig Planspieldateien

Der gesamte OER-Prozess startete mit einigem Aufwand auf pb21.de. Das Planspiel wurde vor- und die Idee des OER-Prozesses dargestellt – ein lauter Aufruf zum Mitmachen inbegriffen. Das Planspiel wurde als kostenloser Download in drei unterschiedlichen (offenen) Dateiformaten zur Verfügung gestellt. Damit war auch gewährleistet, dass potentielle Partner und Nutzer die Chance und Möglichkeit hatten, die Materialen ihren eigenen Vorstellungen entsprechend weiterzuentwickeln und anzupassen. Das gesamte Material wurde unter die Creative Commons Attribution International 4.0-Lizenz (CC BY 4.0) gestellt. In einem Webtalk wurde das Gesamtprojekt noch einmal audio-visuell erläutert.

Zeitplanung und Realisation

Die Planung sah vor, dass die gewonnenen Partner im Laufe des Sommers 2014 bis in den Herbst 2014 hinein das Planspiel in ihrem Wirkungs- und Aktionskreis durchführen. Zusätzlich bestand die Möglichkeit zur Inanspruchnahme von Unterstützung aus dem Europahaus Marienberg. Support über die verschiedensten Kanäle: Austausch und Beratung über das Internet (Hangout, Skype, Facetime etc.), Telefon- oder schriftlicher Support und auch ein persönliches Treffen mit den Autoren aus dem Europahaus Marienberg wäre möglich gewesen, um Unterstützung bei Vorbereitung und Durchführung zu bekommen. Der Abschluss des OER-Prozesses war für Ende 2014 anvisiert, mit einem neuen Artikel auf pb21 zu den Auswertungserkenntnissen der spielenden Partner und deren möglichen Weiterentwicklungen der Simulation. Den krönenden Abschluss sollte ein Webtalk mit Beteiligten bilden, die noch einmal von ihren Erfahrungen hätten berichten und erzählen können.

Vom Projektstart bis zu den 6 Thesen

Die Werbungsphase verlief nach dem Start auf pb21.de relativ schleppend und führte nicht dazu, dass konkrete Partner für den Prozess gewonnen werden konnten. Die nachgeschaltete Multiplikation des Projektes führte dann aber doch zur Gewinnung von (Spiel)Partnern. Erfreulich war, dass es unterschiedliche Zielgruppenvertreter waren, die sich gemeldet hatten, die sich über das gesamte Bundesgebiet verteilten. Das war sehr vielversprechend und der Prozess schien auf einem guten Weg zu sein. Die zögerliche Anfangsphase machte dabei schnell deutlich, dass vor der Sommerpause keine Ergebnisse mehr erzielt werden würden. Eine Verlängerung des Projektzeitraums war die logische Konsequenz. Die Reaktivierung der Partner ab September 2014 brachte dann aber Ernüchterung. Einige Partner antworteten überhaupt nicht mehr, andere zogen sich aufgrund mangelnder Ressourcen zurück oder gaben zu erkennen, dass ein Spielen der Simulation nicht mehr in 2014 möglich ist, das Interesse aber weiterhin besteht. Zusätzliche Partner hatten sich in der Zwischenzeit nicht mehr gefunden.

Damit war der Prozess in dieser Phase derart ins Stocken geraten, dass eine Realisierung mit den anvisierten Zielen nicht mehr realistisch war.

Fazit

Politische Bildung, die sich als offener Prozess versteht und neue und innovative Wege geht, muss auch negative Erfahrungen ertragen und damit arbeiten. Es geht nicht immer gleich alles gut, es werden nicht sofort perfekte und vorzeigbare Ergebnisse erzeugt. Trotz eines „gescheiterten“ Prozesses gibt es wichtige Erfahrungen, die entscheidend für die zukünftige Auseinandersetzung sind. Wichtig ist, diesen Prozess nicht jetzt im Keim zu ersticken, sondern den Pioniergeist zu haben, genau jetzt weiterzumachen.


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Der Artikel (Text) auf dieser Seite steht unter der CC BY 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Karsten Lucke und Anselm Sellen für pb21.de.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken finden sich direkt bei den Abbildungen.

Studienleiter und Mitglied des Leitungsteams der Europäischen Bildungsstätte Europa-Haus Marienberg – Bildungsschwerpunkte: Europäische Jugendbildung thinkeurope, politische Bildung und digitales Lernen / Implementierung von Social Media in die politische Bildung.

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